Textarchiv

Hoffen auf die Auferstehung

Die christliche Presse steckt in einer Krise. Moderne Konzepte sollen nun neue Leser gewinnen

Thomas Klatt

Die christlich-konfessionelle Presse in Deutschland steckt in der Krise. Die Leserzahlen sanken laut Zählung des Verlegerverbandes VDZ von 4,16 Millionen im Jahr 1997 auf heute unter 2,8 Millionen. Die Folge: Magazine wurden oder werden eingestellt. Zum Ende des Jahres wird beispielsweise sowohl in der Hannoverschen als auch in der badischen Landeskirche die eigene Kirchenzeitung abgeschafft. Selbst in der Hauptstadt sind die Aussichten nicht rosig: Die katholische Sonntagszeitung für das Erzbistum Berlin liegt bei wöchentlich unter 6 000 Exemplaren, das evangelische Pendant Die Kirche dümpelt bei 9 000, Tendenz stark fallend. Angesichts eines potenziellen Millionenpublikums ist dies eine dramatische Marginalisierung bis hin zur Bedeutungslosigkeit.

Das Problem ist, dass die gute alte Kirchenzeitung mit dem Charme von christlicher Partnerschaftsvermittlung, Prostata-Werbung und klerikaler Hofberichterstattung meist nur ältere Kirchenmitglieder erreicht, die jedoch langsam wegsterben. Im Zeitalter der neuen Medien suchen evangelische und katholische Verlage daher nach Alternativen und neuen Kunden, ohne jedoch gleichzeitig ihre alte Leserschaft verschrecken zu wollen.

"Die Chance der Kirchenpresse liegt in ihrer regionalen Verwurzelung", sagt der Chefredakteur des evangelischen Gemeindeblatts für Württemberg, Bernd Friedrich, zugleich Vorsitzender des Evangelischen Medienverbandes in Deutschland. Er glaubt, dass "dieses Stück Heimat für die Menschen heute wichtig geworden ist, weil die weltweiten Nachrichten sie noch unsicherer machen". Mit rund 80 000 Exemplaren Auflage ist sein Blatt Marktführer unter den evangelischen Wochenzeitungen.

Internet für Senioren

Es brauche selbst bei traditionellen Lesern wieder eine Alphabetisierung in Glaubensdingen, sagt Friedrich. Allerdings müsse auch eine Kirchenzeitung mehr bieten als nur eine Druckausgabe. Die enge Leserbindung sei ein Vorteil, den es zu nutzen gelte. Denn nirgendwo sonst gebe es eine derart an religiösen Dingen interessiere Leserschaft, die bereit sei, für Glaubensinformationen auch mal mehr Geld auszugeben. Die Entwicklung gehe weg vom reinen Printprodukt hin zu kundennahen Dienstleistungen rund um den Kirchenzeitungstitel. So bietet die Stuttgarter Redaktion mit Erfolg Internetkurse für Senioren etwa in Altenheimen an. Wichtig sei eine redaktionelle und vor allem finanzielle Unabhängigkeit von den Bischöfen und Kirchen-Synoden, sonst sei man bei allen Spardebatten schnell von Schließung bedroht, sagt Friedrich.

So wird nach 62 Jahren zum Ende des Jahres beispielsweise die Evangelische Kirchenzeitung in Hannover eingestellt. Ende der 50er-Jahre betrug deren Auflage noch 70 000 Exemplare, heute hat sie rund 23 000 Abonnenten. Zuletzt hatte auch die Hannoversche Landeskirche ihren Zuschuss von 400 000 Euro jährlich zurückgezogen. "Ich habe für den Erhalt der Kirchenzeitung plädiert und bedaure die Schließung außerordentlich", betont Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann. Ironie der Geschichte: Die christlichen Zeitungen darben, die Kirche feiert aber gerade in diesem Jahr den 200. Geburtstag des Diakonievaters Johann Hinrich Wichern, der auch als der Gründer der evangelischen Presse in Deutschland gilt.

In Frankfurt am Main scheint indes der Beweis gelungen zu sein, dass sich auch mehrere kirchliche Blätter in einem Erscheinungsgebiet behaupten können. Die hessischen Protestanten erhalten mit dem Quartalsmagazin Echt und dem sechswöchigen Evangelisch in Frankfurt gleich zwei Gratiszeitungen. Das evangelische Monatsmagazin Chrismon gibt es zudem noch als Verlagsbeigabe in der FAZ. Vierter im Bunde ist die Evangelische Kirchenzeitung für Hessen und Nassau, die durch eine intensive Marketingkampagne und Hauswerbung von 2003 bis 2007 ihre Auflage um 30 Prozent auf heute rund 17 000 Exemplare steigern konnte.

