Was Sandra Speichert jetzt braucht, ist eine Packung Zigaretten. Seit vier Stunden gibt sie Interviews. Das strengt an, lässt sich aber kaum vermeiden, Filme müssen nun mal promotet werden. Und der ZDF-Krimi "Martin Paris - Magier des Verbrechens" gehört definitiv in ihren Zuständigkeitsbereich.
Der Grund dafür ist weniger ihre Rolle, die eher klein ausgefallen ist. Es ist ihr Name, der zieht. Hauptdarsteller Jean-Marc Barr mag in Meisterwerken wie Luc Bessons "Im Rausch der Tiefe" und Lars von Triers "Dancer In The Dark" mitgespielt haben, so richtig bekannt ist er in Deutschland nicht. Sandra Speichert hingegen kennt man aus dem Fernsehen, aus Dramen, Komödien, Thrillern. Man schreibt über sie, weil sie eine gute Schauspielerin ist, obendrein auffallend schön und - jetzt wird es ein wenig kompliziert - als Deutsche in Frankreich ein Star.
Die ganze Wahrheit ist sogar noch ein bisschen komplizierter: Zwar sind Sandra Speicherts Eltern Deutsche, aufgewachsen ist sie aber in Frankreich. In Deutschland hat sie nie gelebt. "Ich bin ja eigentlich Französin", sagt sie. Als sie sich im vergangenen Jahr dazu entschloss, Paris zu verlassen, stand ein Umzug nach Deutschland, der eben keine Heimkehr gewesen wäre, nie zur Debatte. Stattdessen erfüllte sich die 36-jährige einen Traum und wohnt seitdem mit ihren beiden Kindern im Gebirge über Nizza, in einem kleinen Dorf, "wirklich ganz zurückgezogen", wie sie sagt. Das Meer ist eine Stunde entfernt, Italien ebenso. "Für mich das Paradies."
Nach Deutschland kommt Sandra Speichert, um zu drehen. Immer wieder liest man, dass sie in Frankreich bekannter sei als hierzulande, doch das stimmte höchstens für eine kleine Weile in den 90er Jahren. 1993 hatte sie ihr Debüt in dem Kinofilm "Doppelte Tarnung" gegeben und dafür gleich den Romy-Schneider-Preis erhalten, die bedeutendste französische Auszeichnung für Nachwuchsschauspielerinnen. Ihr Durchbruch in Frankreich weckte auch das Interesse der deutschen Filmproduzenten. Mit ihnen arbeitet Sandra Speichert seitdem wesentlich häufiger zusammen als mit deren französischen Kollegen.
"Ich bin sehr glücklich, dass man mir hier die Charakterrollen schenkt, die ich so liebe", sagt sie mit dem Pathos, der nun mal zum Berufsfeld Schauspielerin gehört. Sandra Speichert nimmt man diese Leidenschaft allerdings ab, spätestens dann, wenn sie über die Filme spricht, auf die sie besonders stolz ist - das Drama "Versprich mir, dass es den Himmel gibt" zum Beispiel, in dem sie eine krebskranke Frau spielte. Dafür ließ sie sich gegen den Willen des Regisseurs die Haare abrasieren, nahm fünf Kilo ab und wurde nach dem Dreh erst einmal richtig krank. "Aber ich habe es geliebt", betont sie. "Die nette Schöne zu spielen, das interessiert mich einfach nicht. Da gibt es andere."
Gerne denkt sie auch an "Der Campus" zurück, ihre erste Zusammenarbeit mit Heiner Lauterbach. Mit dem Kollegen ist sie noch heute befreundet, in der Comedy-Serie "Mitten im Leben", die im April bei RTL startet, gibt sie seine Freundin. Worauf sie bei ihrer Rollenauswahl achtet? Klar, auf die Besetzung, den Regisseur, das Buch - und darauf, dass die neue Rolle möglichst das genaue Gegenteil von der vorhergehenden ist. "Ich möchte immer wieder ein neues Gesicht zeigen, eine neue Seite. Das ist spannend."
Dass sie auch schon mal in Produktionen mitgewirkt hat, die nicht als unvergessliche Meisterwerke in die Geschichte eingehen werden - geschenkt. "Ich habe auch sehr schlechte Filme gedreht, leider, wie alle." Richtig depressiv werde sie, wenn sie schon am Anfang des Drehs merke, dass gerade etwas gründlich schief läuft. "Dann muss ich trotzdem alles geben, um gut zu sein. Es ist ja nicht so, dass bei der Ausstrahlung als Untertitel eingeblendet wird: ,Sandra Speichert bereut es, in diesem Film mitgemacht zu haben.'"
Als Vergnügen empfand sie hingehen die Dreharbeiten zu "Martin Paris - Magier des Verbrechens", was nicht zuletzt an Hauptdarsteller Jean-Marc Barr lag, der schon immer einer ihrer Lieblingsschauspieler gewesen sei. In dem Krimi, den das ZDF mit dem französischen Sender M6 koproduzierte, spielt er den Zauberer Martin Paris, der im Auftrag des französischen Geheimdiensts an der Aufklärung eines mysteriösen Falls mitwirkt. Auf welche Weise die Tochter eines mächtigen Waffenhändlers spurlos aus einem geschlossenen Raum verschwinden konnte, hat er schnell herausgefunden. Doch damit ist die Sache längst nicht erledigt: Das Mädchen ist entführt worden - und Paris' Gegenspieler ist ein alter Magier-Kollege.
"Mir hat das Buch sofort gefallen", sagt Sandra Speichert, die in dem Film Martin Paris' scheidungswillige Frau spielt. "Es ist endlich mal eine andere Art, einen Krimi zu erzählen." Tatsächlich ist die Story zwar komplett unglaubwürdig, aber einfallsreich komponiert und sehr unterhaltsam in Szene gesetzt. Um dafür ein bisschen Reklame zu machen, kann man auch mal nach Köln kommen. Auch wenn der Himmel über dem Rheinland grau und in Südfrankreich schon längst Frühling ist. Sandra Speichert schaut aus dem Fenster und raucht noch eine Zigarette.
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Martin Paris - Magier des Verbrechens, Sonntag, 22.00 Uhr, ZDF
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"Die nette Schöne zu spielen, das interessiert mich einfach nicht." Sandra Speichert
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Foto: "Für mich das Paradies": Sandra Speichert lebt an der Côte d'Azur.