Seit Dezember sitzt der 21-jährige Matthias Z. aus Treptow in Untersuchungshaft. Er soll im November mit zwei Komplizen am Bahnhof Lichtenberg zwei Gleichaltrige verprügelt und dabei einen Totschläger benutzt haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Totschlag vor.
Was sich anhört wie ein gewöhnlicher Kriminalfall, hat politische Dimensionen erreicht. Denn der mutmaßliche Schläger ist Aktivist der linken Szene, und die beiden Opfer sind bekannte Neonazis. Inzwischen hat sich eine Protestbewegung formiert, die die Freilassung von Matthias Z. fordert und der Justiz sogar vorwirft, den 21-Jährigen aus rein politischen Motiven in Haft genommen zu haben.
Matthias Z., der Behinderte betreut, in der Verdi-Medienjugend arbeitet und ab Januar sein Abitur nachmachen wollte, engagiert sich auch gegen Rechtsextremismus. Den Neonazis ist er längst bekannt. Bei Demos knipsten sie Fotos von ihm, für das Anti-Antifa-Fotoarchiv, in dem sie die Konterfeis politischer Gegner sammeln.
Ob er wirklich an dem Angriff beteiligt war, soll der Prozess zeigen, für den noch kein Termin angesetzt ist. Die bisherige Untersuchungshaft für den nicht vorbestraften 21-Jährigen begründete ein Richter mit Fluchtgefahr wegen der Höhe der zu erwartenden Strafe. In dieser Woche erhob die Staatsanwaltschaft Anklage. Diese bezieht sich offenbar im Wesentlichen auf die Aussage der beiden beim Angriff verletzten Neonazis. Obwohl die Angreifer laut Polizei vermummt waren, wollen die Opfer Matthias Z. wiedererkannt haben. Stunden nach der Tat erschienen sie bei der Polizei, wo sie ein Foto des angeblichen Täters abgaben. Sie zogen es aus ihrem Anti-Antifa-Fotoarchiv.
Pikant ist, dass Matthias Z. selbst Zeuge ist in einem Verfahren gegen einen der beiden Neonazis, der im Mai 2006 einen PDS-Stand angegriffen haben soll und von Matthias Z. gesehen wurde. "Es ist ungewöhnlich, dass man ein Verfahren ausschließlich auf die Angaben von zwei politischen Gegnern stützt", sagt der Kölner Rechtsanwalt Björn Gehrcke, einer der beiden Verteidiger. Er vermutet, dass die Staatsanwaltschaft den in der Anklage formulierten angeblichen Tötungsvorsatz als Druckmittel nutzt, um die Telefonüberwachung zu legitimieren sowie die Durchsuchung von Matthias Z.s Wohnung. Dort wurden Kleidungsstücke wegen DNA-Spuren beschlagnahmt. "Gefunden wurde nichts", so Gehrcke, der sonst keine "politischen" Angeklagten vertritt.
Die Staatsanwaltschaft weist Vorwürfe, politisch motiviert zu handeln, zurück. Sprecher Michael Grunwald: "Die Ermittler und Richter sind ausschließlich an Recht und Gesetz gebunden und halten sich auch daran." Ein anderer Ermittler sagt: "Es gibt für uns schon noch weitere Hinweise auf seine Täterschaft. Nach der Beweislage sieht es für ihn nicht so gut aus." Im Übrigen sei es bei derartigen Taten egal, ob jemand rechts oder links ist.
Derweil ist "Matti" in linken Kreisen so etwas wie ein Held geworden. Politiker verschiedener Parteien und die Gewerkschaft Verdi setzen sich für seine Freilassung ein. Linke in ganz Deutschland fordern "Freiheit für Matti" - mit Plakaten an Häuserwänden. Eine Soli-Gruppe hat die Internetseite "www.freiheitfuermatti.com" geschaltet. Kürzlich hielten Fans des linken Hamburger Fußballclubs FC St. Pauli ein großes Plakat hoch, als sie gegen den 1. FC Union Berlin antraten. Regelmäßig gibt es Demos für die Freilassung. Vor einigen Tagen erklärte sich der Vorstand der Berliner Jusos "solidarisch mit dem Antifaschisten Matti".
Die Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, Gesine Lötzsch, mutmaßt, dass Polizei und Justiz ihr Vorgehen gegenüber einer unliebsamen außerparlamentarischen Linken verschärften. Und Benedikt Lux von den Grünen erklärt: Das jetzige Vorgehen der Ermittlungsbehörden sei eine Einladung an alle Neonazis, mit ihren privaten Fotoalben vorbeizukommen und eine Aussage zu machen. "Dann sitzen bald alle aktiven Linken, die auf Demonstrationen abgefilmt und fotografiert werden, in Untersuchungshaft."
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"Die Ermittler und Richter halten sich an Recht und Gesetz." M. Grunwald, Justizsprecher