DÜREN. Miroslawa Gräßer sagt, sie könne mit ihren Fingern sehen. Besser vielleicht als andere mit den Augen. Wenn sie eine Brust abtastet, steht sie ganz still. Es ist so, als würde sie sich in den anderen Körper hineinfühlen. Miroslawa Gräßer ist blind und wird gerade zur "Medizinischen Tastuntersucherin" ausgebildet. In der Frauenarztpraxis in Monheim am Rhein hat sich eine junge Mutter zur Untersuchung angemeldet. Auf einem Schaubild zeigt Gräßer der Patientin, wie sie vorgeht: "Jede Brust wird systematisch in zwei Bahnen untersucht, zuerst die äußere, dann die innere", erklärt sie.
In der Umschulung
Auf der Liege rückt sie der Patientin ein großes Kissen zurecht. Dann wandern ihre Finger Zentimeter für Zentimeter mit sanftem Druck über die Haut. Der Raum ist angenehm temperiert, die Atmosphäre entspannt. Dabei geht es in dem kleinen Untersuchungszimmer um Lebenswichtiges: die Früherkennung von Brustkrebs. Die Krankheit ist bei Frauen im mittleren Lebensalter zwischen 40 und 45 Jahren die häufigste Todesursache und liegt auch in anderen Altersstufen statistisch weit vorn.
Nach gut zwanzig Minuten hört die Patientin erleichtert, dass Miroslawa Gräßer keine Verdichtungen aufgespürt hat. "Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass ich gründlich untersucht worden bin", sagt die Patientin. Noch vor einem Jahr arbeitete Miroslawa Gräßer in einem Büro, bis ihre Stelle Sparmaßnahmen zum Opfer fiel. Beim Integrationsfachdienst erfuhr sie von der Rehabilitationsmöglichkeit beim Forschungsprojekt "Discovering hands".
Dieses Projekt soll eine gründlichere Tastuntersuchung der Brust ermöglichen. Denn je kleiner ein entdeckter Tumor noch ist, desto besser sind die Heilungschancen. Das Tasten ist die einzige reguläre Methode in der Krebsvorsorge bei Frauen unter 50 Jahren. Ultraschall- oder Röntgendiagnostik werden in der Regel erst bei einem Tastbefund vorgenommen.
Der Projektgründer Frank Hoffmann fand daher rasch Mitstreiter für seine Idee, die besondere Sensibilität blinder Menschen fachlich auszubilden, um die Tastuntersuchung zu verfeinern. "Blinde trainieren in Ermangelung ihres Gesichtssinns das verbleibende Sensorium intensiver", sagt der Duisburger Frauenarzt. Er überzeugte die Ärztekammer Rheinland von seiner Idee. Im vergangenen Jahr entwickelte die Kammer ein Zertifikat. Der Landesverband Rheinland fördert die Beschäftigungsinitiative für die schwerbehinderten Frauen mit 200 000 Euro. Im Juli bestanden die ersten beiden Umschülerinnen die theoretische Prüfung vor der Ärztekammer Nordrhein. Zuvor hatten sie sich sechs Monate im Berufsförderungswerk für Blinde in Düren mit Anatomie, Physiologie und Pathologie der weiblichen Brust, medizinischer Untersuchung und Terminologie, Dokumentation und Gesprächsführung befasst. Allein das Kommunikationstraining umfasste zweihundert Stunden, sagt Miroslawa Gräßer.
Dann kam der Sprung ins kalte Wasser: Die dreimonatige Praxisphase begann sie in einer Krebsambulanz. "Da konnte ich zum ersten Mal erleben, wie sich ein Karzinom wirklich anfühlt", sagt die angehende Tastuntersucherin. Vom Silikonmodell im Unterricht kannte sie nur künstliche Knoten. Jeden Tag ging sie nun auf die Station und tastete. Beeindruckt hat sie der Schmerz, aber auch die Gelassenheit mancher Frauen im Umgang mit der Krankheit. "Ich habe dort viel von den Frauen gelernt", sagt Miroslawa Gräßer.
In der Arztpraxis ist die Situation entspannter, doch sie nimmt ihre Aufgabe sehr ernst. "Wir sind beeindruckt, wie gewissenhaft und sicher sie die Untersuchungen durchführt", sagt Ernst Rainer Gethmann, der die Praktikantin mit seinem Kollegen Friedhelm Fester in der Gemeinschaftspraxis aufnahm. Dabei waren die Gynäkologen zuerst skeptisch, "ob sie auch Befunde in der Tiefe ausreichend genau feststellen kann".
"Sie hat es getastet"
Das änderte sich spätestens, als Miroslawa Gräßer bei einer Patientin eine Verdichtung aufspürte, die nur zwei Millimeter groß war und anderthalb Zentimeter unter der Hautoberfläche lag. "Das wird mancher bezweifeln, aber sie hat es getastet", sagt Gethmann. Was die Frauen leisten können, wird ab Oktober aber an der Universitätsklinik Essen wissenschaftlich untersucht. Dann beginnen fünf neue Umschülerinnen ihre Ausbildung.
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Foto : Brustkrebs wird vor allem über Tastuntersuchungen festgestellt.