Nieder mit den Geschlechterklischees! Sat.1, der Kampfsender für Gleichberechtigung und Gender-Fragen, stellt seinen Donnerstagabend nun ganz in den Dienst der Sache. Mit gleich zwei neuen Serien räumt der Sender mit den herkömmlichen Rollenzuschreibungen auf - die Berufswahl der Protagonisten ist allerdings nicht ganz so originell: endlich mal wieder Anwälte und Ärzte. Da ist also einmal ein Macho-Karrierejurist, der plötzlich alleinerziehender Vater wird, und eine Neurochirurgin, die im Stehen pinkelt. Heißt es zumindest.
Das ist nur eines der Dinge, mit denen Susanne Molberg (Sabine Orléans), ihrer Leibesfülle wegen auch Dr. Molly genannt, Patienten und Klinikkollegen einschüchtert. Als eine Art weiblicher Dr. House ist sie fachlich genial und menschlich, nun ja, speziell. Weil sich das aufs Betriebsklima und die Kundschaft auswirkt, bekommt die Neurochirurgin eine Psychologin an die Seite gestellt, Carlotta, also Karl, Edelhardt (Susanna Simon), zusammen sind sie "Dr. Molly & Karl" und so ziemlich das Beste, was in letzter Zeit an deutschen Serien ausgedacht wurde - vor allem dank der großartigen Dialoge, die Autor Martin Rauhaus ins Drehbuch geschrieben hat.
Endlich eine Arztserie, bei der es mehr aufs Reden ankommt als aufs Fühlen. Nicht jeder mit jedem ist das Thema, sondern jeder gegen jeden. Denn natürlich will Dr. Molly die Neue schleunigst loswerden, der eitle Karrierist Dr. Jansen Mollys Job und Streber Wienandt es allen zeigen. "Dies ist nicht der Weitpinkelwettbewerb!", muss Dr. Molly ihr Team schon mal ermahnen. Für ein bisschen Gefühl sorgt die Dornenvögel-mäßige Fast-Romanze zwischen Karl und dem smarten Klinikseelsorger (Roman Knizka).
Vor allem aber ist Sabine Orléans als Dr. Molly endlich mal eine komplexe Figur, die ebenso glaubhaft knallhart wie im richtigen Moment watteweich sein kann, die nicht nur kluge Sprüche drauf hat, Heidegger und Marx bemüht, Dart spielt und im OP "Simon & Garfunkel" hört, sondern sogar - Gott sei Dank - ein funktionierendes Privatleben hat.
Davon ist der Anwalt Alex Degen (René Steinke) in "Plötzlich Papa - Einspruch abgelehnt" weit entfernt. Alex ist, so stellt er sich gerne vor, einer der besten Anwälte Berlins, fährt Porsche, vergnügt sich im Penthouse und auf seiner Yacht und gewinnt gerissen-gewissenlos jeden Fall. Bis das Jugendamt in seinem Büro sitzt, mit einem dunkelhäutigen, acht Monate alten Baby auf dem Schoß, das seines ist, und Alex auch noch seinen Job verliert, weil er der Frau des Chefs ein bisschen zu oft ein bisschen zu nah gekommen ist. Er zieht in eine Alt-68er-Gutmenschen-Kanzlei in Kreuzberg. Dort vertritt er Brieftaubenbesitzer und Porno-Omas, seine Kollegin lässt ihn ständig abblitzen und Katy Karrenbauer passt als Putzfrau auf sein Baby auf.
René Steinke spielt den Alex sympathisch größenwahnsinnig und großmaulig, nur leider ist das Babyfüttern, Babywickeln und Babyschaukeln ein bisschen eintönig und dialogtechnisch noch unergiebig. In der zweiten Folge bekommt die Serie dank der skurrilen Fälle dann langsam mehr Schmiss.
Aber egal, ob herrschsüchtige Ärztin oder selbstsüchtiger Anwalt, ihre Geschichten sind Entwicklungsgeschichten. Beide werden Folge für Folge zu besseren Menschen. So viel Bildungsfernsehen hätte man Sat.1 gar nicht zugetraut.
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Plötzlich Papa - Einspruch abgelehnt; 20.15 Uhr, Sat.1 Dr. Molly & Karl; 21.15 Uhr, Sat.1
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Foto: Medizinisch ein Ass, menschlich eher eine Null: Dr. Molly (Sabine Orléans, r.) kennt sich im menschlichen Gehirn anatomisch bestens aus.