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Rabbi Faust lehrt guten Sex

Orthodoxe Juden wünschen viele Kinder. Ihre Zeugung soll Lust bereiten und dennoch die religiösen Regeln achten

Oren Geller

REHOVOT. Lassen sich Sex und orthodoxes Judentum in Einklang bringen? Kommen einem, wenn man über Sexualität nachdenkt, gottesfürchtige Jüdinnen in langen Röcken und weiten Blusen in den Sinn, Männer in zerknautschten schwarzen Borsalinos, mit langen Bärten und zu Korkenziehern gewickelten Schläfenlocken? Sicher nicht.

Aber Sex ist im Leben rechtgläubiger Juden äußerst bedeutsam: "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde", sagt die Bibel. Und die weiß auch, dass nicht der Storch die Kinder bringt. Im "Hohelied des Salomo" ist zu lesen, was man unter Erotik vor zweieinhalbtausend Jahren verstand. Sexualität ist keinesfalls das Stiefkind jüdischer Lehre, auch nicht unter ganz Frommen. Allerdings wird Sexualität in der Welt des Betens, der Lehrstuben und der göttlichen Ekstase zwar praktiziert, jedoch selten angesprochen. Sex und vor allem sexuelle Probleme sind in der Welt des Alten Testaments und des Talmud Tabuthemen.

Yechiel Faust, ein 55 Jahre alter orthodoxer Rabbiner, weiß da mehr. Und er hat keine Scheu, darüber zu sprechen. Faust ist Sexualberater für ultrareligiöse Juden. Auch als seine 17-jährige Tochter sich während des Gesprächs in der Wohnung zu schaffen macht, hat er nichts dagegen, dass sie etwas aufschnappt. "Vielleicht lernt sie was dabei. Sie ist ja schließlich kein Kind mehr", sagt er. Faust schafft es, sowohl kleinere als auch größere Sexualprobleme im Sinne der komplexen Welt der jüdischen Gesetzgebung zu behandeln. Eine Aufgabe, die mehr als nur Anatomiekenntnisse erfordert.

So zum Beispiel im Falle eines Paares, das seit mehr als einem Jahr verheiratet und kinderlos war. Es schilderte dem Rabbiner, dass der Mann nicht richtig in die Frau eindringen könne. Sie verkrampfe stets, was den Akt fast unmöglich mache. "Als ich mich länger mit der Gattin unterhielt", erzählt Faust, "verstand ich, dass das Paar unter einem sehr hohen sozialen Druck steht, Kinder zu kriegen. Da sie nicht schwanger wurde, versuchte sie, das Sperma ihres Mannes durch das Zusammenziehen der Muskulatur in sich zu halten, was die Empfängnis ja nur erschwert."

Das Gespräch mit Yechiel Faust ist locker, er zeigt sich humorvoll und geistreich. Von "Wesensbeziehungen" spricht er und meint den Akt. Onanieren bezeichnet er als den "vergeblichen Erguss". Offen und frei geht er mit Ratsuchenden um. Die Sitzungen nennt er nicht Therapiestunden; er will erklären, wie Sex, wie guter Sex praktiziert wird. Den Regeln gemäß natürlich, sagt Faust und fährt sich über den grauen Bart.

"In streng religiösen Familien ist sexuelle Aufklärung kein Thema", sagt Faust und rückt die blaue Kippa zurecht. Diese Aufklärung übernehmen traditionell ältere Freunde, die, bereits verheiratet, dem biblischen Gebot der Vermehrung fröhlich nachgehen. So kam auch der Herr Rabbiner ins Metier: Als er ein junger Ehemann war, seien die jüngeren Freunde auf ihn zugekommen und hätten seinen Rat gesucht. Damals hatte er noch einen anderen Werdegang im Sinn. Von einer langjährigen theologischen Ausbildung über die Offizierslaufbahn in den israelischen Streitkräften bis zur Leitung eines Rabbinerseminars führte bis dahin sein Lebenslauf. Gänzlich frei von Sex-Kamingesprächen.

Doch das Thema ließ ihn nicht los, und so kamen weit profanere Seminare hinzu. Auch bildete er sich in der Individualpsychologie nach Rudolf Dreikurs weiter. Er lässt moderne Erkenntnisse in die Sitzungen einfließen, gottgefällig und im Einklang mit der jüdischen Lehre, das versteht sich von selbst. Auch ein kleines Handbuch hat Faust mittlerweile herausgegeben. Das Feld der Aufklärung solle man nicht denen überlassen, sagt er, die ihre Kompetenz lediglich daraus schöpften, dass sie auch irgendwann mal Sex gehabt haben.

