BERN. Halbmond - von wegen. Wider den Worten der Wetterfee regnet es natürlich um, am und im Wankdorf-Stadion zu Bern. Das alte, legendäre Wankdorf-Stadion musste einem Neubau weichen, aber irgendwo da oben hat Fritz Walter eben vor 54 Jahren seine dunkle Wolke fest vertäut. Und rollt hier unten der Ball über historisches Grün, werden immer noch alle nass. An diesem Abend sind es die Türken und die Russen. Kein Halbmond - ein gutes Omen für Hammer und Sichel?
Kaum jemand hat jedenfalls mit dieser Begegnung gerechnet. Wie auch, erst gestern hat die Uefa klein bei gegeben und einer Ansetzung zugestimmt. Hilfreich dabei die Androhung, dass bei einer Nichterfüllung des Wunsches Lothar Matthäus zum deutschen Vertreter im europäischen Verband gemacht würde. Alle wollten nach diesem wunderbaren Turnier mehr Fußball, haben ihn Gott sei dank bekommen.
Servet Cetin lebt
Dann musste alles ganz schell gehen. Das kleine Finale für Europameisterschaften musste reaktiviert werden, das früher etwas unschön "Spiel um Platz drei" hieß und nach der EM 1980 in Italien auf Grund von Zuschauermangel für 28 Jahre aus dem Programm gestrichen worden war. Ein Stadion musste her. Nahe liegend das Wankdorf-Stadion, diese Erweckungsstätte von Wundern, Mythen und mehr. Ein Schiedsrichter. Konzertpianist Herbert Fandel pfeift sich schon warm, die Klassik kann warten. Klar, die Türken und Russen hatten sich über die Halbfinals qualifiziert. Die Türken sind hier, weil die Deutschen am vergangenen Mittwoch die besseren Türken waren. Die Russen, weil sie am Donnerstag gegen Spanien wie eine Auswahl der Sowjetunion gespielt haben. Leider konnte kein deutscher Fernsehsender für die Übertragung der Live-Bilder gewonnen werden. Tja, ihr Vertrauen in das Weltbild ist wohl offensichtlich dahin. Immerhin sendet das ZDF das bekannte Störbild mit Bela Rethy, legt - wie bewährt - dessen Kommentar darunter, um die Zuschauer noch einmal zu fesseln. Vielleicht hören wir später mal rein.
Zum Spiel. Lang ist die Verletztenliste der Türken. Torwartlegende Rüstü Recber (Osteoporose), Sabri Sarioglu (Muskelprobleme), Gökhan Zan (Muskelprobleme), Servet Cetin (alles tut weh, aber das Herz schlägt), Hakan Balta (Muskelprobleme), Hamit Altintop (Muskelprobleme und Trennungsschmerz von seinem Bruder Halil), Ayhan Akman (Muskelprobleme), U. Boral (Muskelprobleme), Semih Sentürk (Muskelprobleme), sogar den naturalisierten Brasilianer Mehmet Aurelio hat es erwischt (Muskelprobleme und Heimweh). Nur der in England als Colin Kazim Richards geborene Kazim Kazim scheint fit zu sein. Die Aufgezählten bilden die Anfangsformation der Türken.
Russland kennt keine Verletzten, Russland spielt nach vorne, bekam von Trainer Guus Hiddink offensichtlich eine Überfalltaktik verschrieben. Der gebrechliche Servet wird mit Pressing begrüßt, Servet verliert prompt den Ball. Andrej Arschawin nutzt die Situation zu einem kurzen Dribbling, zu einem Schuss, der allerdings abgeblockt wird. Roman Pawljutschenko, der mit seinem jugendlichen Lächeln an Russlands Filmhelden aus den Sechziger und Siebziger Jahren erinnert, erzielt mit links aus etwas acht Metern das 1:0 (6.).
In Rückstand zu geraten, ist für die Türken bei dieser Europameisterschaft keine neue Erfahrung. Aber Pawljutschenkos Treffer hat jegliche Ordnung in ihrer Abwehrreihe zerstört. Nur zwei Minuten später spielt Gökhan Zan schlampig auf Torhüter Rüstü zurück, der unbeholfen wie ein Käfer auf dem Rücken nach dem Ball tapst. Alexander Anjukow sprintet dazwischen und erzielt das 2:0.
Offensichtlich haben die Türken heute gleich zwei Gegentore gebraucht, damit ihr schlummernder Stolz und ihre schnarchende Leidenschaft wachgerüttelt werden. Sie reagieren. Sabri nimmt einen Abschlag von Rüstü auf, spielt mit einem schlauen Pass Altintop frei, der Semih sieht. Und der robuste Stürmer von Fenerbahce Istanbul kennt den Weg zum Tor. Aus halblinker Position schießt er, sein Versuch wird abgefälscht, Kazim Kazim macht sich lang, drückt den Ball über die Linie (10.), schafft das Erweckungserlebnis für seine Mannschaft und zerrt sich den Muskel. Macht aber nichts.
