Der Science-Fiction-Schriftsteller William Gibson, 60, gilt als Erfinder des Begriffes Cyberspace. Zum ersten Mal hat Gibson 1984 ihn in seinem Roman "Neuromancer" verwendet. Darin geht es um künstliche Intelligenz, deren kriminelle Verknüpfung und einen heruntergekommenen Computerhacker. Heute ist der Begriff Cyberspace eine Chiffre für die digitalisierte Welt. Ein Gespräch mit William Gibson über die Gegenwärtigkeit der Zukunft ist, über die Frage, wie das weltweit vernetzte Internet tatsächlich funktioniert.
Guten Tag Mister Gibson. Können Sie eigentlich programmieren?
Nein, ich bin technisch völlig unbegabt.
Sie sind nur ein Beobachter?
Das wäre so, als würde ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Wüsste ich, wie das alles funktioniert, wäre ich bestimmt nicht in der Lage gewesen, darüber zu schreiben.
Sie sind der Erfinder des Wortes Cyberspace. Wie entstand dieser Begriff eigentlich?
Ich habe nach etwas gesucht, das den Weltraum und die Raumschiffe ersetzen könnte. Das sollte eine urbanere Art der Science Fiction werden. Ich habe Jugendliche beobachtet, wie sie sich mit den frühen Videospielen in den Spielhallen die Zeit vertrieben haben. Mir kam die Idee, dass sie verbunden waren mit einer anderen, fast schon gegenständlichen Art der Wirklichkeit. Das war auch die Zeit, als es die ersten PCs zu kaufen gab. Ich habe mir vorgestellt, dass hinter diesen Bildschirmen eine Art imaginärer Raum begann. So entstand die Idee. Dann habe ich mich mit einem Blatt Papier hingesetzt und anfangen mit Worten herumzuspielen. Irgendwann stand da dieses Wort Cyberspace. Und das klang so, als ob es etwas bedeuten könnte. Dann habe ich angefangen mit dem Begriff zu arbeiten, und ich denke, er hat seine Sache ziemlich gut gemacht.
Ihre den letzten beiden Bücher sind keine Science Fiction mehr. Mittlerweile schreiben Sie über die Gegenwart. Haben Sie das Interesse an der Zukunft verloren?
Es geht nicht darum, dass die Zukunft nicht mehr spannend genug wäre, sondern darum, dass die Gegenwart um so vieles Spannender ist. Die Zukunft vorherzusagen ist zu einer akademischen Aufgabe geworden. Viel dringender scheint es mir, die Gegenwart vorherzusagen. Heute passiert viel zu viel, als dass man noch normale Science Fiction schreiben könnte. Wenn jemand 1977 beschrieben hätte, wie die Welt heute aussieht, hätte man das damals für ziemlich übertrieben gehalten. Wir haben den Klimawandel, Aids, Gentechnik, die Globalisierung. Wir haben die Konflikte im Nahen Osten, die mir wie die finale Schlacht im Kampf um fossile Rohstoffe erscheinen. Man könnte diese Liste noch ewig fortsetzen. Das ist schon so viel Material, das man in einem Science-Fiction-Roman verwenden könnte. Im Prinzip ist das alles wie Science Fiction.
In ihrem aktuellen Buch "Quellcode" beschäftigen Sie sich mit dem GPS-Navigationssystem. Ist das Internet schon viel zu alltäglich geworden?
Als ich angefangen habe, darüber zu schreiben, war der Cyberspace da drüben, und wir waren hier. Mittlerweile ist der Cyberspace aber hier bei uns, und da drüben sind Zustände des nicht Verlinkt-seins. Ohne Handy oder ohne WLAN-Anschluss. Damals war dieser künstliche Raum getrennt von der üblichen Welt. Aber wenn wir den Austausch drahtloser Informationen um uns herum mit unseren eigenen Augen sehen könnten, dann hätten wir eine ganze Menge zu tun. Das sind enorme Datenmengen in unserer Umgebung, die wir aber gar nicht wahrnehmen. Und wenn dieser Datenaustausch auf einmal zum Erliegen käme, würde alles zusammenbrechen. Was wir früher als Cyberspace bezeichnet haben, ist zu etwas geworden, dass die Gesellschaft mittlerweile zusammenhält. Der Cyberspace hat sich wie ein Handschuh umgestülpt. Wir leben heute darin.
