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Die Äste der Vergangenheit

Im Thriller "Déjà Vu - Wettlauf gegen die Zeit" verliebt sich Denzel Washington in eine Frau, die der Tod eigentlich schon geholt hat

Gerhard Midding

Der alte Traum des Kinos, der Tod habe nach dessen Erfindung seine Endgültigkeit verloren, wurde vielleicht nie so schön geträumt wie in Hollywood während der Depressionszeit und des Zweiten Weltkriegs. In munteren Komödien wurde dem Tod regelmäßig ein Schnippchen geschlagen. "Topper" und "Ist das Leben nicht schön?" widerriefen das Hinscheiden mit wohliger Berechenbarkeit. Nicht nur Lubitschs "Himmlischer Sünder" gelangte zur Erkenntnis, dass die Buße nur eine Erfindung der Kirche ist. Nach dem 11. September 2001 übernahm das Fernsehen die Rolle des Trostspenders. In Serien wie "Medium" oder "Ghost Whisperer" wird seither Zwiesprache mit den Toten gehalten, damit Unerlöste im Dies- und Jenseits Frieden finden und die Nation von ihren Traumata geheilt wird.

Der Produzent Jerry Bruckheimer ist maßgeblich an dieser restaurativen Anstrengung beteiligt: Seine Tatortermittler-Serien "CSI" und "Without a Trace" vertrauen das Publikum der Gewissheit an, dass die Opfer in guten Händen sind. Sein neuester Thriller "Déjà Vu" versucht, diese Motive wieder im Kino heimisch zu machen. Dass er sich für diesen Heilungsprozess wieder mit dem Regisseur Tony Scott zusammentat, lässt erahnen, dass dieser nicht ohne beträchtlichen Kollateralschaden verlaufen wird. Gewalt und Verheerung hat Scott sich bislang vor allem mit der Ästhetik des Werbeclips erschlossen. Die Frage, was ein Regisseur - der für den Stakkatorhythmus seiner Montage bekannt ist, wo jedes Bild nur ein Platzhalter des nächsten ist - mit Transzendenz und Kontinuität anfangen könnte, verleiht dem Projekt eine reizvolle Binnenspannung. Mit der Eröffnungssequenz, der Explosion einer Fähre in New Orleans, erfüllt er umgehend die Pflicht und absolviert sodann die Kür mit leidlicher Inspiration.

Der Plot liest sich, als habe Philip K. Dick (oder eher noch einer seiner Epigonen) ein Remake von Otto Premingers romantischem Film Noir "Laura" verfasst: Ein Ermittlungsbeamter (Denzel Washington) verliebt sich in ein Mordopfer. Bei der Suche nach dem Attentäter assistiert er einer Sonderabteilung des FBI, die ein Überwachungssystem entwickelt hat, das vier Tage in die Vergangenheit zurückreicht, sodass sich Tathergänge zeitversetzt rekonstruieren lassen. Der famose Apparat, "Snowhite" genannt (nebst sieben Satelliten), ermöglicht auch Zeitreisen. So steht wieder einmal die Unabwendbarkeit der Ereignisse zur Disposition: Selbstredend versucht Washington, die geliebte Frau zu retten und das Attentat rechtzeitig zu verhindern. Auf die sich daraus ergebenden philosophischen Probleme findet Drehbuchautor Terry Rossio (der schon in der "Piraten der Karibik"-Serie reichlich Erfahrung mit widerspenstigen Untoten gesammelt hat) lauter pragmatische Lösungen: Der Zeitfluss ist nicht linear, die Vergangenheit kann sich verästeln in parallele Ströme.

Nicht nur in den Augen der Zuschauer, die hinreichend in der Quantenphysik bewandert sind, ist die Prämisse natürlich ausgemachter Humbug und die Zeitmaschine nicht weniger lächerlich als der bunte, unheilschwanger dampfende "Time Tunnel", der in den 60er Jahren zwei beherzte Wissenschaftler ausschickte, um den Verlauf von Vergangenheit und Zukunft zu korrigieren. Die Drehbuchidee geriert immerhin einige atemraubende Action-Szenen, namentlich eine halsbrecherische Verfolgungsjagd auf zwei Zeitebenen. Dass sich der Attentäter nicht als Ausländer, sondern als fanatischer Nationalist entpuppt, ist nicht nur politisch korrekt, sondern auch soziologisch triftig. Und wo die Metaphysik allzu heftige Volten schlägt, erdet Washington die Geschehnisse in bewährter Manier. Warum sollte der Tod auch das letzte Wort behalten, solange es in Hollywood noch gerissene Drehbuchschreiber gibt?

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Déjà Vu - Wettlauf gegen die Zeit USA 2006. Regie: Tony Scott, Kamera: Paul Cameron, Darsteller: Denzel Washington, Paula Patton, Val Kilmer, James Caviezel u. a.; 127 Minuten, Farbe.

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Foto (2): Es brennt ein Schiff in New Orleans - Pflichtübung am Anfang des Thrillers.

Paula Patton zu Denzel Washington: Hast du dir was absaugen lassen? Ich dachte immer, du tust im Fitness-Studio was für deine Problemzonen.