Nachdem in Berlin die Achtziger bis ins kleinste Detail durchgepeitscht wurden und auch die letzten Leggins zwischen den Oberschenkeln aufgescheuert sind, kann es nur eine logische Konsequenz geben: Ab in die Neunziger! Die Zeichen häufen sich: Hochwasserhosen (über dem Bauchnabel zugeknöpft), Lollis (beim Raven), mittelgescheitelter Pottschnitt (statt schöngeföntem Pony). Das Partyvolk tobt sich an den Relikten der eigenen Kindheit aus.
Statt auf der Kastanienallee in überteuerten Secondhandläden zu stöbern, fragt der stilbewusste Jungberliner in Zeiten des Nineties-Revivals einfach Mama nach dem Kellerschlüssel. Gewählt wird zwischen Flanellhemd und bauchfrei à la Spice Girls, Doc Martens und Gürteltaschen aus Neonplastik. Dass dabei das Jahrzehntegedächtnis der Spätgeborenen nicht immer einwandfrei funktioniert, könnte auf Schlafmangel und bunte Pillen zurückzuführen sein. Zumindest ist man modisch bestens gerüstet für rhythmisches Zappeln zu Trance und Trash.
Neben dem üblichen Bum-Bum haben einige Clubs nämlich jüngst die Neunziger in ihr Repertoire aufgenommen. Am DJ-Pult wird aktueller Elektro mit den One-Hit-Wondern von damals gemischt. Statt Wodka-O ist mancherorts wieder Blue Curaçao oder Sekt on the Rocks im Angebot. Und wäre dieser Sommer nicht so schrecklich verregnet, dann würde "umsonst und draußen" sicher großgeschrieben - ganz im Stil der frühen Neunziger.
In einer Zeit, in der Angie und Gerd auf Bierbänken kuscheln, kann man der Jugend kaum vorwerfen, dass sie sich von der Politik abwendet. Feiern ist bewusstseinserweiternder als das Zuschauen beim täglichen Trauerspiel auf der gesellschaftlichen Bühne. Unter dem Schein eines riesigen Neon-Smileys ist das Peace-Zeichen fast schon wieder ein großes politisches Statement. Dinge kommen eben wieder, weil die Zeit dafür reif ist.
Wer allein bei der Vorstellung der beschriebenen Mode-Stilblüten einen Drang zum Fremdschämen verspürt, sei getröstet: Wenn eine Tageszeitung über einen Trend schreibt, dann ist er zum einen offiziell. Zum anderen ist er aber auch schon fast wieder vorbei.