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Ich stehe für eine andere Zeit

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher über Streitkultur, Beratungsgremien und Stadtgeschichte

Nikolaus Bernau

Frau Lüscher, Sie kommen aus der Schweiz. Gibt es Unterschiede zwischen den Bauverwaltungen hier und dort?

Nicht im Planungshandwerk. Aber in der Schweiz gibt es keinen Beamtenstatus mehr. Und dann ist der Arbeitsmarkt dort viel flexibler. In Zürich haben viele Architekten in der Verwaltung gearbeitet und das dann als Sprungbrett in die Selbstständigkeit benutzt. Hier hingegen habe ich es in den anderthalb Jahren kaum einmal erlebt, dass jemand aus der Verwaltung in die freie Wirtschaft gegangen ist.

Wenn man sich die vielen Skandale ansieht, vom Bau der Akademie der Künste über das Spreedreieck bis zu den inzwischen auf das Dreifache gestiegenen Kosten beim Palastabriss, hat man oft das Gefühl, die Berliner Verwaltung sei schlichtweg überfordert.

In den meisten Fällen ist das ein Zusammenkommen von sehr unterschiedlichen unglücklichen Umständen, da gibt es nicht den eindeutig Schuldigen. Und ich habe immer wieder erlebt, dass gerade die Planungsabteilungen von viel Kreativität geprägt sind. Allerdings arbeitet man in einer Verwaltung auch innerhalb eines politischen Systems. Und die Öffentlichkeit hat ja auch einen Anspruch auf Information und will mitsprechen. Da ist man eben nicht frei in seinem Handeln wie in einer privaten Firma.

Mit der Öffentlichkeit haben Sie ja in der Staatsopernkrise viel Erfahrung gewinnen können .

(Lüscher lacht). Ja, das unterscheidet sich schon. In Zürich und in der Schweiz interessiert sich der Boulevardjournalismus null für Architektur und Städtebau. Man muss Stadtplanung also auch nicht plakativ auf einen Nenner bringen. Und es wird etwas weniger auf Personen geschossen, als auf die Sache selbst. Die deutsche Presse ist härter. Dabei finde ich das vollkommen richtig, dass man Architektur und Städtebau breiter kommuniziert und damit dann auch vereinfachen muss.

Würden Sie heute noch einmal die Amerikanische Botschaft so offen kritisieren?

Die Senatsbaudirektorin ist eine öffentliche Figur, von der wird gefordert, dass sie Position bezieht. Aber ich würde heute höchstwahrscheinlich noch eine Vorbemerkung zur Planungsgeschichte machen und das besser einordnen.

Sie sind Nachfolgerin eines als stark geltenden Senatsbaudirektors, Hans Stimmann. Ist die Berufung des Baukollegiums mit fünf auswärtigen Architekten eine Emanzipation von seinem Erbe?

Eine Stadt ist ja wie ein großer Tanker, da können sie nicht einfach mal so umsteuern. Aber es stimmt schon: Mit der Einberufung eines Baukollegiums gehe ich konsequent meinen Weg des Dialogs. Dialog bedeutet für mich allerdings nicht, zu jeder Zeit mit jedem Dialog zu führen. Um Baukultur zu haben, muss man eine differenzierte und qualifizierte Auseinandersetzung führen können. Wenn man ein Thema in einer halben Stunde mit sechs Leuten, mit Fachleuten, Architekten, Investoren diskutiert, dann kommt man zu besseren Entscheidungen.

Wie wurden die Mitglieder des Baukollegiums ausgewählt?

Mir war es wichtig, dass es eine gute Mischung aus lokalem Wissen und externem Blick auf die Stadt gab. Berlin kann nicht nur Nabelschau machen. Dann sollte es Erfahrungen aus Ost und West geben, Männer und Frauen und unterschiedliche Generationen. Mir war es wichtig, da fünf Personen zu haben, die Stadtplanung und Architektur konzeptionell diskutieren und nicht aus einer Stildiskussion heraus.