Brauchen wir diese riesigen Virtual-Reality-Helme gar nicht?
Nein, denn es hat sich herausgestellt, dass die Inhalte auf den Bildschirmen wichtig genug sind, denn wir starren ja die ganze Zeit drauf.
Die Zahl derer, die die Sprache dieses digitalen Zeitalters beherrschen, also tatsächlich Programme schreiben können, steht in einem krassen Gegensatz zu denen, die sie tagtäglich benutzen. Könnte das zum Problem werden?
Naja, diese Sprache verbreitet sich zwar, aber sie tut das nicht besonders gleichförmig. Eines Tages, und dieser Tag ist nicht all zu weit entfernt, wird es schlimmer sein, keinen Internet-Anschluss zu haben als obdachlos zu sein.
Hat unsere Abhängigkeit vom Netz einen kritischen Punkt erreicht?
Ich sehe das nicht apokalyptisch. Und das ist auch keine neue Entwicklung. Wir haben schon immer versucht, Erinnerungen und Informationen auszulagern und sie so aufzubewahren, dass andere hundert Jahre später darauf zugreifen können. Wir machen das, seit wir angefangen haben, Höhlenwände zu bemalen. Die Erfindung des Cyberspace ist vergleichbar mit der Erfindung der Städte, die uns früher sehr seltsam und fremdartig vorgekommen sind.
Die Urheberrechte an den Grundstücken in diesen digitalen Städten scheinen in den Händen von ein paar wenigen Software-Unternehmen zu liegen.
Das stimmt, obwohl ich immer noch ein großes Vertrauen in die ursprüngliche Architektur des Internets habe. Es wurde ja ursprünglich entwickelt als eine Art Kommunikationssystem für eine Zeit nach dem nuklearen Holocaust. Es funktioniert eben, weil es außer Kontrolle ist. Es gibt keine Hierarchie. Man kann es nicht steuern. Die chinesische Regierung versucht den Zugang zu Internetseiten wie YouTube zu unterbinden. Ich weiß nicht, ob die chinesische Regierung das so sieht, aber wenn man Menschen den Zugang zu Seiten wie YouTube versperrt, dann unterbricht man einen Kreativitätsfluss der sich später negativ auf die eigene Produktivität auswirkt. Aber ich denke, die Chinesen schaffen das auch so. Das Internet verfügt über viele Wege.
Es geht oft um Ängste und Paranoia bei Ihnen. Sind sie notwendige Begleiter in dieser hochkomplexen modernen Welt?
Der amerikanische Postmodernist Frederic Jameson hat einmal gesagt, dass das, was er als das postmodern Erhabene bezeichnet, gekennzeichnet sei durch das gleichzeitige Erleben von Furcht und Ekstase. Das trifft es ziemlich gut. Wir haben uns daran gewöhnt, dass sich die Welt ständig verändert. Aber diese Erfahrung ist noch relativ jung.
Sie haben im März Ihren 60. Geburtstag gefeiert. Hat William Gibson eigentlich Angst vor der Zukunft?
Ich denke, ich habe die durchschnittliche Angst vor der Zukunft. Ich kenne auch Leute, die noch mehr Angst haben als ich. Wenn aber jemand sich gar keine Sorgen macht, dann sieht er definitiv nicht genug Fernsehen oder surft nicht genug im Internet.
Das Gespräch führte Johannes Fischer.
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Foto: William Gibson, Schriftsteller, erfand einst den Begriff Cyberspace für einen seiner Science-Fiction-Romane.
Foto: Virtuell erzeugte Welten sind selten so greifbar wie auf diesem Foto.