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Einsilbig? Zweisilbig!

Geräusche waren ihm wichtig, Dialoge nicht: zum 100. Geburtstag des großen Filmkomikers Jacques Tati

Anke Westphal

Die Biene macht den Postboten François fast verrückt. Aufdringlich umsummt sie ihn, und er kann sich nicht einmal recht wehren, denn er saust gerade die Straße entlang auf seinem Postzustellfahrrad, das viel zu klein scheint für seine lange und schlaksige Gestalt. Die eigenen Proportionen mit denen des Fahrzeugs zu vereinbaren, ist schwierig genug auch ohne unerwünschte Bienengesellschaft, aber dazu noch eine Hand freizumachen, um das Insekt wegzuwedeln - schier unmöglich. Vom Feld aus beobachtet ein staunender Bauer den grotesken Kampf des Postboten François mit der Tücke der diversen Objekte - bis er selbst das lästige Summen vernimmt.

"Tatis Schützenfest" kam 1949 als erster Langspielfilm des Komikers Jacques Tati in die Kinos, mit ihm selbst als Regisseur, Koautor und François. Der Film war die reiche Ernte einer ausgezeichneten Beobachtungsgabe: Tatis Erfahrungen in Sportvereinen, Bars und Hotels, wo er die Gäste bediente, flossen aber nicht allein in die Figur des Postboten François ein; seit 1932 hatten sie schon Kurzfilme inspiriert, etwa "Oscar, der Tennis-Champion". Mit Sportparodien machte sich Jacques Tati früh einen Namen, als betrunkener Kellner trat er 1933 im selben Programm wie Edith Piaf auf. Seine hochgewachsene, schlaksige Gestalt begriff er als Kapital - und perfektionierte vor allem seine Bein- und Fußarbeit.

Jacques Tati, am 9. Oktober 1907 in Paris als Jacques Tatischeff in einer wohlsituierten russisch-holländischen Familie geboren, war also auch in körperlicher Hinsicht ein großer Filmkomiker. Und er lebte das Reden nicht sonderlich, weswegen zwar der Ton überaus wichtig ist in all seinen Filmen: als eigene Kunstform des Erzählens durch Geräusche, nicht aber die Dialoge - es gibt ja auch kaum nennenswerte. Jacques Tati war nämlich der Auffassung, dass die Pantomime die Ausgangsbasis eines jeden komischen Films bilde; sie müsse indes ganz natürlich wirken. Alles hat Tati zufolge mit der Pantomime angefangen, "dem ältesten Ausdrucksmittel überhaupt". Deswegen liebte er die Slapstickkunst der frühen amerikanischen Filmkomiker. Größte Freude machte ihm, im Jahr 1959, eine Begegnung in Hollywood mit vier seiner Vorbilder: Mack Sennett, Buster Keaton, Stan Laurel und Harold Lloyd.

Jacques Tatis beliebtestes und bekanntestes Alter ego ist Monsieur Hulot: ein Kleinbürger, der in "Die Ferien des Monsieur Hulot" (1952) einen Ferienort durcheinander bringt, als er sich vierzehn Tage Urlaub am Meer gönnt. Ins Gesicht blickt man diesem Hulot allerdings kaum - gerade das sei, so der Filmhistoriker James Harding, der Trick.

Tati hat vergleichsweise wenig Filme gedreht; der Grund dafür lag in seinem Perfektionismus: es wurde schlichtweg viel zu teuer, mit ihm zu arbeiten. Das hat ihn letztlich ruiniert. Für "Playtime - Tatis Herrliche Zeiten" (1967) ließ er gleich eine ganze Kulissenstadt mit zwei Elektrizitätswerken (!) errichten, Tativille genannt, die Strom für 15 000 Leute produzieren konnten. Die Entfremdung in der modernen Welt und den Schnelligkeitswahn, die er in "Playtime" viel radikaler noch beschrieb als zuvor in der Technokratiesatire "Mon Uncle" (1958) - ihnen näherte sich dieser große Künstler mit den Mitteln der Gigantomanie. "Rrrrapidité!", Geschwindigkeit! - so lautet schon die Devise des Postboten François, der im "Schützenfest" von einer Kinowochenschau über das amerikanische Postwesen so beeindruckt ist, dass er seine Briefe, noch während er radelt, auf der Ladeklappe eines vor ihm fahrenden LKWs stempelt.

Dabei achtete Tati immer darauf, dass der Mensch in der fatalen Begegnung mit den Objekten nicht grundsätzlich unterliegt und dass die Objekte nicht überlegen wirken, sondern nur eigenartig. Seine Helden straucheln wohl, sie versuchen aber auch Schritt zu halten mit der Zeit, ganz so als wäre das nichts Besonderes. Tati hielt seine Figuren, Hulot zumal, für "Fliegenfänger", die keine Ahnung hätten von den Dingen - die kämen einfach auf sie zu. Das macht es wohl so komisch. Bis zu seinem Tod im November 1982 blieben Jacques Tatis Figuren nahezu stumm, damit jeder sie verstehen könne, überall auf der Welt.

Eine Werkschau mit sechs Filmen von Jacques Tati zeigt das Kino Babylon in Mitte vom 12. bis 21. Oktober.

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Foto: Begriff seine Figuren als "Fliegenfänger": Jacques Tati.