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In den Fußstapfen des Vorgängers

So schwer es fällt: Um weiter Erfolg zu haben, muss Barack Obama sich auf Bill Clinton besinnen

Steve Kettmann

Es stimmt: Obama hat ein Clinton-Problem. Aber nicht das, welches ihm bislang anhing. Mit Hillary Clinton wird Obama sich arrangieren; sie ist nicht sein Problem. Aber er kann die Präsidentschaftswahlen nicht gewinnen, wenn er nicht einen Weg findet, Bill Clintons Vermächtnis als Präsident der Vereinigten Staaten in der Öffentlichkeit zu würdigen. Damit hat er sich bis jetzt sehr zurückgehalten.

Natürlich versteht man, warum Obama zögert, das zu tun, was jeder Präsidentschaftskandidat in der Geschichte bislang getan hat, nämlich den Politikern Respekt zu zollen, auf deren Arbeit er aufzubauen gedenkt. Die einzige Ausnahme sind diskreditierte Vorgänger wie Richard Nixon, der nach Watergate sein Amt niederlegte. Bill Clinton aber hingen 65 Prozent der US-Bürger auch dann noch an, als er sein Amt verließ - die höchste Zustimmungsrate, die ein Präsident nach zwei Legislaturperioden je erhalten hat.

Taktisch gesehen war es sinnvoll, dass Obama die Clinton-Ära in den Vorwahlen heruntergeredet hat und seinen Respekt vor allem Reagan und nicht Clinton gegenüber hervorhob - sein größter Rivale während der Vorwahlen hieß eben auch Clinton. Bei älteren Wählern allerdings wirkt das nicht. Sie erinnern sich gut und denken an die Clinton-Ära als eine Zeit der Prosperität zurück.

Obama hat noch einen anderen Grund, keine Aufmerksamkeit auf die Parallelen zwischen sich und dem jungen Bill Clinton zu lenken: Es gibt zu viele. Die Obama-Kampagne hat sich sehr darum bemüht, Vergleiche mit Kennedy herzustellen. Sie hat sogar Caroline Kennedy auf die Suche nach dem Vizekandidaten angesetzt. Aber John Kennedy wurde es als ältestem Sohn des mächtigen Kennedy-Clans schon früh sehr leicht gemacht. Er hatte Leute um sich, die das Denken für ihn übernommen haben. Obama schreibt seine eigenen Bestseller, Kennedy verließ sich auf den Ghostwriter Arthur Schlessinger.

Tatsächlich wird eine Präsidentschaft Obamas eher einer Wiederkehr Clintons gleichen als einer Kennedys. Wie der junge Bill Clinton kam Obama von nirgendwo. Beide kannten ihre Väter nicht. Beide versprachen die traditionelle Politik mit einer Mischung aus Kühnheit und Scharfsinn umzukrempeln und beide verfolgten dieses Ziel mit einer Eloquenz, der man zutraute, auch über die Grenzen der Politik hinaus zu wirken. Bill Clinton war "The Man from Hope" - Barack Obama wird als Mann der Hoffnung und des Wandels gesehen. Beide zielten besonders auf junge Wähler ab und umwarben sie durch eine Coolness, die die amerikanische Politik bis dato nicht erlebt hatte (Clinton spielte Saxofon auf MTV, Obama warf den Basketball in Kuwait so lässig wie zielsicher in den Korb).

Aber es ist nicht nur ihr Stil. Die Strategie Obamas nach seiner endlich gesicherten Nominierung gleicht einem Bill Clinton-Playback: Sein Hin und Her hinsichtlich der Datenschutzfrage bedeutet eine Wendung zur Mitte hin. Zum Missfallen mancher Unterstützer wird sich Obama nun mehr an der Vergangenheit orientieren - auf Kosten einer Politik des Neuen. Das zeigt seine Entscheidung für Joe Biden sehr deutlich. Ein wesentlicher Teil von Obamas Kampagne wird in den nächsten Monaten aus einer eigenen Version jenes Mantras bestehen, mit dem Bill Clinton 1992 Erfolg hatte: "Es ist die Wirtschaft, Dummchen".

