Die einen zünden Autos an, die anderen lassen die Luft aus den Reifen. Berlins Autobesitzer erleben momentan schwere Zeiten. Mehr als 100 Autos gingen seit Jahresbeginn schon in Flammen auf. Bei bislang 86 Fahrzeugen wurde die Luft abgelassen.
Gezündelt wird hauptsächlich im Osten der Stadt: in Friedrichshain, Mitte, Pankow und Lichtenberg. Platte Reifen gibt es dagegen vorrangig in Reinickendorf, Charlottenburg und vor allem in Zehlendorf. In der Nacht zu gestern haben erneut Unbekannte in Zehlendorf acht hoch motorisierte Autos in der Teutonenstraße, An der Rehwiese, in der Matterhornstraße, in der Krottnaurerstraße und am Dubrowplatz lahmgelegt. Alles was mehr als 150 PS unter der Haube hat, sei gefährdet, sagt die Polizei.
Die Methoden ähneln einander. In die Ventile werden kleine hohle Metallstifte gedrückt, die sich festhaken und langsam die Luft entweichen lassen. Manchmal werden auch Steine in die Ventile geschoben. Oder die Ventile werden ganz zerstört. Bevor die Täter flüchten, klemmen sie noch Bekennerschreiben hinter die Scheibenwischer. Darin ist die Rede von verbrauchsintensiven Autos, die stillgelegt werden müssten. "Der Klimawandel lässt sich nur stoppen, wenn alle mitmachen!" Unterschrieben sind die Flugblätter zum Teil von einem sogenannten "Verband umweltbewusster Bürger". Der ist der Polizei allerdings unbekannt. In anonymen Schreiben grüßen die Verfasser auch mal freundlich mit den Worten "Weniger heiße Luft". Feuerleger und Luftablasser agieren mit unterschiedlichen Zielen und arbeiten getrennt voneinander. "Einen Zusammenhang zwischen den beiden Gruppen sehen wir momentan nicht", sagt Polizeisprecher Bernhard Schodrowski.
Polizei ist machtlos
Autos werden angezündet, um gegen die Globalisierung zu protestieren und für den Erhalt des alternativen Wohnprojekts Köpi in der Köpenicker Straße in Mitte zu demonstrieren. Die "Luftablasser" sind für mehr Umweltbewusstsein und gegen kraftstoffintensive Fahrzeuge. Beide Gruppen eint, dass die Polizei kaum in der Lage ist, die Täter zu fassen. Nach Brandstiftungen wurden zwar im Laufe des Jahres 14 junge Männer erwischt, aber nur einer erhielt Haftbefehl. Er sitzt aber nicht in Untersuchungshaft. Den anderen konnte bislang kaum etwas nachgewiesen werden.
Obwohl seit Wochen mehr Beamte in Zivil in den betroffenen Bezirken unterwegs sind und einzelne hochwertige Autos direkt observiert wurden, hat das bisher nichts gebracht. Auch verdeckte Ermittlungen blieben ohne Erfolg. Für die Ermittler ist das Abfackeln von Autos eine schwere Sachbeschädigung. Und auch das Ablassen der Luft aus den Reifen sei kein Kavaliersdelikt. Schließlich könnte der Fahrer, wenn er die platten Reifen nicht rechtzeitig bemerkt, tödliche Unfälle verursachen.
Die Strategie der platten Reifen ist nicht neu, heißt es beim ermittelnden Staatsschutz. Sie wurde bereits 1997 beobachtet. Damals entstand die internationale Bewegung Towards Car Free Cities (Für autofreie Städte). 2004 formierte sich die Bewegung neu und nennt sich nun World Carfree Network. Ihr Hauptsitz ist in Prag. Hinweise darauf, dass in der tschechischen Metropole die Zehlendorfer Aktionen geplant werden, hat die Polizei aber nicht. Sie geht von spontanen Aktionen aus.
Für die Abschleppfirmen in Zehlendorf hat das Luftablassen keine Auswirkungen auf das Geschäft. Die meisten der Autobesitzer sind im ADAC. Und der hilft kostenlos, sagen Abschlepper. In keinem Fall sollte man mit platten Reifen fahren, sagte ADAC-Sprecher Michael Pfalzgraf. Er rät, schon beim Anruf bei der ADAC-Straßenwacht zu sagen, dass die Reifen keine Luft mehr haben. "Da können sich unsere Spezialisten gleich darauf einstellen", so der Sprecher.
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Die Versicherung zahlt nur bei Vandalismus
Ist der Reifen platt, muss der Wagen häufig von einer Firma in eine Werkstatt oder zu einer Tankstelle gebracht werden. Die Kosten dafür werden von der Versicherung nicht übernommen.
Die Versicherung zahlt bei Vollkasko, wenn der Schaden nachweislich durch Vandalismus entstanden ist. Das heißt, wenn Reifen zerschnitten wurden oder der Wagen ausgebrannt ist.
Die Preise für das Abschleppen sind abhängig von der Wegstrecke. Eine Stunde kostet rund 100 Euro, heißt es in der Branche. Viele Abschleppfirmen pumpen die Reifen auch vor Ort auf.
Stammwerkstätten und einige Autohäuser übernehmen die Kosten aus Kulanz. Für Mitglieder des ADAC ist das Abschleppen sowie das Aufpumpen der Reifen gebührenfrei.
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Foto: In der Vergangenheit wurden vor allem am 1. Mai Autos angezündet. In diesem Jahr gab es schon vorher Anschläge.