Die Jagd der Medien auf Kurt Beck ist zu Ende. Einer der Anführer der Meute hat sie abgeblasen. "Es reicht. Es ist Zeit innezuhalten. Nachzudenken. Kritisch und selbstkritisch", schreibt Hans-Ulrich Jörges, einer der profiliertesten, brutalsten und einflussreichsten Hauptstadtjournalisten im neuen "Stern".
Er hat ja recht. Selbstkritisches Nachdenken ist gewiss eine Tugend für jeden Journalisten. Würden sie mehr aus unserer Zunft pflegen, gäbe es weniger von dem politischen Kampagnenjournalismus, der besonders seit dem Umzug von Parlament, Regierung und Hauptstadtmedien nach Berlin dann und wann die Oberhand gewinnt. Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck war in den vergangenen Monaten ein Objekt dieser abartigen Form der Berichterstattung, die manche auch Rudeljournalismus nennen.
Ein aktuelles Beispiel war der Umgang einiger Medien mit der Bemerkung Becks in einer Rede vor der Bundestagsfraktion, er klebe nicht an seinem Sessel. Diese von Teilnehmern an Journalisten vor der Fraktionstür weitergegebene Äußerung führte zu Meldungen in Nachrichtenagenturen und Onlinediensten, Beck habe mit seinem Rücktritt gedroht. Befragte man später Ohrenzeugen, so hatte niemand, aus keinem der SPD-Flügel, den Parteivorsitzenden in diesem Sinne verstanden. Journalisten, die selber der Rede nicht beigewohnt hatten, gaben ihr also einen Dreh, den sie nach dem Zeugnis der Teilnehmer gar nicht hatte. In einer Zeit, in der in manchen Redaktionen der Klick auf Onlinedienste jede eigene Recherche ersetzt, entwickelt so eine Geschichte dann schnell eine ganz eigene Realität.
Freilich hat es es genug Anlass gegeben, sehr kritisch über den SPD-Vorsitzenden und seine Arbeit zu schreiben und zu senden. Man konnte seine Abkehr von der Agenda 2010 für falsch halten, seine Rede auf dem SPD-Parteitag für misslungen, sein Taktieren mit der Linkspartei für unglaubwürdig und seine Art des Parteimanagements unprofessionell. Man kann auch seine Äußerung über das Nichtkleben am Sessel für zumindest ungeschickt halten und jede Woche niederschmetternde Umfragen veröffentlichen.
Doch die inhaltliche Auseinandersetzung mit einem Politiker gerät dann zur Kampagne, wenn sie einhergeht mit dem gezielten Verächtlichmachen, dem der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz sich ausgesetzt sah - mit immer neuen Geschichten über seine Witze, seine Essgewohnheiten, sein Pfälzertum.
Wenn er allerdings behauptet, noch nie sei in der Bundesrepublik so mies mit einem Politiker umgegangen worden wie mit ihm, so täuscht er sich. Willy Brandt war in den 60er-Jahren üblen Kampagnen ausgesetzt, in denen seine uneheliche Geburt und sein Kampf gegen die Nazis aus dem Exil auf infame Weise gegen ihn instrumentalisiert wurden. Anführer war die Springer-Presse, was zu einem Beschluss im SPD-Vorstand führte: Keine Interviews mehr mit der Bild-Zeitung! Auch Helmut "Birne" Kohl war zumindest in seinen frühen Jahren einer Medienbetrachtung ausgesetzt, die weniger robuste Charaktere als Kampagne empfinden konnten. Er zog daraus die Konsequenz: Keine Interviews mehr mit dem Spiegel! Beides könnte sich heute kein Spitzenpolitiker mehr leisten.
Was aber ist heute anders, warum wird der Umgang mit Beck als so gnadenlos empfunden? Im Zuge der von Kohl vorangetriebenen Privatisierung der elektronischen Medien und des ständig wachsenden Konkurrenz- und Kostendrucks bei den Printmedien, beschleunigt noch durch das Internet, hat sich die Berichterstattung entpolitisiert und sensationalisiert. Während Brandt aus politischen Gründen von rechts und Kohl von links angegangen wurde, prügeln auf Beck alle ein - eine Erfahrung, die schon Gerhard Schröder gegen Ende der rot-grünen Koalition machen musste.
Dabei geht es wenig um Inhalte und viel um Gefühl, um gefühlte, allenfalls empirisch erhobene Stimmungen. Die medien-politischen Lager haben sich aufgelöst zugunsten einer sensationsorientierten Nachrichtenmaschinerie mit Leitmedien wie Bild und Spiegel Online, die Ton und Takt für viele in diesem Geschäft vorgeben, und die oft selber Politik machen wollen. Der Sturz eines Spitzenpolitikers aber ist die höchste Form der Sensation. Kurt Beck hat durch seine Fehler und seine erkennbare Verletzbarkeit den Jagdinstinkt des Rudels immer weiter angestachelt. Er hat das nun selber thematisiert, und vielleicht hat ihn das gerettet. Die Jäger fühlen sich enttarnt und haben die Lust auf ihre Beute verloren. Erst einmal.
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Kurt Beck hat durch seine Fehler und seine erkennbare Verletzbarkeit den Jagdinstinkt des Rudels immer weiter angestachelt.