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Faszination des Grauens

An den Grenzen der Darstellbarkeit: Celine Dion sang in der Waldbühne

Jens Balzer

Es ist so gekommen, wie wir es an dieser Stelle bereits verschiedentlich prophezeit haben: Am Donnerstagabend hat die kanadische Sängerin Celine Dion in der Westberliner Waldbühne ein 100-minütiges Konzert gegeben. Seitdem regnet es in ganz Berlin. Die Temperaturen sind erheblich zurückgegangen, und nach Auskunft des Deutschen Meteorologischen Dienstes ist auch für die kommenden Tage keine Besserung in Sicht. Am Beginn des Abends schien noch die Sonne, es war zwar bereits abgekühlt, aber über den Himmel wehten heitere Zirrus-Wolken hinweg. Als Celine Dion um 20.30 Uhr in einem scheußlichen Minikleid in der in vielen Ländern der Erde verbotenen Mischfarbe Pink-Bordeauxrot die Bühne betrat, trübte es sich jedoch schlagartig ein; als sie sich um 20.42 Uhr nach der Darbietung ihrer ersten beiden Lieder "I Drove All Night" und "The Power of Love" an ihr Publikum wandte und "Seht in den Himmel! Ist das nicht ein wunderbarer Himmel über Berlin?" sagte, da war der Himmel über Berlin bereits vollständig von grauen Regenwolken bedeckt, was die offenbar kurzsichtige 40-jährige Sängerin aus Charlemagne, Quebec, zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht bemerkte. Aber wie schon der Volksmund weiß: Zirren und Frauen soll man nicht trauen.

Das Konzert von Celine Dion war dann ein sehr interessantes Konzert. Es war vorzüglich dazu geeignet, viele Vorurteile über Celine Dion zu widerlegen. Die Musikkritik hebt an ihren Auftritten üblicherweise die Faszination des Abstoßenden hervor: die perverse, aber gerade deswegen auch lusterzeugende Mischung aus ihrer absolut unausstehlichen Stimme und einer makellosen Inszenierung; die Verbindung aus der klebrigen Schlichtheit ihrer Musik und der glamourösen Perfektheit ihrer Darbietung. Zuletzt hat der kanadische Kritiker Carl Wilson in seinem viel diskutierten Buch "Celine Dion - A Journey to The End of Taste" (Celine Dion - Eine Reise an die Grenzen des Geschmacks) den weltweiten Erfolg dieser auf den ersten Blick lediglich eindimensional grauenerregenden Künstlerin so zu erklären versucht.

Gerade von dieser Dialektik der perversen Perfektheit war in der Waldbühne jedoch nichts zu bemerken. Es war gerade der Mangel an Perfektion, durch den das Konzert überraschte: die Billigkeit der Musik; die blechernen Sounds aus den Keyboards, die Lieblosigkeit, mit der ganze Kinderchöre und Geigenorchester aus dem Sampler hinzugespielt wurden; das schlampig choreografierte Gehampel der Tänzer, die nicht wie eine Showtruppe aus Las Vegas wirkten, sondern eher wie das MDR-Fernsehballett an einem nicht ganz so straffen Tag. Dazwischen bewegte sich Celine Dion so kalt und leblos wie ein schlecht angezogener Showroboter und spulte ihr tausendmal aufgeführtes Programm herunter; versuchte in endlosen Ansprachen zwischen den Stücken erfolglos, das unterkühlte Publikum für sich zu gewinnen; zog sich in hundert Minuten etwa zehn Mal um, um schließlich in einer schwarzen Glockenhose zu erscheinen, auf der mit silbrig glitzernden Strass-Steinen die Form ihrer Gebärmutter nachempfunden war.

An diesem Abend hatte Celine Dion nichts Divenhaftes, kein Charisma, keinen Glamour; sie versuchte gar nicht erst, die Verlogenheit ihrer Musik und der darin simulierten Gefühle in irgendeiner Form zu vertuschen: Noch wenn sie scheinbar dramatisch auf die Knie fiel oder sich - wie am Ende des neuen Songs "My Love" - mit professionellem Timing etwas Flüssigkeit aus den Tränendrüsen drückte, wirkte sie mechanisch, beliebig, gelangweilt. Wann immer sie einen ihrer berüchtigten Ich-kann-diesen-Ton-länger-als-eine-Minute-halten-Vokalstunts absolviert hatte, schlug sie sich stolz auf den Kehlkopf wie Tarzan auf die Brust und riss den angewinkelten linken Arm nach unten wie ein Bauarbeiter, der eine Toilettenspülung betätigt. Und das waren noch nicht einmal die beschämendsten Stellen des Abends: Bei dem "Duett", das Dion mit dem italienischen Tenor Andrea Bocelli sang, erschien Bocelli lediglich in bewegten Digitalbildern auf der Leinwand über der Bühne, als befänden sich die 16 000 Waldbühnenzuschauer in einer Karaokeshow in der Eckkneipe. Danach versuchte sich Celine Dion an einer Cover-Version der beiden Queen-Stücke "We Will Rock You" und "The Show Must Go On", wobei sie zum Gitarrensolo am Ende auf ihren Brüsten (kein Witz) Luftgitarre spielte; im weißen Babydoll-Kleid sang sie James Browns "It's A Man's World", wozu sich die Tänzer mit schwarzen Hosen, weißen Jacketts und Bowlerhüten wie die Vergewaltiger aus "Clockwork Orange" verkleideten. An dieser Stelle begann es zur Strafe, erstmals zu regnen. Bis zum Redaktionsschluss der Berliner Zeitung am Freitagabend hatte die Niederschlagsneigung nicht nachgelassen.

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So kalt und leblos wie ein schlecht angezogener Showroboter spulte Dion ihr tausendmal aufgeführtes Programm herunter.

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Foto: In diesem scheußlichen Minikleid in der Mischfarbe Pink-Bordeauxrot eröffnete Celine Dion ihr Konzert in Berlin.