Es fällt auf, dass einflussreiche Architekten der Stimmann-Ära im Baukollegium fehlen.

Erstens einmal stehe ich für eine andere Zeit. Und ich suche mir ein Gremium so aus, dass es möglich ist, innerhalb kurzer Zeit zu einem konzisen Urteil zu kommen. Voraussetzung dafür ist, dass die Personen in ihren Positionen nicht zu weit auseinander sind.

Können sich die Bürger, wenn sie etwa mit Planungen für das ehemalige Gaswerk in Schöneberg oder die Museumsinsel unzufrieden sind, direkt an das Baukollegium wenden? Und werden die Sitzungsprotokolle veröffentlicht, so wie die des Landesdenkmalrates?

Das ist nicht vorgesehen. Es ist ja eine Beratung der Senatsbaudirektorin, bei der auch Investoren ihre Projekte vorstellen, da muss eine gewisse Vertraulichkeit herrschen. Aber sobald ich sehe, dass es Widerstände gibt, Probleme, dann kommt das Projekt auch ins Baukollegium - dazu ist es ja da. Und natürlich kann man sich auch direkt an mich wenden

In der Schweiz werden moderne, harte Architekturen in Volksabstimmungen genehmigt, die in Berlin keine Chance hätten. Warum funktioniert das?

Die Verschonung von Kriegszerstörung hat in der Schweiz genug Substanz belassen, dass die Bevölkerung sich weiter zu Hause fühlen und doch Neues zulassen kann. Und wir haben durch die Volksabstimmungen eine lange Erfahrung darin, Architektur und Städtebau zu beschreiben und das Pro und Contra nebeneinander zu stellen.

Kann man das Modell auch auf Berlin übertragen - oder ist die deutsche Gesellschaft dafür zu komplex organisiert?

Das hat nichts damit zu tun, wie die Gesellschaft organisiert ist, sondern wie die Politik organisiert ist. In der Schweiz haben wir ein Konkordanzsystem, in dem jede Partei einbezogen ist. Da ist das Volk das Kontrollsystem. In Deutschland kontrolliert die Opposition. Und wenn man hier wie derzeit eine dritte Kontrollinstanz einführt, stellt sich die Frage, wer entscheidet was und wann kann die Politik überhaupt den Investoren noch verbindliche Zusagen machen?

Sie haben von Ihrem Vorgänger Hans Stimmann mit dem Planwerk Innenstadt die Idee geerbt, den Spittelmarkt oder den Molkenmarkt städtebaulich wieder erkennbar zu machen. Sollen hier auch wieder wie auf dem Friedrichswerder schmale Townhäuser entstehen?

Dass man urbane Orte wieder schaffen will, das ist für mich gar keine Frage. Aber im Detail habe ich selbstverständlich andere Ideen. Wir können und wollen nicht das Mittelalter kopieren, doch soll die Bebauung in der Maßstäblichkeit daran erinnern, dass hier mal eine mittelalterliche Stadt war. Der Bebauungsplan soll noch so offen gestaltet werden, dass vom Townhaus bis zum Appartement- oder Geschäftshaus Vieles möglich ist. Da gibt es Spielräume, da muss man nicht nur einem historischen Bild folgen.

Am Friedrichswerder wurden die Grundstücke, um die Bebauung mit Einzelhäusern möglich zu machen, relativ billig vom Senat verkauft. Jetzt verkaufen die damaligen Bauherren ihre so subventionierten Häuser wieder, teilweise mit 200 Prozent Gewinn. Kann man das am Molkenmarkt verhindern?

Es gibt Dinge, die vor meiner Zeit entschieden wurden und wie wir das am Molkenmarkt machen, das steht noch gar nicht fest.

Das Gespräch führte Nikolaus Bernau.

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Von der Senatsbaudirektorin wird gefordert, dass sie Position bezieht. Regula Lüscher

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Foto: Senatsbaudirektorin Regula Lüscher vor dem Planwerk Innenstadt ihres Vorgängers Hans Stimmann