Auch Unsere Kirche ist mit über 50 000 Exemplaren noch relativ gut im Rennen. Das evangelische Blatt aus Bielefeld setzt auch auf einen guten Internetauftritt mit zahlreichen Web 2.0-Applikationen, um vor allem jüngere Leser anzusprechen. Chefredakteur Wolfgang Riewe träumt von einer großen evangelischen Wochenzeitung mehrerer Landeskirchen mit gemeinsamem Mantel und regionalen Blatteinlagen. Man müsse den Synergieeffekt nutzen, meint Riewe. Schon einmal hat fünf Jahre lang ein solches Modell zwischen Berlin, Westfalen, Rheinland, Nordelbien und Görlitz unter seiner Federführung bestanden, bevor die Kirchenleitung den Rückzug befahl.

Neben den regional verbundenen Wochenzeitungen setzen die Kirchen auch auf ihre überregionalen Flaggschiffe. Die Deutsche Bischofskonferenz stützt den Rheinischen Merkur in Bonn, die Auflage liegt mit zuletzt über 10 Prozent Rückgang bei 73 000 Exemplaren. Die Evangelische Kirche hat ihr Wochenblatt schon vor Jahren in das Monatsmagazin Chrismon umgewandelt, das mit mehr als 900 000 Exemplaren großen Tageszeitungen als Supplement beiliegt. Eine durch die evangelische Kirche millionenschwer gestützte und künstlich hochgehaltene Mogelpackung, wie Kritiker monieren, denn die Frankfurter Verkaufs-Zeitung Chrismon plus zählt gerade einmal knapp 10 000 Abonnementen.

Im Rheinland hat man sich dennoch für das Magazin-Modell entschieden. Die traditionelle Wochenzeitung Der Weg wurde eingestellt und in Kooperation mit der Chrismon-Zentrale zu Chrismon Plus Rheinland umgewandelt. Statt ehemals 45 000 hat die Zeitung jetzt nur noch rund 19 000 Bezieher, Tendenz allerdings gegen den allgemeinen Trend steigend. Das monatliche Lebens- und Religions-Magazin wendet sich eher an kirchenferne Leser. Nur noch der Mittelteil enthält regionale Kirchennachrichten.

Zudem setzt man ganz auf Cross-Media, um auch Jüngeren etwas zu bieten, sagt der rheinische Chrismon-Geschäftsführer Lars Tutt. So betreut etwa eine Redakteurin gleichzeitig das Internetportal Gemeindebriefredaktion.de. Daneben wird das Video-Format Gemeindebrief-TV als eine Art Ratgebertalk produziert. Zusätzlich werden Weiterbildungen im rheinischen Medienhaus angeboten.

Theo nach Berlin

Vielleicht liegt die Zukunft aber auch in einem anderen Weg, nämlich der Kirchenzeitung von unten. Vorbild dafür ist das katholische Publik-Forum, das bereits vor über 30 Jahren aus einer Leserinitiative kritischer Christen hervorgegangen ist. Die Redaktion in Oberursel ist nicht auf kirchliche Zuschüsse angewiesen und bewahrt sich dadurch die kirchenkritische journalistische Unabhängigkeit. Die Leser danken es, die Abo-Zahlen stimmen.

Das neueste christliche Basis-Projekt heißt Theo. Das Düsseldorfer Dreimonats-Magazin möchte sich im Layout mit Erfolgsmagazinen wie Brand eins messen. "Wir wollen eine qualitativ hochwertige Zeitung mit katholischen Fragen verbinden, kein subventioniertes Kirchenblatt, sondern das, was die Leute heutzutage wirklich sehen und lesen möchten", sagt Chefredakteurin Brigitte Haertel. Die Resonanz sei seit der ersten Ausgabe vor einem Jahr überwältigend positiv, bald wolle man Theo auch in Berlin an die Kioske bringen. Denn Religion verkaufe sich gut, wenn man es eben nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch professionell rüber bringe.

------------------------------

Jung und unabhängig

Die katholische Zeitschrift Theo erscheint seit einem Jahr alle drei Monate und ist unabhängig von der Amtskirche. Auffällig ist besonders das an moderne Publikumszeitschriften erinnernde Layout

Chrismon ist ein evangelisches Magazin, das kostenlos großen Zeitungen wie der FAZ beigelegt wird. So erreicht es eine Auflage von rund 900 000 Exemplaren.

------------------------------

Foto (3):

Braucht die christliche Presse mehr Cross Media und Web 2.0-Applikationen?

Katholisch: die Zeitschrift Theo.

Evangelisch: das Magazin Chrismon.