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Thors Hammer

Die Berliner Antifa mobilisiert gegen das "Paganfest" im SO 36 - zu Unrecht

Oliver Rohlf

Es geht mal wieder um alles: Um die Sprach- und Zeichenwelt der Popkultur im Allgemeinen, um Heavy Metal als bösem Einflüsterer im Besonderen, um Gewalt, Nazis und das sogenannte Neo-Heidentum. Alles hinlänglich bekannt und abgearbeitet seit den Tagen von Ozzy Osbourne und Slayer.

Stein des Anstoßes sind dieses Mal Moonsorrow, die als eine von fünf Bands am morgigen Donnerstag ihr "Paganfest" im SO 36 abhalten wollen. Das selbst ernannte Berliner Institut für Faschismus-Forschung und Antifaschistische Aktion e.V., kurz bifff, hat an mindestens zwei der angekündigten Gruppen mehr oder weniger heimliche neonazistische Auswüchse entdeckt, prototypisch für eine in ihren Augen ohnehin rechtslastige Neo-Heiden-Metal-Szene. Das bifff-Fazit: Dieses Konzert gehört verhindert.

Die Veranstalter vom SO 36 reden von Hetze und Hexenjagd und haben gemeinsam mit den Bands ein Statement verfasst, in dem die Arbeitsweise des bifff als unseriös bezeichnet wird, die Beteiligten die Nazivorwürfe bestreiten und ihr Auftrittsrecht verteidigen - das handelsübliche Ritual aus Beschuldigung und Gegenbeschuldigung. Doch was tun?

Das wichtigste vorweg: Ja, es gibt Nazi-Metal-Bands. Und - nein, Moonsorrow gehören nicht dazu. Dennoch sieht sich die Metal-Community seit Jahren mit Rechtsauslegern konfrontiert, die das feine, aber bislang bestimmte Trennungsband zwischen sich radikal gebärdender Metal-Unterhaltung und unverhohlenem Rechtsrock zerschneiden wollen.

Die Gefahr gilt in der Szene zwar als erkannt, wurde bis vor kurzem aber nie besonders ernsthaft angegangen - und gebannt ist sie schon gar nicht. Das liegt auch am Selbstverständnis vieler Metaller, die ihre Musik als unpolitisches Refugium verstehen, in dem eher der Drachentöter als das Wort vom Chef die Welt regiert. Kein Wunder also, dass in so einem sozio-kulturellen Umfeld Figuren wie Satan, sadistische Serienmörder oder - neuerdings - Odin recht comic-hafte Züge tragen: Nietenbehaftete Spaßbomben, deren Anziehungskraft nicht in irgendeiner politisch interpretierbaren oder gar benutzbaren Wirklichkeit liegt, sondern in Lautstärke und Rausch.

Nun aber droht eine kleine braune Brut, das ganze Genre in Verruf zu bringen. Nachdem die Black Metaller ihren Satan arglos wie einem Skatbruder auf die Schulter geklopft haben und die ewigen Diskussionen um Gewaltverherrlichung im Death Metal ausgestanden schienen, gebärden sich einige von ihnen tatsächlich anfällig für die Verlockungen der echten Rechten. Den gemütlichen Gralshütern der metallischen Abendunterhaltung stehen nun Vertreter gegenüber, die sich ernsthaft um den Aufbau eines Netzwerks aus Nazi-Idealen und vorchristlichen Wertewelten bemühen. Und das ganze mit tatkräftiger Unterstützung und musikalischer Begleitung von einigen sogenannten Pagan oder Viking Metal Bands.

Bislang hat sich auf Metal-Seite kaum jemand die Mühe gemacht, zu erklären, warum dieses Neo-Heidentum eigentlich so anziehend auf die Szene wirkt. Vor einigen Monaten brachten die Macher des Metalmagazins "Legacy" mit "Pagan Fire" das Sonderheft zur nun anstehenden "Paganfest"-Tournee heraus, in dem neben der Musik auch dieses ganz spezielle Lebensgefühl der (Neo-) Heiden beleuchtet werden sollte. Was im besten Fall eine Art "Was ist was?"-Fibel für Neo-Neo-Heiden hätte werden können, erschöpfte sich im rhetorischen wie inhaltlichen Schwulst geheimnisvoller Andeutungen und bildungsbürgerlicher Klugscheißereien und ließ das Dunkel im Dunkeln. Von einem spirituellen Naturverständnis war die Rede, von kosmischen Individualismus, Druidentum, Runen und Geheimnissen rund um das sagenhafte Göttergeschlecht der Asen. Aber was genau macht einen Neo-Heiden aus? Wie funktionieren seine Rituale? Geht ein Heide nur bei grün über die Ampel, weil er die Natur über alles liebt, und wenn ja: Was hat das mit Heavy Metal zu tun?

Genaues will oder kann offensichtlich keiner sagen, und deshalb kommt - kaum überraschend - am Ende ein Heidendurcheinander heraus, aus dem sich zwischen Folklore und Rassenwahn, von Heidi zu Hitler jeder nimmt, was er braucht.

Die Bands vom "Paganfest" gehören jedoch, so viel ist sicher, eindeutig in die Kategorie der unpolitisch-unterhaltungsorientierten Genregruppen. Nicht nur Moonsorrow, auch die Headliner des Festivals, Ensiferum und Korpiklaani, sind lediglich Stimmungskanonen nordischer Couleur, bei denen Dudelsack und Hirschgeweih ebenso wichtig sind wie Humppa-Polka, Bierkonsum und gurgelnde Männerchöre. Hier hat das Hirn hitzefrei und kommt Ballermann vor Blutrausch.

Das muss man nicht mögen; ein Grund für Antifa-Demonstrationen oder gar ein Konzertverbot ist es nicht. Ein wenig mehr ernsthafte Recherche in der Szene und ihren Binnendifferenzierungen hätte genügt, um zu sehen, wer Thors Hammer aus Überschwang schwingt - und wer mit dem martialischen Symbol nordischen Götterglaubens andere in Grund und Boden hauen will. Und zwar in echt, hier und jetzt. Mit und ohne Metal.

Paganfest mit Moonsorrow, Korpiklaani, Eluveitie, Ty'r, Nastrandir: Do (17. 4.), ab 18 Uhr, SO 36

Antifa-Bericht und Reaktion unter www.bifff-berlin.de/aktuell72; www.so36.de/texte/SO36_Stellungnahme_Pagenfest.pdf

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Foto: Die finnische Band Moonsorrow verbindet Folklore mit Metal und Progressive Rock. In Berlin steht sie unter Faschismusverdacht.