Auf dem Podium sitzt fast ein Dutzend Kreuzberger, doch noch bevor der erste das Wort ergreift, um über einen friedlichen 1. Mai und die gute Zusammenarbeit mit den Behörden zu sprechen, verteilt jemand Zettel. Auf denen steht "1. Mai Zusammen Kämpfen". Im Text geht es um Armut und Milliardäre, die Globalisierung, "die kapitalistische Barbarei" und "Sozialterror in Form von Hartz-IV". Stichworte, wie sie traditionell zu jedem 1. Mai in Kreuzberg gehören.
17 Bühnen mit Musik
Gegen alte Rituale, vor allem jene der fliegenden Steine und Straßenschlachten, kämpfen die Organisatoren des Straßenfestes Myfest seit 2003 mit wachsendem Erfolg. In diesem Jahr gibt es 17 Bühnen mit Musikprogramm und zahlreiche Sport- und Kunst-Aktionen, die Krawalle wieder durch gute Laune ersticken sollen. "An diese Erfolgsgeschichte wollen wir 2008 anknüpfen", sagt Bürgermeister Franz Schulz (Grüne) am Mittwoch, nachdem er vor Journalisten nochmal die Erfolge der vergangenen Jahre geschildert hat.
Den Kampf haben die Organisatoren in diesem Jahr vor allem den anfallenden Glasflaschen angesagt, die immer wieder als Wurfgeschosse zweckentfremdet wurden und jedes Jahr zu unzähligen Glasscherben auf den Straßen führten. Erstmals werden an fünf Stellen Flaschensammelcontainer aufgestellt. Für eingesammelte Flaschen soll ein kleinerer Betrag ausgezahlt werden. Zusammenarbeiten wollen die Organisatoren "mit den Leuten, die sowieso da sind und Flaschen sammeln", wie Planerin Silke Fischer erklärt: Hartz-IV-Empfänger und ältere Leute, die sich durch das Flaschensammeln ihr Einkommen aufbessern. "Sie sind natürlich auch eingeladen", sagt Schulz in Richtung der Journalisten.
Ein ganz normales Straßenfest ist das Myfest, aller launigen Einlassungen zwei Wochen vor dem 1. Mai zum Trotz, freilich weiterhin nicht. Auch wenn die Organisatoren, Geschäftsleute und Anwohner aus dem Kiez die Randale nicht unterstützen, die politischen Ziele der Demonstration teilen viele sehr wohl. So geht es auch in der Pressekonferenz um Kapitalismuskritik und kulturelle Vielfalt, die unter dem Schlagwort "Multikulti" zu oft "durch den Kakao gezogen wurde", wie einer der Organisatoren sagt.
Nicht zufällig soll die Route der Demonstration, über deren Details noch zwischen Anmeldern, Myfest-Team und Behörden verhandelt wird, über die Köpenicker Straße führen. Zum ersten Mal seit Jahren geht es dabei nicht um Solidarität mit dem autonomen Hausprojekt in der Köpenicker Straße 137, sondern um die Kritik am Projekt "Media Spree", das ärmere Bewohner zu verdrängen drohe.
Vielleicht ist es Kreuzberger Rest-Trotz, dass den Polizei-Beamten im Publikum demonstrativ nicht das Wort erteilt wird. "Wir begrüßen das ausdrücklich, wenn die alles unter sich regeln", sagt später Bernhard Kufka, Leiter der zuständigen Direktion 5. Kleinere "Rödeleien" könne man nie ausschließen, sagt Kufka, aber insgesamt rechnet er mit einem friedlicheren 1. Mai als 2007.
Demo durchs Fest
Wie im Vorjahr auch wird der Zug der "Revolutionären 1.-Mai-Demo", die um 18 Uhr am Kottbusser Tor startet, wieder durch das Fest hindurchgehen, damit hat man im vergangenen Jahr gute Erfahrungen gemacht. Und wenn Einzelne doch ausrasten, "dann werden wir die zielgerichtet rausgreifen", sagt Kufka. Er grinst dabei. Es freuen sich wohl alle auf ein nettes Fest.
------------------------------
Foto: Konfliktfrei feiern: Polizisten beim Myfest am 1. Mai.