Doch wie sehen orthodoxe Sexualprobleme aus? "Die meisten Paare suchen mich auf, wenn sie Fragen bezüglich der 'Familienreinheit' haben", sagt der Rabbiner. Unter diesen Begriff fallen alle Ge- und Verbote, die das Paar während der Menstruation einzuhalten hat. Dabei gilt: Zwölf Tage lang darf der Ehemann keinen Verkehr mit seiner Frau haben. Von Beginn der Blutung an werden etwa fünf Tage gezählt, anschließend noch eine Woche hinzugegeben, um sicher zu gehen, dass die Frau "rein" ist. In Zweifelsfällen hilft Rabbiner Faust: "Das Paar bringt mir eine Probe des Blutes, daran kann ich erkennen, ob dies von der monatlichen Regel stammt, ob eine Verletzung vorliegt oder es sich um eine Defloration handelt", erläutert er.

Den tieferen Sinn hinter dem Gebot der sexuellen Abstinenz vergleicht Faust, durchaus süffisant, mit Eiscreme: Würde jemand jeden Tag das süße Zeug essen, würde es ihm auf Dauer zum Hals heraus hängen. So aber staue sich während der fast zwei Wochen Enthaltsamkeit ein Verlangen auf, das die Verbindung des Paares nur stärke.

Da das religiöse Milieu zudem sehr körperfremd ist, gehört die reine Sexualkunde ebenso zu Fausts Job: Er teilt jungen Paaren mit, was gerade vor sich gegangen ist, und wie sie weiter zu verfahren haben. Nicht nur, damit sie nicht gegen religiöse Gesetze verstoßen. Einmal habe ihn ein junges Paar in Panik während der Hochzeitsnacht angerufen. "Nachdem der junge Bräutigam das gemacht hat, was ein jeder Jungvermählter an seiner Stelle tun würde, ist Blut ausgetreten", erzählt der Rabbiner halb erschüttert, halb amüsiert. "Das junge Paar wollte also wissen, ob das Blut von der Menstruation stammt, sie somit nicht mehr weitermachen dürfen, oder es ganz normal wäre. Als ich sie gefragt habe, was denn genau abgelaufen sei, wussten sie mir keine Antwort zu geben." Sie hatten keine Worte dafür. Erfahrungen wie diese bestärken Faust in seiner Mission.

Das Judentum bejaht nicht nur Sex, es schreibt Männern auch vor, wie oft sie mit ihren Frauen zu schlafen haben. Im traditionellen Heiratsvertrag, der "Ktuba", der auch heute noch von Juden in aller Welt unterschrieben wird, wenn sie auf traditionelle Weise heiraten, verpflichtet sich der Mann nicht nur, für das Auskommen seiner Zukünftigen zu sorgen, sondern auch, sie regelmäßig zu befriedigen. Wie immer im Judentum sind solche Vorschriften Auslegungssache und werden eifrig diskutiert. Eine Gelehrtenschule spricht von einem Mal die Woche, die andere von zwei Mal im Monat. Eine Wahl, die manchen Paaren aus theologischen Gründen schwerfällt.

Die Schriften nehmen auch auf Berufe Rücksicht, die Ehemänner für längere Zeit hindern, ihren Pflichten nachzukommen, wie etwa Seeleute. Bleibt die Pflicht zum regelmäßigen Sex gänzlich unerfüllt, kann die Ehegattin auf Scheidung pochen, zumindest in sehr gottesfürchtigen Kreisen.

Trotz alldem finden zwischen "jüdischen Laken" keine ausgefallenen Orgien statt, denn praktizierende Juden müssen während des Aktes einige Grundsätze beachten: Vorab gilt, dass Geschlechtsverkehr nur in der Ehe stattzufinden hat. Zu biblischen Zeiten war zwar auch das Mätressen-Dasein weit verbreitet, aber das Judentum hat dies, offiziell zumindest, seit längerem abgeschafft. Zwischen den Ehepartnern ist prinzipiell alles erlaubt, was beiden gefällt. Natürlich beharren die traditionellen Schriften darauf, dass Sperma nicht vergebens vergossen wird. Analverkehr zum Beispiel wird zwar gewährt, aber nur, wenn kein Erguss stattfindet oder nur ungewollt oder aus Versehen zustande kommt.

