RALF SCHENK über die nervöse Unruhe des Genies Fassbinder und wie sie auf andere abfärbte
Zwischen 1965 und seinem Tod am 10. Juni 1982 inszeniert und schreibt Rainer Werner Fassbinder mehr als fünfzig Filme, Fernsehserien, Theaterstücke und Hörspiele. Leben ist für ihn untrennbar mit Arbeit verbunden, und die Arbeit ist immer Rausch. In diesen Rausch taucht Fassbinder nie allein; er nimmt Freunde und Verbündete mit. Wer mit ihm zu tun hat, begreift schnell: Arbeit muss sein, denn jeder Film dreht dem Tod eine lange Nase. Der Kreis, den Fassbinder um sich schart, macht serielle Kunstproduktion möglich, die nicht vom Fließband ist. Alle um ihn herum partizipieren an seiner Kraft, auch wenn sie sich bisweilen verwundet, verschlissen, entnervt fühlen. Sie wissen oder ahnen zumindest, dass der wilde Mann in Jeans und Lederjacke mit seinen Attacken gegen manche Mitarbeiter auch die eigene Verletztheit sublimiert. Eine Verletztheit, die aus dem Intimsten rührt, aber auch mit deutschen Zuständen zu tun hat: mit der Politik und Moral des Wirtschaftswunders, den Eruptionen der Achtundsechziger, der RAF-Ära.
Mit vielen seinen Arbeiten leuchtet Fassbinder in die innere Verfasstheit der Bundesrepublik, dringt zu ihren Wurzeln und Kontinuitäten, ihren Brüchen und Tabus vor. Sittengeschichte als Zeit- und Politikgeschichte - ein deutscher Enkel von Balzac und Zola. Am Ende seiner "Ehe der Maria Braun" (1978) verknüpft er das Private ganz direkt mit dem Gesellschaftlichen. Als Negativbilder lässt er eine Galerie der Kanzler ablaufen: Adenauer, Erhard, Kiesinger, dann Helmut Schmidt. Willy Brandt fehlt. Brandt, der Emigrant, der vielen Westdeutschen ähnlich fremd vorgekommen sein muss, wie sie in Fassbinder einen Fremden sahen, einen Nestbeschmutzer.
In den kommenden vier Monaten wird im Arsenal die große Retrospektive "Gruppenbild mit RWF" zu sehen sein, die noch einmal an den wohl wichtigsten Regisseur der Bundesrepublik und die Mitglieder seines Teams erinnert. Das Prinzip der Reihe besteht darin, parallel zu Fassbinders Filmen auch andere Arbeiten der an ihnen beteiligten Schauspieler, Kameramänner, Komponisten oder Autoren vorzustellen. Der Kameramann Dietrich Lohmann, der dreizehn Mal mit Fassbinder arbeitete, ist beispielsweise mit "Neun Leben hat die Katze" (1969) vertreten, dem Debütfilm Ula Stöckls über die Freundschaft zweier Frauen, ein Frühwerk des westdeutschen feministischen Kinos. Oder Kurt Raab, der als Kassierer im Action-Theater begann und später die Hauptrolle in "Warum läuft Herr R. Amok" (1969) spielte: Ihn stellt das Arsenal auch als Massenmörder Haarmann in "Die Zärtlichkeit der Wölfe" (1973) vor. Außerdem waren an dieser Produktion, die das authentische Geschehen aus den 1920er Jahren in die Nachkriegszeit verlegte, aus der Fassbinder-Mannschaft Ulli Lommel als Regisseur, Peer Raben als Komponist und Margit Carstensen als Darstellerin beteiligt - und der Meister selbst, der das Werk in seiner Produktionsfirma Tango-Film herstellen ließ, spielte ebenfalls mit.
Was die Reihe belegt, ist vor allem dies: Die nervöse Unruhe und die ketzerischen Verstörungen, die von Fassbinder ausgingen, haben immer auch andere angeregt - und sei es zum Ausbruchsversuch, zum Erkunden von Gegenpositionen. Vermutlich war es kein Zufall, dass sich nach dem Tod des Regisseurs bald Mehltau über den westdeutschen Film legte. Sicher hatte das mit jener Sattheit und Zufriedenheit zu tun, die in der Ära Kohl genährt wurde und als filmischen Ausdruck eine affirmative Lustspielwoge erzeugte, die übrigens - wie Fassbinder - aus München kam. Die Frage, was Fassbinder dagegen gesetzt hätte, zumal nach der deutschen Einheit, muss leider rhetorisch bleiben.
Written On The Wind: Gruppenbild mit RWF Kino Arsenal, April bis Juli.
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Foto: Mehr als 20 Jahre nach seinem Tod unsterblich: Rainer Werner Fassbinder.