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SERIE B

"Ich habe meinem Körper viel abverlangt"

Stefan Ustorf tritt mit den Berliner Eisbären am Sonntag zum ersten Mal in der neuen Arena am Ostbahnhof an

Karin Bühler, Jannis von Oy

Herr Ustorf, sind Eishockeyspieler harte Männer?

Das muss man sein. Dafür ist unser Spiel, was den Körperkontakt angeht, zu intensiv. Ab und zu muss man auch mal dazwischen hauen.

Kann man Härte lernen?

Wir haben einmal in Kaufbeuren die Übung gemacht, sich in Schüsse zu werfen, aber da ist einem sofort die Hand gebrochen. Ich war damals 17. Diese Sachen muss man sich von erfahrenen Spielern abschauen. Ich blocke viele Schüsse. Wenn man das richtig macht, ist das nicht gefährlich.

Aber man spürt den Schuss?

Oh ja. Ich habe mir in den Playoffs den Fuß gebrochen beim Blocken. Der Puck ist eine Hartgummischeibe. Die schießen die Jungs mit 130, 140 km/h. Wenn dir den jemand an die Stelle schießt, wo du keinen Schutz hast, geht was kaputt.

Fühlen Sie sich durch die Schutzkleidung dennoch sicher?

Ja. Man vertraut seiner Ausrüstung. Funktioniert das immer? Nein. Ich bin dann auch so einer, der Sachen wegschneidet, damit ich mich anständig bewegen kann.

Wo schneiden Sie was weg?

Überall. Ich sitze in der Kabine, habe eine Schere in der Hand und schneide. Die Ausrüstung, die aus dem Laden kommt, kann man so nicht anziehen. Das ist zu viel.

Tragen Sie einen Mundschutz?

Nein. Den vertrage ich nicht. Ich kriege dann einen Brechreiz. Außerdem rede ich viel während des Spiels. Und das kann ich mit Mundschutz nicht so gut.

Ist das nicht gefährlich?

Nee. Meine Zähne sind eh schon falsch. Was soll passieren? Dann kriege ich neue.

Wann haben Sie zum ersten Mal einen Puck ins Gesicht bekommen?

Ich habe meine vorderen zwei Schneidezähne verloren, da war ich elf oder zwölf. Es gab einen Zusammenstoß, da hat mir mein Gitter meine Zähne rausgedrückt.

Was hat Ihr Vater dazu gesagt?

Der hat gelacht.

Können Sie Ihre schlimmsten Verletzungen aufzählen?

Ich habe meine linke Schulter zwei Mal komplett neu machen müssen: zwei Mal Haarbruchriss plus Bänder und Kapsel gerissen - total reconstruction. Das Gleiche ein Mal rechts. Das linke Knie habe ich mir fünf Mal komplett abgerissen, das rechte zwei Mal. Den linken Fuß habe ich zwei Mal gebrochen, den rechten ein Mal, vier oder fünf Mal habe ich mir die Bänder im Knöchel gerissen. Dann hatte ich fünf oder sechs Gehirnerschütterungen, einen Kahnbeinbruch am linken Handgelenk. Da gibt es ein Band zwischen Kahn- und Mondbein, das gerissen ist, zusammen mit 'nem Knochenbruch. Wegen dieser Verletzung war ich bei vier Spezialisten, die alle gesagt haben: Karriere-Aus.

Und Sie haben nach den vier Spezialisten einen fünften gefragt?

Ich habe so lange weiter gesucht, bis ich den gefunden hatte, der gesagt hat: Ich kann Sie zwar nicht reparieren, aber versuchen Sie halt, damit weiter zu spielen. Mehr wollte ich nicht hören.

Sie können auch Ihre Arme nicht mehr richtig heben ...

... ja, ich kriege die Arme nicht mehr über den Kopf. Ich habe Probleme, Sachen, die hoch im Schrank stehen, runter zu holen.

Haben Sie ständig Schmerzen?

Ja, ich habe konstante Schmerzen. Jeden Tag. Das linke Handgelenk, beide Schultern, beide Knie.

Bereuen Sie es, irgendwann mit Eishockey angefangen zu haben?

Nein. Keine Sekunde, ich würde alles wieder genauso machen.

Was denken Sie über Fußballer, die schmerzhafte Fouls simulieren?

Soll ich das ernsthaft beantworten? Das ist eine Sache, die im Eishockey sehr verpönt ist. Wenn ein Spieler schauspielert und so tut, als wäre er schwer verletzt, denkt man: Irgendwann sorge ich dafür, dass ihm wirklich was weh tut.

