KREUZBERG. Der Kunstraum Bethanien sucht Berliner Flaneure, die ihren liebsten Weg beschreiben. Der Sieger erhält 150 Euro und die Gelegenheit, seinen Spaziergang mit allen Teilnehmern zu absolvieren. "Ich bin sehr gespannt darauf, was da kommt, Berlin ist ja riesengroß, und es gibt unzählige Möglichkeiten von romantisch bis Hektik pur", sagt Kurator Stéphane Bauer. Vor allem Hektik bestimmt das Leben in Berlin, hat schon Kurt Tucholsky festgestellt. Er monierte, Berliner seien keine Spaziergänger, weil sie keine Zeit hätten.
Jury-Mitglied Martin Schmitz befasst sich sogar wissenschaftlich mit dem Thema: An der Uni Kassel lehrt der 51-Jährige Spaziergangswissenschaft. "Spazierengehen ist die ursprünglichste Form der Fortbewegung und der Wahrnehmung", sagt Schmitz. Spaziergangswissenschaft beschäftige sich mit dieser Wahrnehmung - und damit, wie sie sich ändert, wenn man immer schneller überall hinkommt. Schmitz plädiert für eine "spaziergängerische Stadtplanung". Ist Berlin geeignet zum Spazieren? Der bekennende Fußgänger Schmitz sagt Ja: "Es gibt hier viele Zentren, das kann hochinteressant sein." Denn: "Wer zu Fuß geht, spürt am schnellsten, wenn etwas nicht stimmt." Wie zum Beispiel im Kleinen Tiergarten, wo historische Wege neu angelegt wurden, von Passanten aber ignoriert werden. (sk.)
Mein liebster Spaziergang: Texte, Fotos, Kurzfilme bis 15.6. an: Kunstraum Be- thanien, Mariannenplatz 2, 10996 Bln.
www.kunstraumkreuzberg.de