Der Kunstmäzen, in diesem Fall die Schering Stiftung, beruft sich auf den französischen Philosophen Helvétius, der schon um 1750 meinte, Wettstreit bringe Genies hervor, und der Wunsch, sich auszuzeichnen, erzeuge Talente.
Gestern Mittag fiel die Entscheidung: Der "Förderpreis Bildende Kunst der Schering-Stiftung 2007" wurde Nairy Baghramian zugesprochen. Die Bildhauerin ist 36 Jahre alt, kam aus dem iranischen Isfahan nach Berlin und macht, was man kühle, elegante, minimalistische Skulptur nennen kann. Die Iranerin hat sich mit moderner Design-und Architekturgeschichte auseinandergesetzt - mit Raum, Maß, Funktion, Perfektion.
Betritt man ihre schöne Spiegel-Skulptur im Ausstellungsraum der Berlinischen Galerie, wo die Wettbewerbs-Ausstellung der Schering Stiftung ausgerichtet wird, beginnt der eigene Körper auf diese Maße, auf diese Präzision zu reagieren - und auf die vermeintliche Leere: Stabilität steht plötzlich gegen Labilität, Öffnung gegen Sperre, geschlossene Form gegen die Brechungen des Spiegelbildes. Die Jury ist dieser Wirkung erlegen.
Fünf Künstler waren der Schering Stiftung von Kunsthochschulen und Museen vorgeschlagen worden. Der alle zwei Jahre ausgelobte Förderpreis, dotiert mit 10 000 Euro, gilt in diesem Jahr der Skulptur. In der Jury saßen Horst Bredekamp von der Humboldt Universität Berlin, Christoph Brockhaus vom Lehmbruck Museum Duisburg und Ursula Prinz von der Berlinischen Galerie, die auch die Schau kuratierte. Neben den Arbeiten der Gewinnerin zeigen vier junge Bildhauer, was sie unter Skulptur verstehen. Thorsten Brinkmann aus Hamburg, Jahrgang 1969, Schüler von Franz Erhard Walther, setzt aus Weggeworfenem - Steckern, Trichtern, Geschirr, Küchengeräten - überraschende Gebilde zusammen, denen die Gebrauchsspuren anzusehen sind. Spuren, die kleine surreale Geschichten erzählen.
Jan Bünnig aus Berlin, geboren 1972 und Schüler von Tony Cragg an der UdK, führt vor, um wieviel wichtiger ihm der Prozess - das Zufällige, auch Spielerische des Entstehens einer Skulptur - ist als das endgültige Ergebnis. Aus Ton und mit hartem Wasserstrahl formte er direkt im Galerieraum bizarr-schöne "Zapfen", sogar einen "Katzenschwanz". Das Geheimnis der gewöhnlichen Dinge zum Ausdruck zu bringen, ist deutlich sein Ziel.
Gleich zwei einstige Schüler des Bildhauers Olaf Metzel von der Münchner Kunstakademie waren Kandidaten in diesem Wettbewerb, Michael Sailstorfer, Jahrgang 1979, der inzwischen in Berlin lebt, und Marco Schuler, geboren 1972, aus München. Sailstorfer transformiert auf Alltagsvehikel wie Reifen, (Polizei-)Autos, Straßenlaternen völlig neue, skurrile, auch melancholische Bedeutungen. Schuler befasst sich mit dem Verhältnis des menschlichen Körpers zum Raum. Seine hochgereckten Skulpturen aus Holz und schwarzem Lack oder Teer wirken konstruktiv bis hochdramatisch, tiefernst und zugleich der Lächerlichkeit preisgegeben.
Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, Schering-Förderpreisschau, ab heute bis 11. März, tgl. 10-18 Uhr.
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Foto: So knapp und streng Nairy Baghramians Raumskulptur aus weiß-schwarz-lackiertem Holz und Spiegeln wirkt, so anspielungsreich ist der Titel: "Es ist außer Haus. Das hübsche Eck. Empfangszimmer", 2006.