MALATYA. Am Tag, an dem Tilman Geske stirbt, ist er wie immer gegen halb sechs aufgestanden und hat gebetet. Um sieben hat er seine Frau Susanne und die drei Kinder geweckt. Wenig später radelt der 46-jährige Deutsche durch den dichten Verkehr ins Zentrum der 500 000-Einwohner-Stadt Malatya in Ostanatolien; er ist beliebt und wird gegrüßt. Sein Freund Necati Aydin ist um diese Zeit schon im Büro des Zirve-Verlags, der christliches Schriftgut vertreibt.
Gegen zehn Uhr dreißig geht Tilman Geske an diesem 18. April noch einmal vor die Tür seines Büros, um seine Frau zu treffen, die ihm Geld für einen Behördengang übergibt. Er verabschiedet sich: "Küsschen - und bis heute Abend."
Zur selben Zeit sendet der 19-jährige Emre Günaydin in Malatya eine SMS an seine Freundin Tuna: "Ich bin auf dem Weg, etwas Großes zu tun. Heute Abend wird mich die ganze Welt kennen." Die Freundin antwortet: "Was immer du vorhast, bitte mach' es nicht!" Dies wird die Polizei protokollieren.
Für die anderen Attentäter beginnt der Tag im Frühstückssaal des Studentenheims der konservativ-islamischen Friedensstiftung. Später treffen sich die fünf jungen Männer, neunzehn und zwanzig Jahre alt, die eigentlich Ingenieure oder Lehrer werden wollten, im Stadtzentrum, und gegen elf Uhr stehen sie vor der Tür des Zirve-Verlags. Sie haben eine Verabredung. Vielleicht ist es Necati Aydin, 35 Jahre, Vater von zwei Kindern und Pastor der evangelikalen Gemeinde, der sie einlässt. Zehn Tage zuvor sind die fünf zum Ostergottesdienst gekommen. Emre Günaydin, ihr Wortführer, hat Weihnachten schon einmal sein Interesse für das Christentum bekundet. Damals hatte Necati Aydin allerdings kein gutes Gefühl. Fast nie besuchen Fremde den christlichen Verlag in der streng muslimischen Stadt Malatya.
Was genau in den folgenden zwei Stunden im dritten Stock des modernen Bürohauses vorgeht, wissen nur die fünf jungen türkischen Männer. Auch der Christ Ugur Yüksel, der nach elf Uhr zur Arbeit kommt, fällt ihnen zum Opfer. Gegen eins klingelt das Telefon im Verlag, und Necati Aydin kann dem Anrufer klarmachen, dass gerade etwas Gefährliches passiert; dieser alarmiert die Polizei. Fünf Minuten später brechen Polizisten die Tür auf, aber sie kommen zu spät. Überall ist Blut. Tilman Geske und Necati Aydin liegen gefesselt, mit durchschnittener Kehle, die Körper voller Foltermale, auf dem Boden. Ugur Yüksel stirbt kurz darauf. Die Täter werden sofort festgenommen. Sie hinterlassen einen Zettel: "Wir haben es fürs Vaterland getan. Sie wollen uns unser Land und unseren Glauben nehmen."
Tilman Geskes Ehefrau Susanne erfährt gegen zwei Uhr nachmittags, dass "etwas passiert" ist. Drei Stunden später erst teilt ihr die Polizei mit, dass ihr Mann tot ist. Das Ehepaar und ihre Freunde im Zirve-Verlag sind Angehörige einer protestantischen Freikirche, die sich als Evangelikale bezeichnen. Die offensive Verkündung des Evangeliums, die Mission, ist ihnen wichtig. Sie sind christliche Fundamentalisten.
Das grausige "Missionars-Massaker", wie die Zeitungen es nennen, erschüttert die Türkei. Es ist die dritte Bluttat an Christen innerhalb von drei Jahren. Regierungschef Erdogan drückt schon kurz nach dem Mord sein Beileid aus, und die Menschen im Land fragen sich: Wer sind die Täter?
Das Firmenschild des verwaisten Zirve-Verlages in Malatya ist auch zwei Monate danach noch nicht entfernt worden. Weitab von hier, in einem Neubaugebiet, lebt Susanne Geske mit ihren Kindern im Erdgeschoss eines fünfstöckigen Apartmenthauses. Wenn die Kinder in der Schule sind, ist es sehr still in der bescheiden eingerichteten Wohnung. "Die Leute fragen mich immer ganz erstaunt: Seid ihr denn nicht reich, ihr seid doch Missionare?" Susanne Geske lacht. Sie lacht erstaunlich viel, und ihr Lachen klingt nicht bitter. Im türkischen Fernsehen hat sie ihren ermordeten Mann einen "Märtyrer für Jesus" genannt. Sie sagt, sie habe bislang nicht weinen können, "und ich will's auch gar nicht. Denn ich bin sicher, Tilman ist zu Gott gelangt"."
