Dort, wo jetzt der Haufen Bauschutt liegt, war einmal der Kassenraum. Da haben sie heimlich geraucht, die Christel und die Helga. Die Zigaretten holten sie drei U-Bahn-Stationen weiter im Westen, weil die aus dem Osten ihnen nicht schmeckten. Oder weil es einfach nur schicker war, an West-Zigaretten zu ziehen. Der Bärbel brachten sie von drüben immer Storck-Sahnebonbons mit, denn die hat nicht geraucht und derweil die Stellung gehalten. Aber es war ja eh nichts los im HO-Kaufhaus am Rosenthaler Platz, das sich "HO-Industriewaren Mitte" nannte. Damals, Ende der 50er Jahre in Ost-Berlin, als sie 18, 20 und 22 Jahre alt waren, die Jüngsten im Kollektiv. Heute ist Bärbel Winkelmann 66, Christel Bartkowski 70 und Helga Block müsste 68 sein.
Ach, wäre es schön, wenn sie die Helga fänden. Drei Jahre haben sie zusammengearbeitet im Kaufhaus am Rosenthaler Platz, die Bärbel, die Helga, die Christel. Sechs Tage die Woche, 48 Stunden für 315 Mark. Das würde heute vermutlich keiner mehr machen. Sie haben Kittel getragen, die waren dunkelblau. Oder eher lila und gestreift? Auf jeden Fall wurden sie über den Kopf gezogen und mit Bändern hinterm Rücken zusammengebunden. Selbst sonnabends war das Kaufhaus bis abends auf.
Damen-Unterwäsche haben sie verkauft. So ein rutschiges Zeug namens Charmeuse, ein synthetisches Gemisch, das auch gut als Futterseide taugte. Blieb man mal mit einem Fingernagel hängen, gab das ein schauriges Geräusch und eine Gänsehaut dazu. Besonders die Helga konnte da ganz krötig werden, die hatte die längsten Fingernägel von ihnen. Vor allem Dreiteiler hatten sie aus dem Zeug, Unterrock, Hemd und Schlüpfer als Set, in Rosa, in Hellblau, in Weiß und Türkis und ganz selten in Schwarz. Die schwarzen legten sie für die Damen aus der Mulackritze zurück. Die vom Gewerbe, na, wie sagt man doch gleich heute, ja genau, die aus dem Rotlichtmilieu. Die waren nicht so schlank wie solche Damen heute, die waren eher beleibt und brauchten Konfektionsgröße 50. Die Damen zeigten sich erkenntlich. Eine brachte ihnen oft Weintrauben mit.
Im HO-Warenhaus gab es auch Schlüpfer aus Baumwolltrikot. Die waren innen angeraut für den Winter. Ha, einmal haben sie die selbst angezogen. Als es so kalt war, weil die Heizung ausfiel. Sonst hat nach den Angerauten keiner angestanden. Nach den anderen, den Kochfesten, auch nicht. Die waren schon weg, bevor sie überhaupt auf den Ladentisch kamen. Obwohl das riesige Apparate waren, waren die sehr gefragt. Weil sie aus Baumwolle waren, und Baumwolle gab es fast nie im Arbeiter- und Bauernstaat. Wenn sie vielleicht mal hundert geliefert bekamen, dann war das schon viel, dann haben die gerade mal für die Familie gereicht, für Freunde und Nachbarn.
Natürlich verkauften sie auch Strümpfe. Nein, nicht Strumpfhosen, die gab's doch damals noch nicht. Oder doch? Sie verkauften jedenfalls nur solche Strümpfe mit Naht von der Ferse aufwärts, die immer so schief saßen, wenn man sie trug. Trotzdem wurden die manchmal geklaut. Nein, nicht von ihnen. Sie haben solche Strümpfe gar nicht getragen. Sie holten sich welche aus Perlon von drüben, ohne Naht, versteht sich, 2.95 Mark das Paar. Sie hatten immer ein bisschen Geld in der Tasche, von der Großmutter oder weil der Vater im Westen Arbeit hatte. Ja, sie waren schon sehr fürs Moderne. Haben sich die Haare hochgesteckt, die Lippen bemalt und unter ihren Röcken Petticoats aus dem Westen getragen. Nur die Helga, die hatte es nicht so mit der Mode. Die war eher burschikos und trug am liebsten Grau. Die Augenbrauen hat sie sich aber gezupft.