Sie sind dann bewusst unfair?

Nein, ich habe noch nie in meiner Karriere versucht, jemanden zu verletzen. Aber Körperkontakt ist ja im Eishockey erlaubt. Es gibt Situationen, in denen man sagt: Okay, jetzt lasse ich die Scheibe mal sein und konzentriere mich darauf, dass ich diesen Spieler so hart wie möglich checken kann.

Verschafft man sich so Respekt?

Auch das gehört dazu. In Nordamerika darf man sich im Eishockey prügeln. Da kriegt man seine fünf Minuten Strafzeit, dann ist das Thema erledigt. Das kann man in Deutschland nicht, da gibt es eine Spieldauerstrafe und ein Spiel Sperre. Es hat beides seine Vorteile.

Haben Sie sich auf dem Schulhof ab und zu geprügelt?

Nie. Ich gehe Prügeleien aufs Übelste aus dem Weg, denn da habe ich Angst. Da laufe ich lieber weg.

Wie viel Voltaren haben Sie in Ihrer Karriere geschluckt?

Viel zu viel. Ich habe ein bisschen Sorge, was das Alter angeht. Ich werde jemand sein, der im Alter von 40, 45 erhebliche körperliche Probleme haben wird. Bis jetzt hat man mir gesagt, ich muss mein Handgelenk versteifen lassen, ich brauche zwei künstliche Knie, und wenn die Medizin soweit ist, künstliche Schultern. Ich habe meinem Körper sehr viel abverlangt und werde sicher dafür bezahlen. Aber die Entscheidung habe ich früh getroffen in meiner Karriere.

Wann war das?

Ich war damals in Amerika sehr, sehr oft lange verletzt und hatte irgendwann die Schnauze voll vom Zuschauen. Ich habe fälschlicherweise angefangen, zu früh zurückzukommen, Verletzungen nie hundertprozentig auszukurieren.

Sie haben viel mit Schmerztabletten unterdrückt?

Ich versuche, so wenig wie möglich zu nehmen. Na gut, ich habe über einen Zeitraum von sechs, sieben Jahren jeden Tag Schmerzmittel genommen.

Macht es Sinn, die Schmerzgrenze künstlich zu verschieben?

Für mich hat es Sinn gemacht, weil ich dadurch eine Karriere gehabt habe.

Man kann seinen Körper auch mit unerlaubten Mitteln überlisten.

Das würde ich nie machen. Niemals. Vielleicht lasse ich mir in gewissen Momenten in der Saison Schmerzmittel geben, die ich zu einem anderen Zeitpunkt nicht nehmen würde. Ja. Um mich in den Playoffs vom Eis zu halten, muss schon verdammt viel passieren.

Sie zwingen sich aufs Eis und werden danach wieder abtransportiert?

So war letztes Jahr die ganze Kabine bei uns. Da haben sich mehrere zum Eis geschleppt und sind nach dem Spiel wieder in die Kabine gekrochen. Sechs, sieben Mann. Brandon Smith hatte sich oberhalb vom Knöchel den Fuß gebrochen und die Bänder gerissen, und er hat drei, vier Mal versucht zu spielen.

Das hatte eine Teamdynamik?

Ja, diese Dynamik haben wir letztes Jahr gehabt. Deshalb haben wir gewonnen. Du siehst, dass jeder dazu bereit ist, alles zu geben. Steve Walker hat mit einem gerissenen Kreuzband gespielt. Und wenn der mit einem gerissenen Kreuzband spielt, setze ich mit einem gebrochenen Fuß nicht aus.

Klingt nach Masochismus.

Nein, das hat einfach mit dem unbedingten Willen zu tun, Eishockey zu spielen. Ich liebe diesen Sport. Eishockey ist außer meiner Familie das Wichtigste in meinem Leben. Das, was Eishockey mir gibt - Meisterschaften gewinnen zu können, mit Kumpels, mit Freunden, dazu die Fans - das ist es alles wert. Ich werde sicher einer sein, der mit 50 noch mit seinen Kumpels auf dem See rumläuft.

Wie geht denn Ihre Frau mit Ihrer Einstellung um?

Sie mault ein bisschen. Sie sagt schon mal: Jetzt reicht's. Lass dir bei Verletzungen Zeit. Aber wir sind seit 14 Jahren zusammen, sie kennt mich gut genug, um zu wissen, dass es egal ist, was sie dann sagt.

Haben Sie außerhalb des Eishockeys etwas durch Verletzungen verpasst?