Susanne Geske ist klein, schlank, lebhaft; sie trägt einen wallenden Rock und den Ehering ihres Mannes an einer Kette um den Hals. Es ist eine gewisse Härte an ihr, die irritiert, vielleicht weil sie Sätze sagt, die unerhört archaisch klingen. "Ich bin davon überzeugt, dass aus Tilmans Tod etwas Neues entsteht. Ein Gemeindeaufbruch. Das war bisher immer so, wenn Blut geflossen ist." Zwei Tage nach der Tat hat sie öffentlich erklärt, sie vergebe den Tätern, so wie Jesus am Kreuz allen Menschen vergeben habe. Solche Sachen sagt sie und meint sie auch. Dabei wirkt sie so, als sei das alles ganz normal.
Später, als die Kinder aus der Schule gekommen sind, fragt Miriam, acht Jahre alt: "Mom, sag mal, wann gehen wir denn die Männer besuchen, die Dad umgebracht haben? Wenn die den Jesus kennenlernen und den Papa später im Himmel besuchen, können sie sich bei ihm entschuldigen." Susanne Geske strahlt. "Ist das nicht toll, was sie sagt? Wir beten alle, dass einer der Mörder Christ wird." Sie hat für die Toten einen kleinen Schrein im Wohnzimmer errichtet. Auf einer Beileidskarte steht: "Jeder von euch ist ein Licht in Malatya und in der ganzen Türkei!"
Dann legt sie ihr Hochzeitsvideo in den Rekorder. Im Film sieht man einen gehemmt wirkenden jungen Mann, hochgewachsen, hager, der seine eigene Hochzeit fast wie ein Gast absolviert. Ganz anders Susanne: rotwangig, lachend, aufgeregt, rauscht sie im Rüschenkleid durchs Bild. Man sieht die Gemeindemitglieder singen und eine große Gesellschaft bei einer Bootsfahrt von Lindau über den Bodensee.
Was hat die beiden aus der süddeutschen Idylle nach Anatolien geführt? "Es gibt für einen Christen keine größere Herausforderung, als in ein muslimisches Land zu gehen. Dort gibt es die wenigsten Christen und die wenigsten Missionare", sagt Susanne Geske.
Tilman Geske, Sohn eines Architekten und einer Pastorentochter, wuchs im niedersächsischen Celle auf und interessierte sich hauptsächlich für Sport und seine Gitarre. Als er achtzehn war, nahm ihn seine Schwester zu einer "Evangelisationsveranstaltung" mit, und er "entschied sich für Jesus Christus". Tilman sei ein tief gläubiger, auch melancholischer, ein ernster, unauffälliger Mensch gewesen, sagen alle, die ihn kannten: seine Freunde in Celle und in Lindau, wo er nach dem Theologiestudium zehn Jahre als Gemeindeleiter arbeitete. Das Auffallendste an ihm war sein Glaube, um den er täglich viele Stunden im Gebet rang. Nur der Sonnabend fiel aus dem Rahmen: Da hörte er Fußballreportagen im Radio.
Als die gelernte Töpferin Susanne in die Gemeinde kam, bewunderte Tilman ihren Tatendrang, sie dagegen seine Strenge im Glauben. "Als ich spürte, dass ich mich in ihn verliebte, habe ich ihn gefragt: Willst du in die muslimische Welt, um zu missionieren?" Es war ihr wichtigster Prüfstein. "Da sagte er zu mir, er wollte schon immer nach Indonesien gehen, um den Glauben zu verbreiten." Der Wille zur Mission der Muslime wurde das Fundament ihrer Ehe, die sie 1992 schlossen. "Aber Lindau ist ein Touristennest, viel zu nett und eng. Wir haben dann beide um den richtigen Weg gebetet, und Gott hat ihn uns gewiesen", sagt Susanne Geske.
Susanne und Tilman Geske hatten bereits die Kinder Michal und Lukas, als sie im September 1997 nach Adana gingen, in die Zwei-Millionen-Metropole im heißen Süden der Türkei. Der Anfang war steinig. Doch während Tilman manchmal Zeichen von Resignation zeigte, blieb Susanne standhaft. "Wir sind an einem Platz, wo Gott uns haben will", hat sie zu ihm gesagt. In Teehäusern Bibeln zu verteilen, war nicht ihre Art; sie haben in der evangelikalen Gemeinde gearbeitet und Fremden nur, wenn diese ausdrücklich fragten, von ihrem Glauben erzählt. Doch nur wenige Türken wollten Christen werden, wenn überhaupt, dann Angehörige religiöser Minderheiten, Armenier oder Aleviten. "Wir haben niemals einen sunnitischen Muslim bekehren können", sagt Susanne Geske. Ganze tausend Menschen sind in den letzten zehn Jahren landesweit zu den Evangelikalen konvertiert.
