Das war ein kostbarer, seltener Abend: Für zwei Stunden weiteten sich die Räume des Quasimodo, des engen Jazzkellers an der Kantstraße, zur Kathedrale; demütig senkten die Menschen ihr Haupt zum Dankgottesdienst. Seit 30 Jahren singen Eyeless in Gaza ihre trostspendenden Lieder. Aber ein Vierteljahrhundert hat es gedauert, bis Martyn Bates und Peter Becker am Sonnabend erstmals wieder in Berlin zu erleben waren, von ihrer alten Weggefährtin Elizabeth S mit Banjo und Gesang begleitet.
Eyeless in Gaza - nach dem Roman von Aldous Huxley benannt - kommen aus den englischen Midlands; ihre musikalische Laufbahn begannen sie Ende der 70er-Jahre im Umfeld von Industrial und Postpunk. Auf dem Londoner Cherry Red Label veröffentlichten sie ihre ersten Platten neben Bands wie Felt, The Monochrome Set oder Everything But The Girl. Zum zeittypischen Interesse an Klangcollagen und ent-humanisierten Sounds kam bei Eyeless in Gaza jedoch früh eine Faszination mit dem verschwindenden Humanen selbst, mit der Musik der Folk-Tradition: etwa jenen Songs und Balladen, die der Ethnologe Alan Lomax in den 50er- und 60er-Jahren im englischen und schottischen Hinterland sammelte. Mit akustischen Gitarren und Banjos, aber auch Synthesizern, Drum Computern und klirrend dünn angeschlagenen E-Gitarren - wie Johnny Marr sie später bei The Smiths nachempfand - erschufen sie aus dem musikalischen Erbe eine hymnisch-strahlende Songwriterkunst, die nicht zuletzt von Martyn Bates' wunderbarer, weicher Falsettstimme lebte. Auf der bis dahin erfolgreichsten Platte der Band, "Back from the Rains" von 1986, wurde der Synthesizer vollends zum dominanten Element: Das jubilierende, von schmerzhafter Wieder-Auferstehung kündende Titelstück war zur Freude des Publikums im Quasimodo in der Zugabe zu hören.
In der Verschränkung von Industrial und Folk, von "urbaner" New Wave und "ländlicher" Liedtradition ähneln Eyeless in Gaza etwa Current 93. Deren Gothic-Anklänge fehlen ihnen jedoch völlig: Bei allem spirituellen Interesse, bei aller Faszination mit der Schroffheit entlegener Landschaften und Lebensformen gibt es hier keine Düsternis, sondern nur Helle. Mag Martyn Bates in seinen Liedern noch so erschröckliche Dinge berichten - bäuerliche Klagegesänge aus kargen Landstrichen, Moritaten von Leid und verlassenen Liebsten: Seine Musik drückt niemals nieder, sondern erhebt den Hörer; sie klagt nicht, sondern verkündet Vertrauen.
Bates hat in den letzten Jahrzehnten auch zahlreiche interessante Solo-Projekte betrieben. Er hat mit dem Free-Jazz-Saxofonisten Lol Coxhill gearbeitet und mit dem Napalm-Death-Schlagzeuger Mick Harris ein Album mit "Murder Ballads" aufgenommen. Seine eindrucksvollsten Arbeiten aber bleiben jene mit Eyeless in Gaza. Wie er in lyrischen Landschaftsbildern menschliche Gemütslagen zu spiegeln versteht; wie er von musikalischen Nostalgien unmerklich auf die Trugbilder des Erinnerns kommt - das ist gleichermaßen reflektiert und herzzerreißend. Und auch nach dreißig Jahren hat seine Stimme nichts von ihrer Sicherheit, ihrer Wärme, ihrer schimmernden Weichheit verloren. Martyn Bates strahlt, wenn er singt, und er singt so schön: Lange schon hat uns keine Wiederbegegnung mit alten Freunden so beseelt und wenig nostalgisch in die Nacht entlassen.
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Foto: Eyeless in Gaza: Martyn Bates (vorne) und Peter Becker am Sonnabend in Berlin.