Ich kann zum Beispiel mit meinem Sohn kein Baseball spielen. Ich kann keinen Ball mehr werfen. Das stinkt mir ein bisschen. Aber dann findet man halt andere Wege: Wenn er mir den Baseball zuschmeißt, habe ich einen Tennisschläger in der Hand und spiele zurück.

Leiden Sie mit, wenn sich Ihr Sohn das Knie aufschlägt?

Das ist nicht so schlimm. Aber mein Sohn ist noch verrückter als ich. Er ist elf. Er macht Sachen, die hätte ich als Kind nie gemacht, diese X-Games: Skateboard, BMX, Rollerblades. Da schüttel' ich den Kopf.

Verbieten Sie ihm das?

Wenn ich es verbiete, dann macht er es, wenn ich weg bin. Da stehe ich lieber daneben und versuche zu kontrollieren. So böse sich das vielleicht anhört, irgendwann muss er sich vielleicht mal wehtun, dass er merkt, da kann mir was passieren, da höre ich lieber auf damit.

Hat bei Ihnen so nicht funktioniert.

Nee, hat es nicht. Aber ich hoffe, dass er intelligenter ist als ich.

Normalerweise achtet doch jeder Mensch gut auf sich.

Das mache ich auch. Ich achte sehr auf meinen Körper, trainiere sehr viel. Ich achte auf meine Ernährung. Aber ich habe immer auf eine Art gespielt, die nicht unbedingt perfekt war für meinen Körperbau. Ich bin nicht der Größte und habe immer versucht zu spielen, als wär' ich ein Großer. Das war vielleicht nicht besonders schlau.

Wären Sie gern größer geworden?

Sehr gerne sogar. Sehr gern.

Gibt es andere Dinge, die Sie in ihrem Leben geschmerzt haben?

Meine Frau hat Krebs gehabt im Alter von 31 Jahren. Wir haben viel durchmachen müssen, sie natürlich viel mehr als ich. Vom Empfinden her wäre mir jede Verletzung zehn Mal lieber. Da würde ich meiner Frau sofort alles abnehmen, was sie hat durchmachen müssen.

Sind Sie mit anderen viel empfindsamer als mit sich selbst?

Ich versuche immer, einfühlsam zu sein, beschützend. Ich würde sowieso niemandem raten, mit seinem Körper so umzugehen, wie ich das gemacht habe. Ich versuche, den jungen Spielern zu sagen: Kümmert euch um euren Körper, trainiert viel. Lasst Verletzungen ausheilen und behandeln.

Haben Sie je vor Schmerz geweint?

Nein, niemals.

Auch nicht, weil Sie mal wieder aussetzen mussten?

Nee, da werde ich dann eher böse, angefressen, aggressiv. Und stürze mich so schnell wie möglich wieder ins Training und übertreib's dann auch ein bisschen. Ich versuche so, meinem Körper zu zeigen: Du kannst mich mal. Wir werden schon sehen, wer hier der Boss ist.

Das klingt, als würden Sie ein Duell mit Ihrem Körper austragen.

Ja, das ist es auch. Ich hab' nicht den Körper gekriegt, den ich hätte haben wollen. Er hat nicht so mitgespielt, wie ich mir das meine Karriere lang vorgestellt habe, deshalb bin ich im ständigen Duell, weil ich vom Kopf her sehr viel mehr will, als mir mein Körper geben kann.

Und derzeit steht's Unentschieden?

Der Körper gewinnt. Haushoch.

Interview: Karin Bühler und Jannis von Oy

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Unter der Rubrik Serie B erscheinen in loser Folge Interviews mit bekannten Sportlern aus der Region.

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Verletzlich

Familiäres: Stefan Ustorf, 34, ist in Kaufbeuren geboren. Sein Vater Peter war ebenfalls Eishockeyprofi, später Trainer bei den Berlin Capitals. Von ihm hat Ustorf den Spitznamen Hooligan geerbt. Seit 1996 ist er mit der Amerikanerin Jodi verheiratet, das Paar hat zwei Kinder.

Sportliches: Seine Karriere begann Ustorf beim ESV Kaufbeuren. Später spielte er sieben Jahre in den USA. Seit er 2004 zu den Eisbären kam, wurde er mit den Berlinern drei Mal Meister. Nach vier Olympia- und sechs WM-Teilnahmen trat der oft verletzte Profi kürzlich aus dem Nationalteam zurück. Er absolvierte 128 Länderspiele, viele als Kapitän.

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Foto: "Auf dem Eis gibt es keine Softies": Stefan Ustorf sagt, dass er nur zu Hause jammert.