Die eigentliche Herausforderung stellte sich dann in Malatya, denn dort gab es noch keine christliche Gemeinde. Tilman Geske schlug sich als Sprachlehrer durch, aber die Familie blieb auf die Spenden aus Deutschland angewiesen. Tilman war so zurückhaltend, dass viele Türken erst nach seinem Tod erfuhren, dass er Missionar war. "Davon habe ich nichts bemerkt", wundert sich der Teestubenwirt, bei dem der Deutsche gern einkehrte.
Susanne Geske sagt, dass sie Malatya und die gastfreundlichen Menschen hier mag. Die Stadt der Aprikosen und der Textilfabriken ist ein Beispiel für die rasend schnelle Modernisierung der Türkei. Junge Leute vom Land strömen hierher, wo es Arbeit und sogar eine Universität gibt. Die Metropole aber überfordert viele; wer dann einen Halt sucht, findet ihn in den Moscheen - und bei den nationalistischen Parteien. Sie sind es, die die christlichen Missionare als eine tödliche Gefahr für die türkische Nation betrachten und gezielte Desinformation über sie verbreiten.
Schon als die Geskes herzogen, warnte eine rechte Zeitung: "Achtung, die Missionare kommen!" Bülent Kutlutürk, Chefredakteur eines kleinen liberalen Blattes, sagt: "Hier sind die Christen systematisch zu Zielscheiben aufgebaut worden." Vor zwei Jahren skandierten hundert Anhänger der nationalistischen Grauen Wölfe Hassparolen vor dem Zirve-Verlag.
Emre Günaydin, der Anführer der Mörder vom 18. April, ist nicht vom Land gekommen. Er ist das Kind eines Verwaltungsbeamten der Universität von Malatya. Vor einem Jahr begann er, gegen seine konservativen Eltern zu rebellieren. Im November 2006 brach er mit seiner Familie und zog ins islamische Studentenheim - eine Geste, die sein Umfeld schockierte. Darüber reden will keiner aus der Familie.
Bei den Religiösen fiel Emre Günaydin unangenehm auf. Der trainierte Kickboxer wollte sich nicht an die strengen Regeln des Hauses halten. "Man ging ihm besser aus dem Weg", sagt Ahmet, ein Mitbewohner, "denn er war zwar verschlossen, aber aggressiv." Als Emre sich wieder einmal prügelt, wird er im Februar aus dem Heim geworfen. Er muss zurück nach Hause, seine Agressionen verstärken sich.
Im Heim hat es ein paar Jungen gegeben, die ihn bewunderten. "Sie saßen zusammen beim Frühstück und steckten auch sonst die Köpfe zusammen", sagt der Mitbewohner Ahmet. Diese drei Jungen sind Aprikosenbauernsöhne. Emre Günaydin, der die Stadt kennt, wird ihr Idol. "Um die Gruppe war ein Geheimnis", sagt Ahmet. Die Religion ist es nicht. Denn die vier, zu denen noch ein fünfter stößt, werden nur selten in der Moschee gesehen. Aber sie haben Kontakte in die rechte Szene von Malatya.
Emre Günaydin ist es, der im Dezember 2006 über das Internet Verbindung zu den Evangelikalen aufnimmt. In einer E-Mail an die Christen in Izmir schreibt er: "Wir interessieren uns für das Christentum und suchen einen Kontakt in Malatya." Der dortige Pastor verweist ihn an den Zirve-Verlag. Er konnte nicht wissen, was er damit auslöste.
Außer Susanne Geske haben alle Ausländer aus der kleinen christlichen Gemeinde Malatya verlassen. Sie aber möchte bleiben. "Ich bin froh, dass ich die Kinder nicht in Deutschland großziehen muss, denn hier ist die Gesellschaft noch in Ordnung, die Menschen sind gläubig, alles ist viel moralischer. Man sieht kein Mädchen bauchfrei herumlaufen!" Wenn nur der Islam nicht wäre - aber der gibt ihr gerade die Legitimation, hier zu sein.
Susanne Geske geht an diesem Tag auf den alten armenischen Friedhof in Malatya. Sie hat dafür gekämpft, dass Tilman an diesem Ort begraben werden konnte. "Er hat die Menschen hier geliebt und ist für sie gestorben." Zweihundert Trauergäste kamen, auch der Gouverneur, das Fernsehen berichtete. "Es war das erste Mal, dass eine christliche Beerdigung in der Türkei live übertragen wurde", sagt Susanne Geske.
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"Wir beten alle, dass einer der Mörder Christ wird." Susanne Geske
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Foto: Die Familie Geske ein Jahr vor dem Mord. "Tilman ist zu Gott gelangt", sagt Susanne Geske, die Witwe des Missionars.