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UNTERM STRICH: DAS NÄCHSTE GROSSE DING

Spiegelnde Flächen

Holm Friebe, Kathrin Passig

Was ist das Bemerkenswerte an den Plakat- und Anzeigenmotiven der aktuellen Coca-Cola-Kampagne? Dass Coke darin der Bionade nacheifert und die traditionelle Freiheit von Konservierungsstoffen und künstliche Aromen hervorhebt? Dass darauf nur jene grünstichige, taillierte Glasflasche zu sehen ist, wie sie vielleicht noch in Drittweltländern, in den Kernmärkten aber längst nicht mehr anzutreffen ist? Vielleicht werden Bildwissenschaftler aus der Zukunft all dem weniger Beachtung schenken und vielmehr ein scheinbar unscheinbares Detail hervorheben: den weißen hochglänzenden Untergrund, auf dem die Flasche liegt und in dem sie sich andeutungsweise spiegelt. Diese Fläche bildet keinen Horizont aus, sondern verschmilzt mit dem überstrahlten Hintergrund. Sie wird deshalb nur im Bezug auf das hervorzuhebende Objekt und in seiner unmittelbaren Umgebung als solche sichtbar. Mit der auf ihr ruhenden Ikone des Kapitalismus ist diese Darstellungsweise endgültig als zeittypische Konvention etabliert. Die längste Zeit zeigte die Werbung Objekte wie ihr Kunst-Vorbild, das Stillleben, hübsch drapiert in ihrer natürlich angestammten Umgebung, dann hingen sie eine Weile freigestellt im luftleeren Raum herum, bis man sie zuletzt wieder mit einem angedeuteten Schlagschatten erdete.

Anscheinend bringt jede Dekade ihre bevorzugte Flächenillusion hervor, spätestens seit der Computer als Gestaltungswerkzeug hinzugetreten ist und ein eigenes "Fenster" in eine alternative Wirklichkeit eröffnet hat (was seit der Renaissance der Leitgedanke des perspektivisch angelegten Tafelbildes war). In den 1980ern waren es die Gitternetzlinien, die den geometrischen Raum ins Unendliche aufspannten und so noch einmal das Konstruktionsprinzip der Zentralperspektive - diesmal mit digitalen Mitteln - abfeierten. So wie im Film "Tron" von 1982, für den erstmals längere Sequenzen mit dem Computer animiert wurden. Die Grundfläche des Covers von Chris de Burghs Album "Best Moves" bildet ein Schachbrett, das sich bis zum Horizont erstreckt. Auch Max Headroom, der erste computeranimierte Entertainer, agierte vor perspektivisch animierten Gitterlinien, Flächen und Kuben. Um die Jahrhundertwende dann gaben simulierte Texturen aus gebürstetem Edelstahl ein kurzes Intermezzo und signalisierten beständige Wertigkeit sowohl offline in der Anzeigengestaltung als auch online in Form von MP3-Player-Skins, Schaltflächen und Ähnlichem.

Auch die spiegelnde Fläche stammt aus dem Reich der Rechner. Vermutlich hat Apple sie nicht erfunden, aber ihr seit der OS-Benutzeroberfläche "Aqua" zumindest den Weg geebnet. Viele Logos von Web-2.0-Firmen thronen seither vor weißem Hintergrund auf ihrem Spiegelbild, worüber sich der "Web 2.0 Logo Creatr" lustig machte (http://h-master.net/web2.0/index.php). Mittels des kleinen JavaScripts "Reflection.js" ließ sich der Effekt für beliebige Objekte auf Websites einbinden, wenig später tauchte er bei Amazon auf, wo sich das Karussell der empfohlenen Bücher auf einer Spiegelfläche drehte. Schon 2006 bemerkte das Firmen-Blog von 37Signals prophetisch: "Reflektionen sind der neue Schlagschatten." Nun ist der neue Schlagschatten also in der Offline-Welt angekommen, und wer die Augen offen hält, wird ihm bald nicht nur auf Plakatwänden begegnen.

Aber was will uns die spiegelnde Fläche sagen? Wenn sie aus Wasser bestünde, wäre ihre Botschaft, dass das inszenierte Objekt darauf schwebt. Sie ähnelt aber mehr einem opaken Touchscreen aus gehärtetem Saphirglas, weniger zerbrechlich als unverwüstlich makellos. Als Abstraktion des Reinstraum-Labors erinnert sie weniger an den White Cube der modernen Architektur und Kunstpräsentation als an den cleanweißen Zwischenraum aus "Matrix", in dem Neo sich für eine der beiden Pillen entscheiden muss. Vielleicht ist die Spiegelfläche eine Versinnbildlichung dessen, was - analog zu Max Webers "stahlhartem Gehäuse" der Moderne - das glasharte Gehäuse der Postmoderne ausmacht, der sphäroide Weltinnenraum des globalen Kapitalismus ... Wie dem auch sei, wenn man sich eines Tages zu erinnern sucht, wie noch einmal die späten Nullerjahre des 21. Jahrhunderts aussahen, ist so viel gewiss: Sie ruhten auf einer hochglänzenden weißen Fläche ohne Horizontlinie.