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Krisengebiet Kollwitzplatz

Der bekannte Wochenmarkt ist in die Knaackstraße umgezogen und das bringt Anwohner und Gewerbetreibende in Rage

Stefan Strauss

PRENZLAUER BERG. Die Poller sind schuld. In der Chronologie der Ereignisse stehen die Betonpfeiler am Anfang einer Kette von merkwürdigen Ereignissen, die sich in den vergangenen Wochen am Kollwitzplatz ereignet haben. Die Poller haben dafür gesorgt, dass Anwohner Unterschriften gegen den Wochenmarkt am Sonnabend sammeln, über undemokratische Strukturen und Willkür der Ämter schimpfen und drohen, ihre Miete zu mindern, weil sie das Gefühl haben, ihre Lebensqualität werde erheblich eingeschränkt. Händler und Gewerbetreibende klagen über geringere Umsätze, seit die Buden und Marktstände jeden Sonnabend direkt vor ihren Schaufenstern in der Knaackstraße stehen.

"An 56 Tagen im Jahr werden wir erheblichen und nicht hinnehmbaren Einschränkungen unterworfen", haben mehr als 40 Bewohner und Geschäftsleute der Knaackstraße an den zuständigen Stadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) geschrieben. Ein ganzer Straßenzug ist wütend. "Anmaßend und arrogant" sei die Entscheidung, den Markt dauerhaft in die Knaackstraße zu verlegen, sagt Michael Kny. Seit 30 Jahren lebt der Architekt am Kollwitzplatz.

Und schuld sind die Poller. Die sollten nämlich gar nicht aufgestellt werden auf dem 70 Meter langen Abschnitt der Wörther Straße zwischen Kollwitz- und Husemann- straße, dort wo früher die Marktständen waren. Jetzt sind sie trotzdem da, weil aus der geplanten autofreien Fußgängerzone nur eine verkehrsberuhigte Zone geworden ist. Im Amt hatte man vergessen, den Umbau rechtzeitig beim Senat anzumelden. Gleichzeitig forderten Bezirkspolitiker, erst ein Verkehrs- und Parkkonzept zu erarbeiten, ehe durch eine Fußgängerzone begehrte Parkplätze in dem dicht besiedelten Viertel wegfallen. Und so dürfen auf der umgebauten Straße Autos in Schrittgeschwindigkeit fahren und Fahrer ihre Autos zum Parken abstellen. Und damit Gehweg und Fahrbahn erkennbar getrennt sind, wurden Poller aufgestellt. Die stehen aber nun so eng, dass für die Stände des Wochenmarktes auf dem Straßenabschnitt kein Platz mehr ist. 110 000 Euro hat der Umbau der Straße gekostet. Aber niemand freut sich darüber, stattdessen schimpfen die Leute.

Für den Umbau wurde im Sommer vergangenen Jahres ein Teil des Wochenmarktes in die Knaackstraße verlegt. Es handele sich um eine provisorische Lösung, hieß es. Den Marktbesuchern war das egal. Tausende schlenderten jeden Sonnabend zu den Ständen für Biofleisch, selbstgemachte Pasta, Öle, Kräuter und ungewöhnliche Delikatessen. Und die Leute aus der Knaackstraße glaubten, dass nach den Bauarbeiten der Markt wieder zurückzöge. Doch bei einem Ortstermin am 11. Januar 2008 entschieden Stadtrat Kirchner und Bezirksverordnete von SPD und Die Linke, aus dem Provisorium Knaackstraße eine Dauerlösung zu machen. "Es war eine Situation entstanden, die so nicht geplant war", sagt Kirchner.

Die Anwohner fühlen sich hintergangen. "Niemand hat mit uns über die Verlagerung des Marktes geredet", sagt Michael Kny. Er spricht über die fehlenden Parkplätze am Freitagabend und am Sonnabend, über den Lärm, wenn die Polizei Sonnabendmorgen beginnt, falsch geparkte Autos umzusetzen. Ans Ausschlafen sei nicht mehr zu denken. "Das alles ist sehr lästig", sagt Kny. Auch Wolfgang Thierse, Anwohner vom Kollwitzplatz, gehört zu den Protestierenden. Auf dem offiziellen Briefpapier des Bundestagsvizepräsidenten beschwerte er sich bei Stadtrat Kirchner, dass "die demokratischen Gremien nicht angemessen einbezogen werden". Die Bürger seien "getäuscht" worden. Später entschuldigte sich Thierse, Briefpapier des Bundestages für die Problembeschreibung am Kollwitzplatz genutzt zu haben.

Unterdessen häufen sich die Beschwerden in Kirchners Büro. Anwohner verlangen, den Markt an seine alte Stelle zurückzuverlegen. "Der Protest hat enorm zugenommen", sagt Kirchner. Jetzt muss er sich etwas einfallen lassen. Denn der Markt kann nicht zurück, wegen der Poller.

Im Stilkeller, einem Laden für Tischkultur und Wohnambiente in der Knaackstraße, rollt Inhaberin Kerstin Kallaus eine lange Papierbahn aus. Darauf sind maßstabgerecht alle Wohn-, Mode- und Schmuckläden der Straße eingezeichnet, aus Millimeterpapier geschnittene Rechtecke symbolisieren die Marktstände. Früher hätten die Kunden des Wochenmarktes am Sonnabend für doppelt so viel Umsatz wie an anderen Tagen gesorgt, sagt sie. Seit die Buden aber direkt vor ihrer Ladentür stünden, komme weniger Kundschaft. "Die Marktstände verdecken unsere Läden", sagt Kerstin Kallaus. Die Geschäftsleute schlagen vor, die Abstände zwischen den Buden zu vergrößern, damit Marktbesucher auch die Läden sehen können.

Stadtrat Kirchner will sich heute mit dem Marktbetreiber treffen. Kirchners Vorschlag: Der Marktchef übernimmt für die Anwohner die Kosten für das Abstellen ihrer Autos im nahe gelegenen Parkhaus. Außerdem könnten die Stände nicht ganz so früh aufgebaut werden und der Markt statt um 9 Uhr erst 10 Uhr öffnen. Ob so viel Fürsorge die Anwohner besänftigt, wird sich zeigen. Einige haben schon angekündigt, wegen des Marktes die Miete zu mindern. Hausverwalterin Petra Schauerte, zuständig für zwei Wohnhäuser der Knaackstraße, wird das nicht akzeptieren. "Für viele unserer Mieter wäre das eine Wohnwerterhöhung, wenn sie einen solchen Markt vor ihrer Haustür hätten."

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Grafik: Alter, Neuer Kollwitzmarkt

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"Es ist eine Situation entstanden, die so nicht geplant war. " Ftoo: Stadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne)

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Foto: Zum Markt am Sonnabend kommen tausende Kunden. Direkt vor ihrer Haustür wollen ihn manche Anwohner nicht.