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UNTERM STRICH: FRAGEN

Wie lange braucht man für 33 Sekunden?

Jan Kage

Sie haben ein 33-sekündiges Werk mit 70 200 einzelnen Samples produziert und reichen dafür am Freitag in Berlin 70 200 Einzelnachweise bei der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte ein. Was haben Sie denn gegen die GEMA, dass Sie ihr so viel Arbeit machen wollen?

JOHANNES KREIDLER: Ich hab erst mal was gegen das geltende Urheberrecht, und der Austragungsort dafür ist nun mal die GEMA. Ich bin gar nicht grundsätzlich gegen die GEMA, ich bin selbst Mitglied, sonst könnte ich ja gar nichts einreichen. Mir geht es um zwei Dinge: Einerseits darum, dass Sampling, Remixen und die Verbreitung von Kultur im Internet der heutigen Technologie gemäß sind und legal sein sollten. Andererseits, dass eine Diskussion darüber geführt werden sollte, wie Künstler unter diesen Umständen zu einer angemessenen Honorierung ihrer Arbeit kommen können. Ich zeige jetzt einfach mal, was falsch läuft. Es ist absurd, dass für ein 33-sekündiges Stück 70 200 Formulare eingereicht werden müssen. Aber es steht symbolisch für die riesigen Mengen Material, mit denen man heute kreativ arbeiten kann.

Auf ihrer Homepage www.kreidler-net.de schreiben Sie: "Jede kreative Arbeit benutzt fremdes Material." Wo liegt denn die Grenze zwischen Plagiat und Original?

Das weiß kein Mensch. In der Gesetzgebung gibt es den Begriff "Schöpfungshöhe". Aber was ist denn diese "Schöpfungshöhe"? Genau da setz ich an. Auf ihrem Anmeldungsbogen schreibt die GEMA, dass noch der kleinste Teil relevant ist. Und das übertreibe ich eben. Ich sage: In heutigen, digitalen Zeiten kann so ein kleiner Teil unhörbar klein sein, trotzdem melde ich ihn an. Das ist ein Problem, das man lösen muss. Es kann ja nicht sein, dass die Kunst nur noch von Juristen verhandelt wird.

Wie kommt diese Zahl zustande, warum sind es genau 70 200 Zitate und Einzelnachweise?

Die Zahl habe ich willkürlich gewählt. Ich wollte eine riesige Zahl, die man sich nicht mehr vorstellen kann, aber die ich als Einzelner noch handhaben kann und die im Verhältnis zu den 33 Sekunden technologisch noch einigermaßen gut funktioniert. Es geht mir um ein Zeichen, das politisch beabsichtigt ist und daraus soll was zustande kommen. Die Bundesjustizministerin Frau Zypries wurde bereits vom Deutschlandfunk gefragt, ob sie mit mir ein Gespräch führen will, hat aber abgelehnt. Vielleicht kommt es ja doch noch.

Wie sieht denn so ein Einzelnachweis aus?

Auf einem Formular muss man ausfüllen was von welchem Komponisten verwendet wurde, wie das Stück heißt, wie lang es ist usw.

Und wer füllt alle 70 200 Formulare aus, wie werden sie transportiert?

Zum Glück gibt es Computer, ich habe den Vorgang automatisiert. Insgesamt werden wohl zehn Tintenpatronen allein für den Ausdruck drauf gehen. Wenn die Anträge fertig sind, müssen sie dann zur GEMA-Zentrale gebracht werden. Ich habe aber noch keine Kisten. Momentan stapeln sie sich auf drei Türmen, die größer sind als ich selbst. Ich werde diese Papiermenge wohl nicht allein verladen können. Dafür brauche ich noch Helfer. Wenn Leser mithelfen wollen, können sie sich gerne beteiligen.

Wie lange hat diese Aktion gedauert?

Das Stück zu komponieren etwa vier Stunden, das Ausfüllen der Formulare sechs Wochen.

Wie lange wird die GEMA wohl zum Bearbeiten brauchen?

Die Frage ist, ob sie die Formulare überhaupt annehmen. Die Pressesprecherin der GEMA hat mich neulich angerufen und sagte, ich hätte es schon geschafft, dass ihre Pressestelle lahm gelegt wurde, weil die mit Fragen überhäuft wurde. Die Journalisten wollten wissen, wie die GEMA reagieren wird. Sie werden die Anträge wohl annehmen, ob sie allerdings wirklich bearbeitet werden, weiß ich nicht. Vielleicht finden sie ja einen Formfehler. Eigentlich ist es so, dass sie es unmöglich bearbeiten können - und es wäre ja auch Quatsch. Es geht darum, dass das System geändert wird und nicht darum, dass sie diesen Wahnsinn wirklich bearbeiten. Denn dann steht in zwei Monaten einer mit 100 000 Formularen vor der Tür. Die GEMA soll nicht lahm gelegt werden, sie soll aktiv werden und was gegen die aktuelle Situation unternehmen.

Das Gespräch führte Jan Kage.