MARIN MAJICA denkt ganz vorsichtig über den Wandel in Prenzlauer Berg nach.
Ob Prenzlauer Berg eine Erfolgsgeschichte ist? Von 1993 bis 2007 wurden 131 Millionen Euro in die Sanierung des Kiezes investiert. Ende des Jahres wird das Sanierungsgebiet aufgelöst, da ist es angebracht, nach dem Nutzen der Investition zu fragen. So gibt es Stimmen, die es nicht gerade für eine Erfolgsgeschichte halten, wenn nur etwas mehr als 17 Prozent der heutigen Bewohner schon vor 1993 im Viertel lebten. Manch einer sieht in diesem Befund den Beweis für einen dramatischen Verdrängungswettbewerb, für einen mit Steuergeld bezahlten zudem.
Andererseits attestieren viele Bewohner Prenzlauer Berg eine Lebensqualität, die es so nur in wenigen anderen Bezirken gibt. Ob die sich zwangsläufig auch ohne Sanierungsprogramm entwickelt hätte, ist eine müßige Frage. Fakt ist: Das Leben in diesem Quartier ist familienfreundlich, jung, interessant, dynamisch und im Vergleich zu München und Hamburg noch immer bezahlbar.
Dass diese Qualität zu einer stetigen Verteuerung des Kiezes führt, folgt dem Gesetz der Gentrifizierung: Am Anfang kommen Hausbesetzer, dann Galerien, junge Kreative, zuletzt Anwälte, Ärzte und Rentner aus West-Deutschland, die Eigentumswohnungen kaufen. Man kann das furchtbar finden. Sinnvoller ist es vielleicht, über Mechanismen nachzudenken, wie dem kompletten Ausverkauf im Detail entgegengewirkt werden kann. Aber man sollte das äußerst vorsichtig tun. Ein Soziologe, langjähriger Bewohner und Erforscher von Prenzlauer Berg, wurde 2007 drei Wochen lang in Untersuchungshaft genommen, weil er in Texten das Wort "Gentrifizierung" verwendet hatte. Man hatte ihn für einen Terroristen gehalten. Seite 26