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Kleine Welpen werden groß

Arcade Fire spielten in der Columbiahalle

Jens Balzer

Vor zweieinhalb Jahren waren Arcade Fire zum ersten Mal in Berlin zu sehen: auf der winzigen Bühne des Magnet Club, wo sie heiter übereinander stolperten wie junge Welpen, sich wild um die Instrumente balgten und, wenn sie nicht gerade mit Singen und Spielen beschäftigt waren, einander mit ihren feuchten Welpenzungen abschlabberten, dass es für jeden Tierfreund eine Freude war. Die Songs, die sie damals von ihrem ersten Album "Funeral" darboten, erhoben sich stets aus einer fröhlichen Kakophonie des Durcheinanderspielens und -singens und versanken dann wieder darin; Sänger Win Butler und seine songschreibende, Drehleier-spielende Gattin Régine Chassagne standen inmitten des Chaos wie fröhliche Eltern und schauten nur gelegentlich einmal besorgt hinterdrein, wenn der auf einem Motorradhelm herumschlagende Richard Parry neben ihnen wieder ins Publikum zu fallen drohte.

Seitdem ist viel passiert, Arcade Fire sind - eine der wenigen schönen Erfolgsgeschichten im Pop der vergangenen Jahre - mit ihrer schrägen, durcheinander gesungenen und auf der neuen LP "Neon Bible" auch georgelten Musik völlig unwahrscheinlicherweise zu echten Stars geworden; U2 haben sie zu gemeinsamen Konzerten gebeten, Win Butler interpretierte etwa im Duett mit Bono den Joy-Division-Klassiker "Love Will Tear Us Apart".

Zu dem Konzert, das sie am Donnerstag in der seit Monaten ausverkauften Columbiahalle spielten, kamen Arcade Fire in zehnköpfiger Besetzung und mit nicht weniger als vier riesigen Sattelschleppern vorgefahren. Einer von den vieren konnte, weil die Bühne nicht groß genug war, allerdings gar nicht erst ausgeladen werden. Dennoch stand vor, hinter und neben den Musikern beim Musizieren eine Menge herum: eine Kirchenorgel, ein großes Metallschlagwerk-Ensemble, rosa Neonstäbe im Stil des aktuellen Albumcovers, schließlich kreisrunde Projektionsflächen für Video-Einspielungen aller Art; meist waren hier wie bei U2 die Musiker in Großaufnahme zu sehen.

Es war kein schlechtes Konzert; Arcade Fire sind immer noch eine gute, sympathische Band. Bloß von dem heiteren Chaos, den feuchten Welpenzungen, dem Übereinanderpurzeln und -fallen war nur noch wenig zu spüren. Zu eingekästelt war die Band in ihrem pompösen Bühnenaufbau, zu wenig spontan die Darbietung. Immer noch schlug Richard Parry auf seinem Motorradhelm herum; doch wirkten solche Aktionen inzwischen ebenso routiniert wie die Musik. Originalgetreu boten Arcade Fire ihre Studio-Songs dar, schichteten Instrument um Instrument aufeinander. Bei weitem nicht alles, man sah, war auch zu hören; was man hörte, war das, was man immer hört, wenn große Ensembles ihre Spontaneität verlieren: Bombast.

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Foto: Win Butler und Régine Chassagne von Arcade Fire am Donnerstag in Berlin