LONDON/BERLIN. In einem kleinen Café im Szenebezirk Soho plaudern zwei junge Frauen. Ronya Galka, 33, und die drei Jahre jüngere Manja Klos bestellen gerade die zweite Runde Latte Macchiato. Die Brandenburgerin Manja lebt seit neun Jahren an der Themse. Derzeit ist sie Managerin einer bekannten Casting-Agentur. "Der Job macht Spaß, entspricht meinen Qualifikationen, wird anständig bezahlt", sagt sie. Trotzdem empfindet sie so etwas wie Heimweh. "In meine Heimatstadt Cottbus kriegen mich keine zehn Pferde zurück, aber Berlin reizt mich schon", bekennt sie.
Manja verweist auf die sinkende Lebensqualität in London, die horrenden Preise, die hohen Lebenshaltungskosten. "Immer mehr Menschen drängen in diese Stadt. Bis zu den Olympischen Spielen 2012 werden sich die Busse übereinander stapeln müssen, um überhaupt noch durchzukommen", malt sie sich die Zukunft aus.
Um jeden Preis will Manja nicht nach Deutschland, die Jobsuche erweist sich als schwierig. "Nichts dabei, was meiner Berufserfahrung und Qualifikation entspricht", sagt die 30-Jährige. "Nur ein bezahltes Praktikum wurde mir angeboten. Wenn man mich in Berlin nicht braucht, bleibe ich halt hier."
"Unser Feld ist die Welt"
Ronya Galka ist Heimweh fremd. Hauptberuflich arbeitet sie als Managing Director in einem Versicherungsunternehmen. Seit einigen Monaten baut sich die ehrgeizige Frau erfolgreich ein zweites berufliches Standbein auf. Als freie Fotografin hat sie schon einige Preise gewonnen. Ihre Bilder, klassische Straßenfotografien, sind sehr gefragt und schmücken die Wände von Unternehmen, Institutionen und Privatwohnungen.
"Momentan lege ich viel Geld beiseite, um hoffentlich eines Tages nur von meiner Fotografie leben zu können. In Deutschland hätten mir das Finanzamt, beziehungsweise die Steuerpolitik, schon einen Strich durch die Rechnung gemacht. Als Selbstständiger ist man dort ja schnell ein Fall für den Staatsanwalt", sagt Ronya.
Ihr Weg ins Ausland begann, genau wie der ihrer Freundin Manja, als Aupairmädchen. Anschließend studierte sie in London, lernte ihren damaligen Freund kennen und zog bald darauf mit ihm zusammen. "Das Studium war nicht gerade billig, meine Eltern haben mich unterstützt. Außerdem habe ich viel nebenbei gejobbt, es war nicht immer einfach, aber es hat sich gelohnt. So blieben mir die Endlosschleifen des deutschen Bildungssystems erspart. Zudem bin ich jetzt, mit meinem Fremdsprachenkenntnissen, fit für die globalisierte Welt", sagt sie.
Ronya will nicht ewig in London bleiben, aber nach Deutschland ziehe sie nichts zurück. Eher würde sie nach Südfrankreich oder Spanien gehen, in die Sonne. "Unser Feld ist die Welt" ruft Ronya zum Abschied im Londoner Café. Und wahrscheinlich sieht sie in diesem Spruch mehr Chance als Risiko.
Ronya und Manja stehen stellvertretend für eine wachsende Zahl ehrgeiziger und hochqualifizierter Deutscher, die ihr Engagement und Humankapital im Ausland einsetzen. Rund 165 000 Menschen haben im vergangenem Jahr der Bundesrepublik den Rücken gekehrt, die größte Anzahl seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Wer innerhalb der EU umzieht, behält in der Regel seinen Wohnsitz in Deutschland und erscheint somit in keiner Auswandererstatistik.
Trotzdem sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hierzulande verbessert haben, scheint der Zug ins Ausland unumkehrbar. Seit Jahren beobachten Experten diesen Trend, gerade unter Hochschulabsolventen und Freiberuflern. "Generation Goodbye" wurden die jungen Deutschen vom Manager Magazin schon vor einigen Jahren getauft. 56 Prozent der deutschen Studenten, die kurz vor ihrem Abschluss stehen, würden für einen sicheren Arbeitsplatz ins Ausland ziehen, ermittelte das Magazin damals in einer Umfrage.
Fast alle Plätze im Wartezimmer der Praxis von Dr. Lothar Erbenich im bürgerlichen Berlin-Zehlendorf sind besetzt. An diesem Vormittag haben sich rund zwei Dutzend Auswanderungswillige bei dem Arzt eingefunden. Erbenich trägt den Titel eines Panel Physicians, er ist berechtigt, im Auftrag verschiedener Botschaften, vorwiegend der Einwanderungsländer USA, Kanada, Australien und Neuseeland, künftige Migranten nach den jeweiligen medizinischen Vorschriften zu untersuchen. Der Test gehört zur Einwanderungsprozedur.
