Der Mann sitzt im Schneidersitz auf dem Asphalt, in einer Parklücke. Vor ihm liegen Papierfetzen und ein paar Dollarnoten. Seine nackten Armen ragen aus der viel zu großen Weste hervor, die Schulterknochen stechen aus dem Fleisch. Der ausgemergelte Körper ist nach vorne gebeugt. Es ist September 1993, der Mann ist HIV-positiv, er starrt auf einen Bürgersteig im New Yorker Stadtteil Lower East Side.
Wer heute durch die Straßen dieses Viertels geht, kann jene Szenen kaum wiedererkennen, die der Fotograf Q. Sakamaki festgehalten hat. Drogenabhängige und Obdachlose sind aus dem Stadtbild fast völlig verschwunden. Auch die Bilder von leerstehenden Backsteingebäuden wird man nicht mehr aufnehmen können. Damals zogen die verfallenen und verlassenen Häuser Musiker, Maler, Schauspieler und Poeten aus aller Welt an, mit dem Versprechen, in dieser Umgebung abenteuerliches, unbeugsames Leben führen zu können. Heute gilt die Lower East Side als einer der begehrtesten Stadtteile Manhattans. Hier betreibt der Musiker Moby seine vegane Bar, hier kostet ein Ein-Zimmer-Apartment nicht selten 3 000 Dollar im Monat.
Q. Sakamakis Fotobuch gilt dem, was dazwischen lag. So widmet er sich nicht dem Elend, sondern denjenigen, die den Kampf dagegen aufnahmen. "Nur Elend zu fotografieren, das mache ich nicht", sagt er in einem Café neben dem Tompkins Square Park. "Ich wollte die kraftvolle Energie der Bewegung festhalten - wie Menschen für ihre Interessen einstehen, wie sie einander helfen."
Zum 20. Jahrestag der sogenannten "Tompkins Square Riots" hat er gerade seine damaligen Aufnahmen veröffentlicht: In der Nacht vom 6. August 1988 lieferten sich die Bewohner des Stadtteils mit der Polizei eine Straßenschlacht, in der es zu über 100 Verletzten kam. Anlass war eine nächtliche Ausgangssperre, die Obdachlose aus dem Park vertreiben sollte. Letzterer wurde damit zu einem Symbol für "eine der politisch und avantgardistisch bedeutsamsten Bewegung in der New Yorker Geschichte", wie Q. Sakamaki in der Einleitung des Buches schreibt: Jene Nacht im Park vereinte diejenigen, die sich gegen die sogenannte "Aufwertung" ihres Stadtteils einsetzten.
Politik und Presse stellten die Auseinandersetzungen seinerzeit als Aufstand herumstreunender Jugendlicher und gelangweilter Punks dar. Doch Q. Sakamaki zeigt etwas anderes: Auf einem Foto stehen inmitten der Menschenmassen zwei alte Frauen, die Handtaschen vor die Brust gehängt. Sie tragen Schilder mit der Forderung "Money for Housing not for the Pentagon". "Mir war wichtig zu zeigen, dass das kein Protest der untersten Schichten war", sagt Q. Sakamaki. "Das war die ganze Nachbarschaft."
Die Schwarz-Weiß-Fotografien sind intime Porträts der "Loisaida", wie sich die Menschen des Stadtteils nannten. Sie stellen den Betrachter mit auf die Straße und erwecken so dessen Mitgefühl. Andererseits zeigen sie auch, dass die gewalttätigen Verhältnisse die Menschen nicht unberührt ließen. So sieht man die Leiche eines Ermordeten, ein Anblick, der damals keine Seltenheit darstellte. Auf einem anderen Foto stürmen Menschen einen Kiosk, Zigarettenschachteln fliegen durch die Luft. "Ein Laden pakistanischer Einwanderer wird geplündert" heißt das Bild. "Ich kann zwar den Grund für die Kämpfe verstehen, aber stelle das Geschehen trotzdem neutral da", sagt Sakamaki. "Das ist eben die Realität."
Der Japaner in New York trinkt von seinem Cappuccino. Gerade ist er aus Georgien zurückgekommen, eigentlich ist er Kriegsfotograf, wofür er unter anderem den World Press Photo Award bekam. Er sagt, dass die damaligen Kämpfen wie ein Krieg im Kleinen waren. "Die Menschen hier werden auch unterdrückt", sagt er. "Keiner sollte unter solchen Bedingungen leben müssen. Es sollte bezahlbare, angemessene Wohnungen für alle geben."
Die fotografischen Berichte der Auseinandersetzungen um die Lower East Side enden bei Q. Sakamaki 1994. Eins der letzten Bilder zeigt die Amtseinführung Rudolph Giulianis zum Bürgermeister. Q. Sakamaki sieht dies als Wendepunkt der Bewegung. "Die Menschen wurden durch Giulianis Gentrifizierungs-Politik entmutigt", sagt er. "Die Bewegung wurde besiegt". Am Ende des Buches erinnert der Künstler an zwei Freunde, die an den Folgen von Aids gestorben sind. "Sie waren obdachlos aber immer voller Energie und Humor. Ihre Leben haben mir die wahre Größe der Menschlichkeit gezeigt."
Q. Sakamaki: Tompkins Square Park. powerHouse Books, New York 2008
------------------------------
Foto: Q. Sakamaki: "Ein pakistanischer Laden wird geplündert (27. Mai 1991)".