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BERLINER BEZIRKE

Zwar noch kein Rock, aber schon stark im Takt

Vor 24 Jahren kam Raymund Spieker nach Neukölln. Er blieb und führt heute dort einen Bioladen

Stefan Strauss

Raymund Spieker hat sich geärgert, als kürzlich "Neukölln rockt" auf dem Titel eines Stadtmagazins stand. Neukölln sei der "derzeit spannendste Bezirk", hieß es da. In Spiekers Kopf lief ein Szenario ab, eine Kette von Ereignissen: Kommt erst das Szene-Volk, dann eröffnen teure Läden und Restaurants, dann steigen die Mieten. Doch "die Karawane des Kapitals" soll nicht durch seinen Bezirk ziehen, sagt Spieker. Das könne nicht im Sinne Neuköllns sein. "Nachhaltig und behutsam" soll sich der Wandel vollziehen. "Damit alle in Neukölln wohnen bleiben können."

Eigentlich kann Spieker ganz gut leben von dem Wandel im nördlichen Teil Neuköllns, der nahe an Kreuzberg liegt und den manche Kreuzkölln nennen. Im Herbst 2007 eröffnete er in der Friedelstraße 34 seinen Bioladen "Sprouts & more". Selbst gezüchtete Sprossen in ungewöhnlichen Mixturen verkauft er dort, Ingwertee, Biobrot und Salz vom Himalaya. "Immer mehr junge Leute ziehen hierher. Sie haben ein hohes Bildungsniveau und machen sich Gedanken über ihre Ernährung", sagt Spieker. Vielleicht rockt Neukölln noch nicht so richtig, aber es bewegt sich doch sehr stark im Takt.

Seit 24 Jahren wohnt Spieker in der Friedelstraße. Er hätte, sagt er, in all den Jahren niemals daran gedacht, dort einmal einen Bioladen zu führen. Anfangs trug er immer einen Stadtplan bei sich. Er fühlte sich fremd, fand wenig Gleichgesinnte. In den Eckkneipen tranken die Menschen Jägermeister unter einem röhrenden Hirsch. Dort wollte der Student für Geowissenschaften und Ökologie nicht sitzen. Auf der Straße begegneten ihm viele "deutsche Rentner, aber kaum Studenten". Die Häuser waren grau und unsaniert, die Mieten gering. Nichts rockte in Neukölln. Wenn Spieker in die Kneipe gehen wollte, überquerte er den Landwehrkanal und traf sich mit Freunden in Kreuzberg. "Dort wohnten damals die Studenten. Wenn ich ihnen erzählte, ich wohne in Neukölln, spürte ich ihre Verachtung." Neukölln galt damals schon als Armutsgebiet. Oft dachte er daran, aus Neukölln fortzuziehen. Es glaubte, Neukölln vermassele sein Leben. Kamen Ablehnungen auf Bewerbungen, war er sicher, es lag an der Adresse.

Als 1989 die Mauer fiel, sei es mit Neukölln weiter bergab gegangen, sagt Raymund Spieker. Viele Bewohner zogen weg, Handwerker schlossen ihre Geschäfte, die Stimmung auf der Straße bedrückte ihn. "Die Menschen liefen geduckt und griesgrämig durch die Straßen." Aber er ging nicht fort. 1993 bot ihm ein altes Ehepaar aus dem Nebenhaus seine Wohnung an. 35 Jahre hatten sie dort gelebt, jetzt waren sie zu alt für eine Wohnung mit Ofenheizung im zweiten Stock. "Die alten Leute erzählten mir, dass sie früher in der Friedelstraße alle Dinge auf einer Seite der Straße kaufen konnten: Es gab Bäcker, Fleischer, Gemüseläden und Geschäfte für Haushaltswaren." Mit dem Umzug in die große, helle Wohnung änderte Raymund Spieker seine Haltung zu Neukölln. "Ich dachte: Sollen die anderen doch über Neukölln denken, was sie wollen. Je weniger sie über Neukölln reden, desto billiger bleiben die Mieten."

Das passierte nicht. In großen Wohnungen in Citynähe leben und wenig Miete dafür zahlen, das wollten viele. Und so kamen nach und nach Leute, die "etwas vorhatten in Neukölln", sagt Raymund Spieker. Die neuen Bewohner machten leer stehende Ladenwohnungen zu Kneipen, Ateliers und Bürogemeinschaften. 1998 organisierten Künstler zum ersten Mal das Spektakel 48 Stunden Neukölln. Bis heute gilt das Festival als größte Veranstaltung seiner Art in Berlin. Und auch Raymund Spieker war dabei. Mit befreundeten Künstlern setzte er sich in ein leer stehendes Geschäft in der Friedelstraße, wo er im Keller Sprossen züchtete und später seinen Bio-Laden eröffnete.

Der Wandel begann, es war ein Aufschwung für einige. 2001 eröffneten drei Freunde in der Friedelstraße 28 das Kinski: eine Kneipe als Kulturverein, eine Hommage an den Schauspieler Klaus Kinski, ein Treffpunkt für Künstler, auch Spieker ging dorthin. Der Senat schickte Quartiersmanager in den Reuterkiez. Sie sollten verhindern, dass das Viertel weiter verelendet. Eine Zwischennutzungsagentur vermietet seitdem leer stehende Läden an Künstler, die nicht mehr zu zahlen brauchen als die Betriebskosten. "In den Straßen gingen die Rollläden hoch, es wurde lebendiger", sagt Raymund Spieker. Die neue Kundschaft mag seine selbst gezüchteten Sprossen.

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Foto: Kunst und Kultur statt röhrender Hirsch: Kinski in der Friedelstraße 28.

Foto: Seine Sprossenkreationen sind seine Spezialität: Raymund Spieker züchtet sie im Keller.