Ein heißes Thema ist männliche Selbstbefriedigung, jener "vergebliche Erguss". Der Rabbiner meint, dass die vielen sexuellen Spannungen bei Jugendlichen daher stammen, dass manche Rabbiner das Verbot besonders hart durchsetzen. "Junge Männer kommen zu mir", erzählt Faust, "und glauben, sie hätten solch ein Laster begangen, dass die Welt unterzugehen drohe. Ich sage ihnen, es sei zwar verboten, dennoch sehr natürlich."

Warten ist Teil des Vergnügens

Zwar löst die Religion die Spannung zwischen dem erwachenden Sexualtrieb und dem Onanierverbot auf die sehr praktische Weise der Heirat in jungen Jahren. Aber der Rabbiner hält diese Sichtweise für oberflächlich. Er sei der Auffassung, dass die Zeit bis zum ersten Beischlaf als Vorbereitungsphase zu betrachten sei. "Die Seele ist es, die erregt und angespannt ist. Der Körper kann ihr Verlangen nie zur Gänze befriedigen, weshalb wir lernen müssen, mit unseren Trieben umzugehen. Junge Männer sollten wissen, dass das Warten auf das erste Mal Teil des Vergnügens ist."

Das gläubige Establishment vertritt, anders als Faust, die Ansicht, Sex habe nichts mit Genuss zu tun und diene lediglich der Fortpflanzung. Aber der Rabbi ist der Auffassung, dass diese rigide Haltung zum einen auf christliche Einflüsse zurückzuführen ist, zum anderen sich die Grenzen zwischen der jüdischen Sittsamkeit und der geforderten Sexualität stark verwischt haben. "Auch glaube ich", so sagt er, "dass Auffassungen, die in der Diaspora ihre Gültigkeit hatten, also in vergangenen Zeiten, außerhalb des Staates Israel, nicht unbedingt heute noch gelten müssen."

Dennoch hält sich auch ein moderner "Sexualrabbiner" an die Gebote. Keiner seiner Ratschläge wird eine Aufforderung zur Onanie als Mittel zum Abbau sexueller Spannungen enthalten. Auch Besuche bei Prostituierten oder gar der Kauf von Pornografie sind bei Faust verpönt. "Zuerst bin ich Jude und Gottesmann", sagt Yechiel Faust.

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"Die meisten Paare suchen mich auf, wenn sie Fragen zur 'Familienreinheit' haben."

Rabbi Yechiel Faust

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Der Talmud regelt das Leben

Etwa 700 000 orthodoxe Juden leben in Israel. Ihre Geburtenrate liegt mit 7,6 Kindern pro Frau ebenso hoch wie die palästinensischer Frauen im Gaza-Streifen. Durchschnittlich haben jüdische Frauen in Israel 2,8 Kinder.

Orthodoxe Juden halten die Gebote des Talmuds besonders streng ein. Allerdings handelt es sich nicht um eine homogene Bewegung, sondern es gibt ganz unterschiedliche Strömungen.

Die Kleidung verbindet sie: Orthodoxe Männer tragen schwarze Kaftane, Bart und Schläfenlocken, schwarze Kippa oder Hut, die Frauen lange Röcke, weite Blusen und meist Perücken oder Tücher. Hintergrund ist, dass im Talmud steht, das Schönheitsmerkmal der Frauen sei ihr Haar. Verheiratete Frauen verhüllen es deshalb.

Vom Wehrdienst sind orthodoxe Juden in Israel befreit.

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Foto (2) :

Eine gläubige jüdische Familie vor einem gemeinsamen Festmahl. In ihre, vom Talmud bestimmte Welt wollen auch Schriftsteller wie Shmuley Boteach vordringen. Sein Buch "Kosher Sex" wirbt für die Verbindung von Sexualität und Religiosität. So schreibt er: "Koscherer Sex verbindet dich mit der Seele deines Geliebten." Oder: "Koscherer Sex führt zu spiritueller Integration."

Rabbi Yechiel Faust, hier beim Blumengießen am Fenster seiner Wohnung in Rehovot, ist ein dem Leben zugewandter Mann mit Sinn fürs Natürliche.