Ach ja, die Helga, die fehlt. Die Helga, die immer so gern lachte und manchmal ein bisschen belehrend war. Die Helga, der Kumpeltyp, die Alberne, die ganz Korrekte. Die Wühlmaus, die so gerne sortierte. Wie oft hat sie die Regale ausgeräumt, hat alles um sich rum auf dem Boden verteilt, neu zusammengelegt und wieder einsortiert. Sogar das Lineal hat sie genommen, um das rutschige Charmeuse-Zeug auf Linie zu bringen. Die Helga hat viel vom Verkaufen verstanden und selbst die ärgsten Ladenhüter an den Mann gebracht. Oder an die Frau. Manchmal ist ein Ehepaar aus der Zone gekommen, ein alter Herr und seine Frau. Da hat die Helga alles ausgebreitet, was es so gab. Und die beiden haben's gekauft, weil's auf dem Land ja nichts gab. War nichts zu tun, hat die Helga Kreuzworträtsel gelöst. Sie hat sich extra ein Büchlein angelegt, damit sie nachblättern konnte, wenn sie mal etwas nicht gleich wusste.
Es war oft nichts zu tun und zu verkaufen am Rosenthaler Platz. Dann haben sie zusammen geredet und gelacht und gelästert. Haben sich erzählt, was es drüben Neues in Sachen Mode so gibt oder was man mit den roten Paprikaschoten macht, die neu im Osten in den Gemüseläden lagen. Haben sich geärgert, dass im Westen die Läden voll waren, und im Osten sollten sie Umsatz machen und wussten nicht womit. Weil sie für 1000 Mark Umsatz eine Mark extra bekamen.
Die Christel ist zuerst rüber von den Dreien, das war am 1. Mai 1960. Sie hat sich nicht verabschiedet, denn es durfte ja vorher keiner wissen, weil die anderen sonst Ärger bekommen hätten. Christel lebte erst zwei Jahre in Bayern. Aber es ging nicht ohne Berlin, da kam sie zurück. Sie hat noch ein paar Jahre Textilien verkauft und dann bis zur Rente in einem Kinderheim gearbeitet. Heute lebt sie allein in Spandau, wie das Leben so spielt. Der Sohn ist erwachsen und hat eine eigene Familie.
Die Bärbel ist im Mai 1961 nach Neukölln gezogen. Sie hatte Glück, sie hat den Zuzug bekommen, weil ihr Mann aus dem Westen war. Um ihren Freund haben sie die anderen immer beneidet. Sie lebt jetzt in Tegel in einem Haus und ist noch immer mit dem Mann von damals zusammen, inzwischen seit 48 Jahren. Sie haben zwei Söhne und zwei Enkelkinder. Die Bärbel hat nie wieder Textilien verkauft, sie arbeitete viele Jahre in der Gastronomie.
Die Helga ging irgendwann Ende 1960 weg aus Ost-Berlin. Die Bärbel weiß das nicht so genau, weil sie in jener Zeit nicht arbeitete und ihren ersten Sohn bekam. Sie hatte die Helga danach aber noch einmal getroffen. Zufällig, die Helga arbeitete da bei Woolworth auf der Seestraße in Wedding, das war Anfang 1962. Die Bärbel gab ihr noch ihre Adresse. Wenig später kam auch eine Karte von ihr. Eine "mit herzlichsten Ostergrüßen", abgestempelt am 20. April 1962 in Berlin, ohne Absender und Familiennamen, nur unterschrieben mit "Helga und Gerd". "Lasse nach Ostern etwas von mir hören", stand auch noch drauf. Aber nichts hat die Helga wieder von sich hören lassen.
Es war ein Zufall, dass Bärbel die Osterkarte im letzten Jahr fand. Sie lag ganz unten in der alten Truhe, zwischen den letzten Briefen der Mutter. Keine Ahnung, wie sie dort hingeraten war. Da hat sie an die alten Zeiten gedacht und erst mal die Christel gesucht, denn das schien ihr leichter, weil Christel so einen seltenen Familiennamen hat. Bartkowski. Der hat dann auch noch im Telefonbuch gestanden, und beim dritten Anruf war die Christel dran. Sie sagen, sie hätten sich beim ersten Treffen gleich wiedererkannt. Inzwischen sind die Kolleginnen von einst zu Freundinnen geworden. Sie laden sich zu ihren Geburtstagen ein und gehen öfter zusammen weg, mal ins Café, mal ins Theater, mal ins Konzert.
Ach, wenn es die Helga noch gäbe! Was hätten sie sich nicht alles zu erzählen aus den letzten Jahren! Dann würden sie zu dritt noch mal zum Rosenthaler Platz fahren, wo einst ihr HO-Warenhaus war. Heute ist das Haus eingerüstet und wird saniert. Nebenan gibt's China-Fastfood, Döner Kebab und eine Bäckerei. Aber im Grunde sieht es immer noch so aus wie früher. Und wie früher ist der Rosenthaler Platz auch immer noch fürchterlich laut.
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Foto : Christel Bartkowski und Bärbel Winkelmann am Rosenthaler Platz, wo sie einst mit Helga Block Damenunterwäsche verkauft haben