Auf der gestrigen Jahrespressekonferenz des Bundes der Freien Waldorfschulen ging es auch um die öffentliche Kritik, die derzeit wieder einmal an der Pädagogik der Freien Schulen und ihrem Begründer Rudolf Steiner geübt wird. Aktueller Anlass dafür ist ein Antrag beim Bundesfamilienministerium, zwei möglicherweise rassistische Schriften Steiners auf den Index der jugendgefährdenden Schriften zu setzen. Der Antrag beruft sich auf Zitate Steiners von 1908/1910, die eine diskriminierende Unterteilung von fünf Menschenrassen enthalten. Zum Beispiel schreibt Steiner in seinem Modell der Wurzelrassen, dass die "Jupiterrasse", der die europäischen Völker angehörten, dazu bestimmt sei, "den Weg zu machen durch die Sinne zum Geistigen". Die "Indianer", dagegen, die zur Saturnrasse gehörten, seien auf Grund ihrer inneren Verknöcherung untergegangen.
"Diese Begriffe liegen lange zurück", entgegnete gestern Hartwig Schiller, Bundesvorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen dem Rassismusvorwurf. Zudem gebe es genügend Stellen im Werke Steiners, die bewiesen, dass dieser sich aus zeitgeschichtlichen Gründen der Rassenterminologie bediente, tatsächlich aber ein Gegner der Rassenideologie gewesen sei, die er als Irrweg der Menschheit bezeichnet habe. "Ich garantiere, dass die besagten Schriften nie auf diesen Index kommen werden", sagte Schiller gestern. Auf Nachfrage stellte er klar, was in der öffentlichen Debatte bezweifelt wird: "Steiners Schriften werden im Unterricht der Waldorfschulen nicht behandelt - nie." Steiner selbst, so argumentierte Schiller etwas missverständlich, habe dies untersagt, als er darauf hinwies, die Anthroposophie sei etwas für alte Leute. Wolle man mit Kindern darüber reden, müsse man eine ganz andere Sprache finden.
Dass der Einfluss der Steinerschen Schriften auf die Waldorf-Lehre tatsächlich der entscheidende Grund sei, das Verbot der Texte zu fordern, schrieb unlängst die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Um diesen Einfluss zu belegen, zitierte sie die Aufzeichnungen eines Schülers, der den Mythos von Atlantis als Tatsache behandeln musste. "Solche Vorfälle können an jeder Schule vorkommen, ein Lehrer mit diesem Programm darf selbstverständlich nicht im Dienst bleiben", erklärte Schiller dazu.
Dies steht nun in gewissem Widerspruch zur Betonung der besonders gründlichen Ausbildung von Waldorfpädagogen. Begrüßenswert ist da das Angebot des Bundesvorstands, für sachliche Diskussionen gern zur Verfügung zu stehen. Die Frage, wie die erforderliche Historisierung von Steiners Schriften gewährleistet wird, bedarf dieser Diskussion. Und ob ein Verbot der Texte ihre Historisierung fördern kann.