Joy füllt gerade ein Formular aus. "Neuseeland!" antwortet sie auf die Frage wohin sie zusammen mit ihrem Mann und den beiden Kindern auswandern möchte. Vor elf Jahren lernte sie ihren deutschen Ehemann auf den Philippinen, ihrer Heimat, kennen. Sie folgte ihm nach Berlin, die Söhne wurden hier geboren. Joy ist Psychologin, ihr Diplom der Universität Manila wird in Deutschland nicht anerkannt. "Mein Mann ist Innenarchitekt. Er hat schon eine Festanstellung in Neuseeland. Mir winkt eine Halbtagsstelle. Die Kinder sind zweisprachig aufgewachsen, Englisch und Deutsch", erzählt sie und blickt stolz auf ihre Söhne. "Qualifizierte Zuwanderer werden in Deutschland anscheinend nicht gebraucht", fügt sie traurig hinzu.
"Die Struktur der Auswanderer hat sich verändert", erklärt Erbenich. Heute wagen viel mehr Hochqualifizierte, viele Akademiker, diesen Schritt. Auch viele junge Mediziner verlassen die Bundesrepublik", hat Erbenich festgestellt.
Solche wie Andrea und Karim. In einem Café in Kreuzberg erzählt das Paar vom bevorstehendem Umzug nach Großbritannien. In der Grafschaft Kent werden sie ihr Foundation Year beginnen, das britische Äquivalent zur deutschen Facharztausbildung. "Die Bezahlung ist besser, die Ausbildung praxisorientierter und kürzer", erklärt Karim, 30. "Vor allem sind die Hierarchien in den Krankenhäusern flacher", sagt Andrea, 27. Der Abschied von Berlin fällt nicht leicht, doch Neugier und berufliche Ambitionen erleichtern den Schritt.
Aufbruchstimmung in Bukarest
Deutschland hat sich in den letzten Jahren sowohl zu einem Einwanderungs- wie zu einem Auswanderungsland entwickelt. Es scheint, die Republik, ja der ganze Kontinent ist in Bewegung geraten. Hunderttausende junger Osteuropäer sind nach Großbritannien und Irland gezogen. Hunderttausende Briten verlassen Jahr für Jahr die Heimat. Auch aus Schweden und den Niederlanden werden Rekordeinwanderungen wie -auswanderungen gemeldet. Die Freizügigkeit innerhalb der EU erleichtert den Umzug, der gemeinsame europäische Arbeitsmarkt bietet große Chancen. Selbst die EU-Neumitglieder im Osten werden Ziel des deutschen Brain Drains.
"Bukarest? Was wollt ihr denn da?", lautete immer wieder die Frage, als Sandra M. und Daniel Zander ihre Freunde über den Umzug nach Rumänien informierten. Von ungläubigen Blicken und fassungslosem Kopfschütteln berichtet Daniel. Seit eineinhalb Jahren lebt der Hamburger mit seiner Lebensgefährtin in Bukarest. Er schwärmt von der Aufbruchstimmung, der Dynamik, den vielen Möglichkeiten. Er hat in Oxford studiert, in Japan Praktika absolviert, spricht fließend Englisch, Französisch, Arabisch, inzwischen auch passabel Rumänisch. "Man hat uns mit offenen Armen aufgenommen", sagt er. Der Sohn einer koptischen Christin aus Ägypten und eines Hamburger Unternehmers arbeitet in der Schifffahrtsbranche.
Das Paar erwartet demnächst das erste Kind. "Mein Sohn wird in Rumänien zur Welt kommen, wo er aufwachsen wird. Wo wir als Familie in zehn Jahren leben werden, weiß ich nicht", sagt Daniel.
Viele junge Deutsche haben sich schon in Bukarest niedergelassen, auf der Flucht vor der Bürokratie, den mangelnden Perspektiven, den mäßigen Karrierechancen. Andere sitzen auf gepackten Koffern.
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Einwanderung nach Bedarf
Die klassischen Einwanderungsländer der englischsprachigen Welt betreiben seit Jahrzehnten eine streng geordnete Einwanderungspolitik. Die Zuwanderung orientiert sich, abgesehen von der Aufnahme von Flüchtlingen, an den Bedürfnissen des jeweiligen Arbeitsmarktes. Je nach Konjunktur, Nachfrage und Arbeitskräftemangel wird bestimmten Berufsgruppen das Einwandern erleichtert.
Ein Anforderungskatalog legt die Voraussetzungen fest: eine abgeschlossene Berufsausbildung, und/oder eine mindestens zwölfjährige Schulbildung, gute englische Sprachkenntnisse. In Australien etwa werden aktuell dringend Ärzte und medizinisches Pflegepersonal gesucht. Die australische Regierung veranstaltete in den vergangenen Jahren regelmäßig "Job Fairs" in verschiedenen Ländern. Die USA verlosen jedes Jahr zudem in der Green-Card-Lotterie Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen.
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Grafik: Deutsche Auswanderer (1991-2007)
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Foto: Das Museum Deutsches Auswandererhaus in Bremerhaven zeigt Flaggen der Zielländer deutscher Migranten.