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Er wollte eigentlich nur Rad fahren

Wie DDR-Funktionäre ein großes Talent schikanierten, zeigt der Dokumentarfilm "Sportsfreund Lötzsch"

Matti Lieske

Die Zeiten sind nicht unbedingt günstig für Radsportfilme, seit die vielfältigen Skandale der vergangenen zehn Jahre kräftig am Image der Branche gekratzt haben. Das Filmprojekt über das Leben Lance Armstrongs, in dem Matt Damon oder Jake Gyllenhaal die Rolle des siebenmaligen Toursiegers spielen sollen, dämmert seit Jahren vor sich hin. In Deutschland hatte Pepe Danquart mit "Höllentour" zwar einen beeindruckenden Dokumentarfilm über die Tour de France gedreht, aber leider die Dopingpraktiken im Team Telekom jener Zeit nicht mitbekommen. Möglich, dass diese geschickt vor ihm verborgen wurden - für einen Dokumentarfilmer aber trotzdem eine Katastrophe.

Unter diesen Umständen ist es kein Zufall, dass die Radsportfilme dieser Tage vor allem von Außenseitern handeln. Zuletzt der Spielfilm "Flying Scotsman" über den schottischen Stundenweltrekordler und Eigenbrötler Graeme Obree, nun "Sportsfreund Lötzsch" von Sandra Prechtel und Sascha Hilpert: ein Dokumentarfilm über den wohl talentiertesten Radsportler der DDR seit Täve Schur und dessen langen Kampf gegen das Sportsystem seines Landes. Bei den Junioren fuhr der 1952 geborene Wolfgang Lötzsch allen davon, die gegen ihn antraten, und - das zeigen seine Äußerungen in "Sportsfreund Lötzsch" - er genoss dieses Gefühl in vollen Zügen. Weltmeister hätte er werden können, vielleicht auch Olympiasieger, und mit seiner unbekümmerten Art und seinem adretten Äußeren hätte er ohne Weiteres das Zeug zum großen Sportidol gehabt.

Schon vor den Olympischen Spielen 1972 in München kam seiner Karriere jedoch die Politik in die Quere. Wie die Pest fürchteten zu jener Zeit die Sportführer der DDR, dass ihre Athleten den Verlockungen des westlichen Profisports erliegen könnten. Lötzsch, von dem Zeitzeugen im Film berichten, er sei an Politik nicht interessiert gewesen, galt als verdächtig, weil sein Cousin, ebenfalls Radsportler, acht Jahre zuvor in den Westen gegangen war. Als er sich weigerte, Kandidat der SED zu werden, war sein Schicksal besiegelt. Er wurde "ausdelegiert" - das Ende jeglicher Karriereambitionen in der DDR.

Doch Lötzsch gab nicht auf. Als Betriebssportler nahm er an Rennen teil, fuhr die weit besser ausgerüstete Elite des Landes mehrfach in Grund und Boden, wurde für viele Sportfans zu einer Art Kultfigur und den Funktionären immer unbequemer. "Sportfreund Lötzsch" schildert seine aussichtslosen Versuche, wieder im Sportsystem Fuß zu fassen, aus heutiger Sicht in zahlreichen Interviews mit ihm selbst und Personen aus seinem Umfeld. Zu Wort kommen Unterstützer, Trainer, Lebenspartnerinnen, aber auch einer seiner ärgsten Widersacher, der damals für ihn zuständige Stasi-Offizier Heinz Engelhardt, später der letzte Chef der Stasi.

Es entsteht das Bild eines unbeugsamen Kämpfers, der trotz aller Schikanen unbeirrt seinem Weg folgt wie ein Radfahrer, der in Wind und Regen einen steilen Bergpass hinauffährt und nur noch das Ziel vor Augen hat, nichts sonst. Lötzsch wollte nur Rad fahren; alles andere interessierte ihn nicht, was auch eine gewisse Naivität mit sich brachte. Als er in Berlin westliche Medien kontaktierte und in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel über ihn erschien, war ihm nicht klar, wie sehr er den Staat damit reizte und wie intensiv er längst beobachtet wurde. Wenn Lötzsch im Film erzählt, wie er bei der späteren Lektüre seiner Stasi-Aktenberge erfuhr, wie viele Leute ihn bespitzelt hatten und wer alles darunter war, spiegelt sich immer noch blankes Erstaunen in seinem Gesicht. 1977 wurde Lötzsch wegen Staatsverleumdung zu zehn Monaten Haft verurteilt.

Bei der optischen Umsetzung der Geschichte standen die Filmemacher vor einem Problem, denn es gibt kaum Aufnahmen aus der Vergangenheit des Protagonisten, lediglich ein paar verhuschte Bilder von Radrennen und Siegerehrungen. Es geht also um den Lötzsch von früher, zu sehen ist jedoch fast nur der Lötzsch von heute, der in immer neue Szenarios drapiert wird. Lötzsch auf der Radrennbahn; Lötzsch im Mannschaftswagen der Radteams Gerolsteiner und Milram, für die er als Mechaniker gearbeitet hat; Lötzsch im Garten seines Hauses in Chemnitz/Karl-Marx-Stadt; Lötzsch in der Werkstatt; Lötzsch auf Partys; Lötzsch im Hof des Gefängnisses Kaßberg, wo er einst einsaß. Am Ende steigt er auf sein Rad, fährt in die Nacht, und bald sieht man nur noch sein Rücklicht, bis auch das in der Dunkelheit verblasst. Ein effektvolles Schlussbild in einem sehenswerten Film über ein bemerkenswertes Schicksal.

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Sportsfreund Lötzsch Dtl. 2007. Dokumentarfilm. Drehbuch & Regie: Sandra Prechtel, Sascha Hilpert, Kamera: Marcus Winterbauer, Susanne Schühle. 86 Minuten, Farbe.

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Foto: Die Einsamkeit des Radsporttalents auf der Landstraße: Freund Lötzsch einst beim Training.

Foto: Dieser Mann gab nicht auf: Wolfgang Lötzsch.