Auf dem Parteitag muss Obama seine Ausstrahlung noch einmal in die Breite öffnen. Er muss mehr von sich preisgeben ohne dabei die Bewunderung zu gefährden, mit der die Menschen auf seinen charismatischen, aber politisch gering geschätzten Stil reagieren. Bisweilen grenzt das an eine Parodie von Coolness. Dies war eine Stärke des jungen Bill Clinton: Er kaute auf seiner unteren Lippe und fokussierte seinen Zuhörer mit einer mitfühlenden Intensität, die sich deshalb so real anfühlte, weil sie es wahrscheinlich tatsächlich war. Obamas Verhalten ist dagegen schwerer mit Emotionen in Verbindung zu bringen - in dieses Richtung sich zu entwickeln wird er nun versuchen.

In einer Rede, die Obama vor Kurzem in New Mexiko hielt, kam er auf seine Töchter zu sprechen, um seinen Kampf für die Gleichberechtigung zu unterstreichen. "Ich möchte, dass meine Töchter nie wegen ihres Geschlechtes benachteiligt werden", sagte Obama. "Der Gedanke daran lässt mir das Blut in den Adern kochen." Wenn Obama sich zu vermenschlichen vermag, indem er mehr von sich selbst preisgibt, wird er auch Erfolg bei Wählern haben, denen persönliche Authentizität wichtig ist. Mehr noch braucht er aber Wähler, die sich auf seine Leidenschaft für Themen konzentrieren, und sich nicht von dem Medienzirkus um die angebliche Verbitterung zwischen ihm und Hillary Clinton ablenken lassen.

Die Außenpolitik eines Präsidenten Obama wird viel Ähnlichkeiten mit der Außenpolitik Bill Clintons haben. Das versprechen schon die beteiligten Personen. Obamas außenpolitische Beraterin, Susan Rice, hat in der Clinton-Administration gearbeitet und Richard Danzig, ein weiterer Berater mit Schlüsselfunktion, war Clintons Marinesekretär. Anthony Lake und Madeleine Albright beraten ihn ebenfalls.

Bislang wurde das Thema Globalisierung aus den Präsidentschaftswahlen ausgeklammert. Wenn Obama aber wirklich die Beziehungen zu wichtigen Verbündeten wieder aufbauen will - was sein Besuch in Berlin vermuten lässt - und auch die internationale Wahrnehmung der USA verbessern möchte, wird er mehr anbieten müssen als die Forderung nach mehr Truppen in Afghanistan. Er wird sehr eloquent über neue Energien und Erderwärmung sprechen. Echte Aktivitäten an dieser Front werden jedoch auf sich warten lassen. Genau wie Clinton vor ihm wird er sich bemühen, das Bild eines arroganten Amerika zu korrigieren. Er wird das weltweit verbreitete Gefühl, die USA hätten nicht nur militärisch, sondern auch kulturell zu viel Einfluss, abschwächen wollen, indem er die Schattenseiten der Globalisierung betont.

Wie Bundeskanzlerin Merkel in diesem Jahr, wurde Clinton im Jahr 2000 mit dem Karlspreis für seinen Beitrag zur Stärkung der EU geehrt. Er nutzte seine Rede in Aachen dafür, um über das miteinander verzahnte Schicksal Europas und der USA zu reden. Die New York Times schrieb damals: "Der Präsident kratzte an dem Bild der USA als einer Supermacht, welche mehr Geld, Macht und Willen als ganz Europa habe." Wenig später allerdings gab die Bush-Administration der Welt eine Serie von Paradebeispielen für das dominierende Wesen der amerikanischen Macht: Guantanamo, Abu Ghraib, Irak, Afghanistan, jedes Zitat von Dick Cheney.

Durch dieses Erbe wird Obamas Eloquenz und seine politische Vorstellungskraft, falls er gewählt wird, auf die Probe gestellt. Er ist gut beraten, sich ihnen zu stellen, um den Kardinalfehler der Bush-Administration zu verhindern, die dem Motto ABC (Anything But Clinton - alles außer Clinton) wie einem Fetisch folgte.

Übersetzt von Imke Wangerin

Steve Kettmann lebt in Berlin und schreibt u. a. für die New York Times und den San Francisco Chronicle.

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Der Mann des Neuen wird sich nun mehr der Vergangenheit zuwenden.

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Foto: Barack Obama und Bill Clinton in Alabama auf einer Veranstaltung zum Gedenken an die Kämpfe gegen die Rassentrennung in den 60er-Jahren.