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Softie mit Rückgrat

Amerikas nettester Cowboy: James Stewart zum 100. Geburtstag

Bert Rebahndl

Ein Mann ohne Waffe war im Wilden Westen so viel wert wie Saloon ohne Whiskey oder eine Postkutsche ohne Pferde. Die Welt war nun einmal voller Gewalt, wer sich nicht wehrte, hatte seinen Beruf (oder sein Geschlecht) verfehlt. Es bedurfte eines Schauspielers wie James Stewart, um das einmal auszuprobieren: waffenlos in einer Stadt wie Bottleneck, in der eine Poker-Mafia herrscht und der Stadtsäufer den Sheriffstern trägt. Der Film heißt "Destry Rides Again", er stammt aus dem Jahr 1939, Marlene Dietrich hat darin einen großen Auftritt als Bardame, und der damals noch recht junge James Stewart konnte als Tom Destry jr. mit sichtlichem Vergnügen an seiner ersten Lebensrolle als Softie mit Rückgrat arbeiten.

Mit seiner etwas sonderbaren Erscheinung war er eigentlich gar nicht zum Weltstar bestimmt: seine schlaksige Figur, sein hängendes Kinn, seine tonlose, aus schmächtiger Brust kommende Stimme hätten ihn für gewöhnlich auf die Rolle eines "sidekicks", eines komischen Nebendarstellers festlegen müssen. Doch da war eben noch etwas anderes: eine natürliche Autorität, in die ein Mann langsam hinweinwächst wie in ein paar gute Stiefel.

Demokrat und Rechtsstaatler

James Stewart, geboren am 20. Mai 1908 in Pennsylvania, gewann im Lauf seiner langen Karriere eine Dimension, die - wie die seines großen Partners und Gegenspielers John Wayne - das ganze weiße Amerika im 20. Jahrhundert betraf. Er war sinnbildlich als Demokrat und Einzelgänger, als Zivilisationsbringer und Rechtsstaatler. Zwei Regisseure haben dabei wesentlich an seinem Image mitgewirkt: Frank Capra und Anthony Mann. Bei Capra spielte er 1939 den Mr. Smith, der - vermeintlich naiv wie Tom Destry - nach Washington in die große Politik geht und dort die moralischen Koordinaten neu setzt. 1946 folgte "It's a Wonderful Life", der zu einem Feiertagsklassiker wurde: das Leben eines typischen amerikanischen Mannes, aus der Perspektive eines Engels betrachtet. Hier war der eine James Stewart zu sehen, der verbindliche und verschmitzte Mann, auf den sich alle einigen können.

Der andere James Stewart kam in den Western von Anthony Mann aus der Wildnis geritten - ein Cowboy ohne Anschluss an die Gesellschaft, der trotzdem die Herausforderungen annimmt, die sich in einer gesetzlosen Welt stellen. Dieser Jimmie Stewart - in Filmen wie "The Far Country" - war ein Idol, das einer zunehmend satter werdenden Konsumgesellschaft in den Fünfzigerjahren eine Ahnung von Freiheit geben konnte, ohne dass seine Heldentaten dabei unwiederholbar erscheinen mussten.

Seine Skrupel und Vorbehalte waren immer die der kleinen Männer, er wuchs niemals zu weit über sich hinaus. Im Alter, in den elegischen Western "Der Mann, der Liberty Valance erschoss" von John Ford und "The Shootist" von Don Siegel, verzichtete er nahezu gänzlich auf den Schalk und den Charme seiner frühen Jahre - er wurde reif im besten Sinn, er erreichte eine hohe Kultur, die den Naturzustand nicht vergessen hat. James Stewart wäre heute 100 Jahre alt geworden.

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Foto: James Stewart und Kim Novak in dem Thriller "Vertigo", 1958