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Die Zauberformel

Wie ein junger Wissenschaftler manipulierte Fußballspiele aufspürt

Damiano Valgolio

BERLIN. Battista Severgnini hält zu den Kleinen. Seine Lieblingsvereine sind der italienische Viertligist Pergo Crema, und TeBe Berlin. Vielleicht hat er sich deswegen mit den Mächtigen im italienischen Fußball angelegt. Die Forschung des jungen Wirtschaftswissenschaftlers von der Berliner Humboldt-Universität hat auf den ersten Blick wenig mit Ökonomie zu tun. Aber sie berührt ein heikles Thema. So heikel, dass Luciano Moggi, lange Zeit Manager und graue Eminenz bei Juventus Turin, Severgnini mit Anzeigen und Schadensersatzklagen droht. "Severgnini ist ein Wichtigtuer und Blender", schrieb Moggi in seiner regelmäßigen Kolumne in der Tageszeitung Libero.

Luciano Moggi ist die Hauptfigur im Korruptionsskandal, der kurz vor der WM 2006 die Serie A erschütterte. Es scheint, als habe er einigen Grund, Severgninis Untersuchungen zu fürchten. Denn der junge Wissenschaftler hat eine brisante Formel entwickelt: Er kann manipulierte Fußballspiele aufspüren. "Die Methode lässt sich auch auf die verdächtigen Spiele im Europapokal anwenden", sagt Severgnini mit Blick auf die jüngsten Ermittlungen. "Die Frage ist nur, ob es genügend statistisches Material zu den Teams gibt." Die Mannschaften, die derzeit unter Manipulationsverdacht des europäischen Fußballverbandes Uefa stehen, sollen aus Osteuropa stammen. Noch ist wenig über sie bekannt. Das ist ein Problem für Severgnini, denn er benötigt riesige Datenmengen, um der Korruption auf die Schliche zu kommen.

Frühe Tore, lange Serien

Gemeinsam mit Tito Boeri, Professor an der Mailänder Elite-Uni Bocconi, hat Severgnini die italienische Liga seit 1990 ausgewertet. Praktisch jeder Schritt der Fußballer wird erfasst: Die Zahl der Abspiele, der Torschüsse, ihre Laufwege und ihre Fehler. Aber auch die Gesamtstärke der Teams und die Schwankungen ihrer Tagesform werden registriert. "Am wichtigsten sind die Resultate der vorhergehenden Spiele und die Ergebnisse der übrigen Jahre", erklärt Severgnini.

Aus diesem Datenwust errechnen die Ökonomen den wahrscheinlichen Ausgang eines Spiels. Und sie untersuchen, ob das tatsächliche Ergebnis mit dem Spielverlauf übereinstimmt. Gibt es Abweichungen, lässt sich berechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass Schiedsrichter und Spieler betrogen haben. Dabei werden auch die Erkenntnisse von bereits aufgeklärten Manipulationen einbezogen: Frühe Tore von unterlegenen Mannschaften, viele Strafstöße oder lange Siegesserien sind besonders verdächtig. "In der Serie A wurden vor allem die Spiele gegen Vereine aus dem Mittelfeld manipuliert", erklärt Severgnini. So erreichten die beteiligten großen Klubs lange Serien, ohne dass das einzelne Ergebnis auffiel.

Es klingt wie Zahlenspielerei, doch die Ergebnisse sind verblüffend: Bei allen der rund 20 Spiele, für deren Manipulation Moggi und seine Komplizen in erster Instanz verurteilt worden sind, schlägt auch Severgninis Formel Alarm. Brisant sind einige Dutzend weiterer Begegnungen der vergangenen Jahre. Auch hier vermuten die Wissenschaftler Tricksereien, doch es fehlen ihnen eindeutige Beweise.

Die Methode der Italiener kann lediglich Auffälligkeiten aufdecken. Sie funktioniert ähnlich wie die Kontrolle bei den Wettbüros. Auch dort gehen bei unerklärlichen Tipp-Häufungen die Alarmglocken an. Severgninis Methode setzt allerdings schon eine Stufe vorher an, beim Spiel selbst. Das ist insbesondere von Vorteil, wenn die Wettbüros nicht kontrolliert werden, wie in Asien.

Mutterland der Manipulation

Mit ähnlichen Rechenmodellen wird in den USA nach Professoren gesucht, die gegen Bezahlung gute Noten verteilen. Dass die Methode ausgerechnet in Italien auf Fußballspiele angewendet wird, kann nicht verwundern. Italien ist das Mutterland der Fußball-Manipulation. Doch spätestens seit den Enthüllungen der Uefa vom Wochenende ist die Korruption auch ein Problem des europäischen Fußballs.

Battista Severgnini beschäftigt sich eigentlich mit Arbeitsökonomie und Produktivität. Er ist Assistent des renommierten Berliner Wirtschaftsprofessors Michael Burda, der Kanzlerin Angela Merkel berät. "Der Profifußball ist der ideale Forschungsbereich für Arbeitsökonomen", sagt er, "nirgendwo sonst wird die Leistung des Einzelnen so genau erfasst."

Aber ist ein Sport, bei dem sich die Ergebnisse berechnen lassen, nicht eine Horrorvorstellung für jeden Fan? "Nein", sagt Severgnini, der am Wochenende gerne Oberligaspiele im Stadion sieht. "Manipuliert wurden in Italien gerade die Spiele mit unklarem Ausgang, wo die großen Vereine Niederlagen riskierten." Durch die Bestechung wollten Juventus und der AC Mailand auf der sicheren Seite sein. "Das eigentliche Problem ist die Konzentration der sportlichen und wirtschaftlichen Macht bei wenigen Vereinen", sagt der Wirtschaftsexperte. Auch dieses Problem kennt man nicht nur in Italien.

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Battista Severgnini

Foto: Wirtschaftswissenschaftler: Severgnini (30) ist Mitarbeiter des Berliner Professors Michael Burda.

Außerdem ist der Italiener Dozent an der Mailänder Elite-Universität Bocconi. Er beschäftigt sich vor allem mit Methoden zur Messung der Arbeitsproduktivität.

Studie: Die Studie zur Spielmanipulation heißt "Konzentration und Korruption im italienischen Fußball". Severgnini hat sie gemeinsam mit dem Mailänder Professor Tito Boeri erstellt, sie soll im Januar 2008 veröffentlicht werden.

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Foto: Luftiges Duell: Mauro Camoranesi (Juventus Turin/l.) kontra Paolo Maldini vom AC Mailand.