Aus den riesigen Fenstern der Offiziers-Lounge fällt der Blick auf das Tempelhof-Flugfeld, wo kleine Flugzeuge starten und landen und mit ihren brummenden Motoren für eine Art Rosinenbomber-Feeling sorgen, das im großen Tempelhof-Roman des Kreuzberger Autors Jürgen Ebertowski so realistisch und spannend beschrieben wird. Die Russenblockade, Luftbrücke und Schwarzmarkt-Machenschaften zwischen 1945-49 sind das Thema von "Hungerkralle", in dem der Flughafen Tempelhof einen zentralen Schauplatz darstellt.
Der 58-jährige Ebertowski selbst, so sein Verweis auf den autobiografischen Hintergrund, hatte noch als Kind im Wedding in den Trümmern gespielt und Vera Binder, die Freundin der Hauptfigur Karl Meunier, hat als Artistin einige Attribute seiner jetzt 80-jährigen Mutter übernommen, die ebenfalls Varieté-Künstlerin war. Die Leser von Ebertowskis Krimis ("Aikido Speed") werden auch nicht überrascht sein, dass der Aikido-Kämpfer und ehemalige Inhaber eines Kreuzberger Aikido-Studios auch in "Hungerkralle" einige Kampfsport-Aktivitäten beschreibt.
In Ebertowskis Hotel-Adlon-Roman "Unter den Linden Nummer eins" (1997) stand bereits der mit Berliner Witz und gesundem Menschenverstand bestens ausgestattete Hoteldetektiv Karl Meunier im Mittelpunkt. In "Hungerkralle" ist Meunier auch wieder die Hauptfigur, die im Zentrum einer historischen Umbruchphase steht. Er hat den Hotelbrand überlebt, konnte sich in den letzten Kriegswirren in ein Berliner Trümmergebiet retten und muss nun sehen, wie er mit den kümmerlichen Rationen in seiner zerbombten Bude in diesem "Geröllkarthago der Neuzeit" ohne seine vermisste Freundin Vera über die Runden kommt.
Agenten und Schwarzmarkt
"Die einzigen Kreaturen, die derzeit aufleben, sind die Mücken", denkt er in dieser schwierigen Phase. Doch mit der Ankunft amerikanischer Presseleute und CIA-Agenten in Tempelhof ergibt sich für Meunier ein attraktives Jobangebot: Er kann für den "Stars and Stripes"-Redakteur Paul Miller, den er noch aus besseren Zeiten im Adlon kannte, dolmetschen und nebenher hält er die Ohren auf, um dem CIA-Mann Informationen über eine brutale Falschgeldbande zuzustecken. So ist Meunier schließlich wieder liquide und kann auf dem blühenden Schwarzmarkt am zerstörten Reichstagsgebäude für einige Zigaretten mit Kartoffeln gestrecktes Brot eintauschen. Schließlich gibt es sogar Zucker, Eier und Anzüge im Angebot.
Die Dialoge sind streckenweise zum exotisch- amüsanten deutsch-amerikanischen Kauderwelsch mutiert, was sich dann so anhört: "Here, please take your wallet. You may leave. Aber vorher möchte Major Miller noch mit Ihnen reden".
In diesem Szenario fehlen weder unbelehrbare ehemalige SS-Schergen noch filmreife Verfolgungsjagden oder schlitzohrige russische Militärs, die ihre Bestände versilbern. Trotz dieses streckenweise in die Kolportage abdriftenden Plots ist daraus doch ein Roman geworden, der diese Epoche glaubwürdig und realistisch wiederauferstehen lässt. Mit seinem Gespür für historische Entwicklungsprozesse, die sich in subtilen, unterschwelligen atmosphärischen Störungen andeuten und sich in eskalierenden Phasen nach der Bürgermeisterwahl, der Berlin-Blockade und der Währungsumstellung zum Kalten Krieg verdichteten, gelingt es Jürgen Ebertowski, die Berliner Nachkriegsepoche als spannenden, akribisch recherchierten historischen Krimi zu gestalten.
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Foto: Jürgen Ebertowski: Hungerkralle. Rotbuch, Hamburg 2008. 237 S., 19,90 Euro.