In Elke Heidenreichs Buch "Kolonien der Liebe" steht der Satz: "Ich küsste, was mir in die Quere kam." Wer die Autorin fragt, wie das gemeint sei, erhält zur Antwort: genau so. Sie hat einen Schleier der Verzückung vor den Augen, wenn sie aus den 50er Jahren erzählt: "Wir küssten wie die Verrückten. Wir Mädchen führten Kusslisten." War es eine Suche nach Zärtlichkeit? Aber ja, die Mütter seien hart gewesen nach dem Krieg, als Kind sei sie nie in den Arm genommen worden. Das Küssen war erlösend.
Was die Halbwüchsige instinktiv spürte, ist längst nachgewiesen: Küssen ist gesund. Wer viel küsst, muss seltener zum Arzt. Die körperliche Reaktion ist präzise erforscht. Weil Lippen und Mundbereich empfindliche Nerven bergen, löst ein leidenschaftlicher Kuss im Körper ein regelrechtes Feuerwerk aus. Der Puls pocht mit rund 120 Schlägen pro Minute, die Körpertemperatur steigt augenblicklich und der Hormonspiegel schießt in die Höhe. Das Blut zirkuliert rascher, der Stoffwechsel wird angeregt, der Kreislauf kommt auf Trab.
In Sekundenschnelle und spürbar werden beim leidenschaftlichen Mund-zu-Mund-Kontakt Adrenalin und Glückshormone ausgeschüttet. Küssende bekommen glasig-glänzende Augen, sind von Gefühlen des Wohlbehagens durchströmt; Schmerzen sind wie weggefegt. Nur wenn es zwischen zwei Menschen "gefunkt" hat, kommt es zu dieser temporären Verschmelzung, die körperliche Blockaden und Verspannungen im Nu auflöst. In Kusspausen lassen beide nicht voneinander ab, umarmen sich, schlüpfen für Minuten emotionaler Aufwallung in einen Kokon, der sie von der Außenwelt abschirmt. Dabei freigesetzte Neuropeptide, chemische Botenstoffe, stärken die Immunabwehr.
Die Bremer Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld, 57, schätzt, dass es rund 200 verschiedene Kussarten gibt, vom Luft- über den Lippen- bis zum Nasenkuss. Hierzulande ist dieser Variantenreichtum nicht gerade weit verbreitet, die Deutschen gelten eher als Kussmuffel. Zwar sieht man überall im öffentlichen Raum Menschen, die sich - Bussi-Bussi - küssen, aber diese Wangenküsse sind nicht Ausdruck seelischer Hingabe und müssen nicht Zeichen von ehrlicher Liebe und Freundschaft sein.
Schutz vor Stress
US-Forscher haben herausgefunden, dass der Partner, der morgens ungeküsst das Haus verlässt, unfallgefährdeter ist. Ein Schmatz zum Abschied hilft vor allem Männern beim Start in den Tag. Sie sind dann weniger aggressiv, etwa im Straßenverkehr.
Für Frauen ist Küssen, so Ingelore Ebberfeld, geradezu überlebensnotwendig. Sie befragte mit ihren Studenten 514 Männer und Frauen zwischen 16 und 91 Jahren. Dabei outete sich jeder zehnte Mann als Kussverächter, während Frauen fast durchweg angaben, eher auf Sex als aufs Küssen verzichten zu können. Womöglich ahnen Frauen, was Studien jetzt belegt haben: Küssen macht schlank und schön. Beim Zungenkuss sind 39 Gesichtsmuskeln gleichzeitig in Bewegung, das bringt keine Massage zustande, und in zehn Sekunden werden zwölf Kalorien verbraucht. Die Haut wird straffer, Falten werden weggebügelt, der Stoffwechsel funktioniert besser.
Da Frauen das kommunikativere Geschlecht sind, ist ihre größere Aktivität nicht verwunderlich. Nur Männer wie der Ethnologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt und Psycho-Vater Sigmund Freud konnten auf die Idee kommen, der Kuss sei die Fortsetzung des Saugens an der Mutterbrust. Für Ingelore Ebberfeld ist Küssen der Ausdruck von Wollust. "Der Zungenkuss ist nichts anderes als symbolischer Geschlechtsverkehr", konstatiert sie. Sie geht mit dem britischen Verhaltensforscher Desmond Morris von angeborener Berührungs- und Schnüffellust aus. Die Vorfahren des Menschen hätten sich dabei auf die Hinterteile konzentriert. Zum aufrechten Gang gelangt, sei die sexuelle Kontaktaufnahme auf Augenkontakt und Mundberührung verlegt worden.
Mit ihren Studenten einigte Ebberfeld sich darauf, das ein guter Kuss nicht zu feucht oder fest ausfallen darf. Vor allem muss viel Gefühl dabei sein, Küssende sollen sich öffnen, hingeben, fallen lassen. Das tut nicht nur der Seele, sondern auch dem Körper gut.
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Foto : Lippenspitzen allein reicht nicht. Zum echten Kuss gehört viel Gefühl.