Heftige Kritik bis hin zu Vergleichen mit der NS-Zeit hat die Entscheidung der Deutschen Welle in China hervorgerufen, der stellvertretenden Redaktionsleiterin des chinesischen Programms, Zhang Danhong, vorerst öffentliche Auftritte und die Arbeit am Mikrofon zu untersagen. "Das Nazigespenst geht wieder um", titelte beispielsweise die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua.
Hintergrund sind anti-demokratische Äußerungen der 42-jährigen Zhang (Berliner Zeitung vom 20. August). In einer Hörfunkdiskussion hatte sie geäußert: "Die Kommunistische Partei Chinas hat mehr als jede politische Kraft der Welt zur Verwirklichung des Artikels 3 der Erklärung der Menschenrechte beigetragen." Artikel 3 gewährt das unverbrüchliche Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person. Über die in China bestehende Internet-Zensur erklärte sie: "Ich denke, hier in Deutschland kann man auch nicht jede Seite aufrufen, zum Beispiel Kinderpornografie." Einen Tag, nachdem die Berliner Zeitung über den Fall berichtet hatte, nahm die Deutsche Welle Zhang aus dem Programm. Ihre Stelle konnte sie behalten.
Seither berichten chinesische Medien teils polemisch, teils schlicht wahrheitswidrig über den Fall. Vor allem die Nachrichtenagentur Xinhua tut sich dabei hervor. Am 28. August veröffentlicht sie zum Beispiel einen Bericht ihres Berliner Korrespondenten Shi Xiang, der schreibt, Zhang habe ihm bestätigt, sie sei am 26. August in einer "Anprangerungssitzung" fristlos gekündigt worden. Zudem behauptet er, dass der Autor eines Zhang-kritischen Artikels im Magazin Focus einen Falun-Gong-Hintergrund habe.
In einem weiteren Artikel zitiert Xinhua eine chinesische Wissenschaftlerin, die lange in Deutschland gelebt habe und nun ein starkes Anwachsen anti-chinesischer Ressentiments beobachte. Die Deutschen hätten ihre Nazi-Vergangenheit nicht reflektiert, heißt es in dem Text. Bis heute gebe es "die Schwäche, leichtfertig an die Hetze der Politik und die einseitige Berichterstattung der deutschen Medien zu glauben". Mehrfach zieht der Autor Vergleiche zu NS-Praktiken.
Und am 30. August erscheint ein Artikel bei Xinhua, der ausführlich ein Interview Zhangs mit einer chinesischen Zeitung analysiert. Zhang sagte der Zeitung sinngemäß, dass es in Deutschland keine Meinungsfreiheit gebe. Xinhua nimmt das als Beweis dafür, dass der Westen für die sozialistische Demokratie kein Vorbild sein kann.
Die Deutsche Welle erklärt auf Nachfrage, dieses Interview habe nicht stattgefunden. Eine Redakteurin der in Deutschland erscheinenden regime-kritischen Zeitung Epoch Times fragte zudem bei Zhang nach und erfuhr, dass die auch dem Berliner Xinhua-Korrespondenten kein Interview gegeben hat. Eine "Anprangerungssitzung" gab es ebenfalls nicht.
Angefacht von den Agentur-Berichten entwickelt sich auch auf chinesischen Websites eine Welle der Empörung. Mittlerweile wird mit dem Boykott deutscher Produkte gedroht. Chinesische Dissidenten sprechen von einer orchestrierten Kampagne. Xinhua ist nicht nur die größte Nachrichtenagentur der Welt, sondern laut Reporter ohne Grenzen die "größte Propaganda-Agentur der Welt". Aus einem aktuellen Report geht hervor, dass Xinhua von der Propaganda-Abteilung der Kommunistischen Partei Chinas kontrolliert wird. Dissidenten weisen zudem mit Blick auf die zahlreichen aktiven Websites darauf hin, dass auch hier die Propagandaabteilung mitwirke. "Volkes Stimme" werde über die "Partei der fünf Mao" simuliert. Für jedes hetzerische Posting gebe es fünf Mao - etwa fünf Cent.
Die Deutsche Welle sitzt derzeit zwischen allen Stühlen. Während die amtlichen Medien dem Sender Zensur vorwerfen, beklagen Dissidenten, das chinesische Programm der Welle sei von roter Propaganda unterwandert. Der Sender selbst veröffentlichte im Fall Zhang eine Pressemitteilung, die einige Fakten gerade rückte, aber weitgehend unbeachtet blieb. Derzeit sei das Programm in einigen Regionen Chinas noch komplett abrufbar, in anderen teilweise oder gar nicht, sagte ein Sprecher. Vergleichbare Erfahrungen habe die Deutsche Welle in den vergangenen Jahren immer wieder in China gemacht.
Aber auch Zhang könnte durchaus noch selbst Opfer chinesischer Propaganda werden. Ihr könnte es ergehen wie der Rollstuhlfahrerin Jin Jing, die im April beim olympischen Fackellauf von Tibetern angegriffen wurde. Jin wurde als Nationalheldin hymnisch gefeiert. Dann übte sie Kritik an Chinas Politik und wurde als Nestbeschmutzerin tituliert. Zhang hatte der Berliner Zeitung noch vor kurzem versichert, sie vertrete natürlich nicht die Linie der Partei.
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Foto: Zhang Danhong, DW-Redakteurin mit Mikrofon-Verbot
Foto: Blick in einen chinesischen Kiosk: Das Angebot ist vielfältig, wird aber von den Behörden weitgehend kontrolliert.