Die Türken sind nun voller Adrenalin; wild entschlossen, auszugleichen. Es bietet sich eine gute Möglichkeit. Altintop tritt einen Eckball am langen Pfosten steht Semih und dropkickt den Ball über die Linie.
Bela Rethy lebt
Vier Tore in 18 Minuten deuten an, dass das hier ein Spiel für die Erinnerung, für die Geschichte werden kann. Es gibt keine Pausen, nur Abwehr und Angriff, kein Mittelfeld, in dem sich die Profis so gern mal verlieren. Die Türken spielen mit Herz, die Russen mit Lunge. Nach 26 Minuten 15 Sekunden und 12 Hundertsteln blicken alle verwundert auf die Anzeigetafel. Weltrekord! Weltrekord! Weltrekord! Ist dort zu lesen, die Buchstaben hüpfen vor Freude. Fandel unterbricht für einen Moment das Spiel und gratuliert als Erster Sergej Semak. Wenige Wochen vor den Olympischen Spielen in Peking hat der Mittelfeldmann von Rubin Kasan den 10 000-Meter-Weltrekord von Kenenisa Bekele um fast zwei Sekunden unterboten. Eine Spielertraube. Fandel pfeift wieder an.
Kurz vor der Halbzeit rückt Fandel erneut in den Mittelpunkt des Geschehens. Er verbannt Guus Hiddink und Fatih Terim nach einem Streit mit dem vierten, fünften und sechsten Schiedsrichter auf die Tribüne. Oligarch Roman Abramowitsch, der Fußballfan mit einem Klub und viel Liebe für den russischen Fußball, öffnet seine Loge für die beiden Trainer, sofort wird geraucht und Rotwein getrunken, dann lässt ein Unbekannter die Jalousien herab. Aber brauchen diese Mannschaften überhaupt Trainer? Nein, die würden nur stören, wenn sich Türken und Russen am eigenen Spiel berauschen, wenn eine Eigendynamik entsteht, die aus einem Spiel ein Spektakel macht.
Zweite Hälfte: Genießen und zurücklehnen. Wir lassen mal den Rethy machen. Bela Rethy spricht: "Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern, keiner wankt, der Regen prasselt unaufhörlich hernieder, es ist schwer, aber die Zuschauer, sie harren nicht aus. Wie könnten sie auch - eine Fußball-Weltmei ... Entschuldigung! ... eine Fußball-Europameisterschaft ist alle vier Jahre und wann sieht man ein solches Spiel um Platz drei, so ausgeglichen, so packend. Jetzt die Türkei am linken Flügel durch U. Boral. U. Borals Zuspiel zu Kazim Kazim wird von den Russen abgewehrt - und Sajenko, immer wieder Sajenko, der rechte Läufer der Russen am Ball. Er hat den Ball ... verloren diesmal, gegen U. Boral. U. Boral nach innen geflankt. Kopfball - abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Semih schießen - Semih schießt - Toooooor! Toooooo! Toooooor! Toooooor!"
Wenig später, nach einer Parade von Rüstü: "Recber, du bist ein Teufelskerl! Recber, du bist ein Fußballgott! Entschuldigen Sie die Begeisterung, die Fußball-Laien werden uns für verrückt erklären". Schließlich schreit Bela Rethy: "AUS! AUS! AUS! AUS! Das Spiel ist AUS! Die Türkei ist Dritter! Schlägt Russland mit 3:2 Toren im kleinen Finale von Bern! Ben deli olucam, ben deli olucam, ben deli olucam." Das war türkisch und bedeutet ins Österreichische übersetzt: "I wer' narrisch".
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Türkei - Russland 3:2 (2:2)
Türkei: Rüstü - Sabri, Gökhan Zan, Servet Cetin, Hakan Balta - Hamit Altintop, Mehmet Aurelio, Ayhan Akman, Ugur Boral - Semih Sentürk, Kazim Kazim.
Russland: Akinfejew - Anjukow, Ignaschewitsch, Kolodin, Schirkow - Semak - Sajenko, Semschow, Syrjanow - Arschawin - Pawljutschenko
Tore: 0:1 Pawljutschenko (6.), 0:2 Anjukow (8.), 1:2 Kazim Kazim (10.), 2:2 Semih (18.), 3:2 Semih (84.)
Schiedsrichter: Herbert Fandel (Deutschland)
Zuschauer: in Bern: 30 777 (ausverkauft)
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Foto : Getürkt: Anscheinend ist Hamit Altintop einen kleinen Tick früher am Ball als der Russe Sergej Semak.