Textarchiv

Stoppt den tödlichen Text

Zum 80. Geburtstag von Giwi Margwelaschwili

Ekkehard Maass

Stellen sie sich vor, sie seien ein hochkarätiger Polizeibeamter im Strafvollzug, zum Beispiel in einem Hochsicherheitstrakt. Sie sind umgeben von Mördern und Schwerverbrechern, die ihnen täglich das Thema Tod, Angst und Gefahr aufdrängen. Und plötzlich spricht sie ein Mann an, der ihnen voraussagt, dass sie in drei Wochen ermordet werden - von einem ihrer Häftlinge. Der Mann zeigt ihnen ein Buch, in dem tatsächlich jemand mit ihrem Namen auf grausamste Weise getötet wird. Sie zeigen dem Mann den Vogel: So ein Quatsch! Auch die Übereinstimmung des Mörders mit einem ihrer Häftlinge ist reiner Zufall. Doch als in dem Buch auch die Namen ihrer Kollegen auftauchen, werden sie unsicher. Schließlich leben wir in einer Zeit, ganz besonders zu Weihnachten, in der es Wesen und Erscheinungen gibt, die höher sind als unsere Vernunft, zum Beispiel Gott, Engel oder der Teufel.

So ergeht es dem Officer Pembry im Roman des deutschsprachigen Georgiers Giwi Margwelaschwili. Als immer mehr Details des Buches mit seiner Wirklichkeit übereinstimmen und es ihm nicht gelingt, sich davor zu drücken, den Schwerverbrecher Hector zu einer Zeugenaussage zu begleiten, packt ihn die Angst. Er nimmt die Hilfe des Mannes in Anspruch, der ihm das Buch zu lesen gab. Dieser Mann nennt sich "Mein Leser" und arbeitet bei der PKP, der Prospektiven Kriminalpolizei. Bei dem Buch handelt es sich um "Das Schweigen der Lämmer" von Thomas Harris. Offensichtlich verwirklicht sich dieser Roman plötzlich und er, der Officer Pembry, wird auf grausamste Weise ermordet: Lecter wird ihm das halbe Gesicht abbeißen. Die Verunsicherung und Angst Pembrys überträgt sich auf den Leser, der mit Spannung verfolgt, ob und wie es gelingen wird, den Text zu stoppen.

Das neue Buch von Giwi Margwelaschwili, ausgerechnet im Verbrecher Verlag erschienen, ist keine schwierig zu bewältigende Gebirgsstraße der Literatur wie dessen frühere Romane. Officer Pembry ist dagegen eher eine zügig befahrbare Fernverkehrstraße.

Giwi Margwelaschwili wurde am 14. Dezember 1927 in Berlin geboren, als Kind georgischer Emigranten, die 1921 beim Einmarsch der sowjetischen Roten Armee in die georgische Republik nach Deutschland geflüchtet waren. Er erlebte in zwei totalitären Regimes, der Nazizeit und der Sowjetherrschaft, wie ideologische Texte sich geschichtlich verwirklichten und für Millionen Menschen zum Unheil wurden. Die Menschen dieser schlechten Zeiten waren in Form von Losungen, Parteiprogrammen, pseudowissenschaftlichen Texten buchstäblich aufs Rad geflochten. Wer von der Parteilinie abwich, wer aus dem Textkäfig ausbrechen wollte, landete im Gulag oder im KZ. Giwi Margwelschwilis persönliche Geschichte ist davon geprägt: 1946 geriet er in Berlin-Wilmersdorf zusammen mit seinem Vater in die Fänge der Stalinschen Geheimpolizei NKWD, weil sie sich als georgische Emigranten dem sowjetischen Sujet entzogen hatten. Für den Vater endete der Text tödlich, er wurde in Moskau erschossen. Giwi landete im sowjetischen Konzentrationslager Sachsenhausen und wurde Ende 1947 nach Georgien verschleppt. Aus Trotz gegen diese Art "Nachkriegsgefangenschaft" verfasste er ein umfangreiches Werk in seiner deutschen Muttersprache.

Die Abhängigkeit der Buchpersonen, der Romanhelden und lyrischen Ichs, vom Gelesenwerden spiegelt die Situation eines Autors wider, der in Georgien deutsche Literatur schreibt und natürlich von niemandem gelesen wird. Zwar wurde er 1969 von Heinrich Böll besucht, der von seinem autobiografischen Roman "Kapitän Wakusch" begeistert war und versprach, ihm zu helfen. Doch aus berechtigter Angst vor dem sowjetischen Geheimdienst KGB wagte Giwi nicht, ihm sein Manuskript mit zu geben. Er wäre sicher neben Alexander Solschinizyn zu einem international beachteten Dissidenten-Schriftsteller geworden. Sein gesamtes Werk ist eine hoch intellektuelle, spielerisch philosophische Auseinandersetzung mit bösen Texten.

Bereits als Kind hatte er unter dem Bethlehemitischen Kindermord gelitten, der im Widerspruch zur Botschaft des Heilandes jedes Jahr aufs Neue geschehen muss, nur weil es so im Matthäus-Evangelium steht. Der Rettung der Kinder aus ihrem schrecklichen Text widmete er die Romantrilogie "Das böse Kapitel", von der der erste Band 1991 erschien.

Giwi Margwelschwilis Literatur untersucht das Sein von Buchpersonen, die in schicksalhaften Büchern hausen. Ihre Abhängigkeit vom Gelesenwerden ist die Voraussetzung für ihre Befreiung. Der Leser kann den Text mit Hilfe seiner Fantasie anders lesen, die Buchperson aus ihrer Gefangenschaft befreien und das Unheil verhindern.

Giwi Margwelaschwilis Literatur eröffnet dem Leser einen Einblick in die textlich-thematische Determiniertheit der Romanfiguren. Alle seine Bücher sind eine spielerische Auflehnung gegen den tragischen Ontotext, in den er selbst 1927 hineingeworfen wurde. Giwi Margwlaschwili ist ein Jahrhundertautor, dessen Poetologie und Gesamtwerk Buchmärkte und Leser lange beschäftigen werden.

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Officer Pembry, Verbrecher Verlag, Berlin 2007. 160 S. 19,90 Euro.

im Internet www.giwi-margwelaschwili.de

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Foto: Der Schriftsteller Giwi Margwlaschwili wurde 1927 als Kind georgischer Einwanderer in Berlin geboren. 1946 kam er ins sowjetische Konzentrationslager Sachsenhausen und wurde Ende 1947 nach Georgien verschleppt. Seine über 30 Bücher hat er auf Deutsch verfasst.