Ein kleiner Junge", sagt Jonathan Monk, "hat keine Chance gegen Erwachsene, die Adorno gelesen haben. Ein kunstversessenes Kind verlegt sich aufs Spiel - mit den Dingen, den Erinnerungen an die ureigene Sicht der Dinge." Mit Begeisterung zeigt er diese auf Videos, und zwar mittels laut ratternder hornbeinalter Projektoren.
Heute ist das Spielkind aus dem nordenglischen Leicester siebenunddreißig. Die Erwachsenen, die ihm das Bildermachen verleiden wollten, halten den Mund, aber sein Spiel hat die Naivität verloren. Es ist inzwischen durchdrungen von scharfsinnigem Humor, Ironie, Sarkasmus. Er sieht sich wohl als Marcel Duchamps Bruder im Geiste, signalisiert das auch deutlich im Zehlendorfer Haus am Waldsee. Auf den teuren Steinway-Flügel, der da zu allen Jahreszeiten als Seele der Kunsthaus-Konzerte dient, setzte Monk eine "Gazelle", ein rustikales Holland-Rad mit der dicken Bereifung nach oben; kleine Motoren treiben die Räder an, aber die drehen sich in entgegengesetzter Richtung. Der Aufbau spiegelt sich in der schwarzen Lackierung des Flügeldeckels. Aus der komischen Skulptur "Das Rad" Duchamps von 1951 wird ein Viererrad-Paradoxon, das Monk "Stillstand" tauft. Wo nämlich zuviel gedreht und getrieben wird, da dreht sich am Ende gar nichts mehr, könnte der Kommentar der Arbeit lauten.
Und so verspielt und paradox geht es weiter in Monks erster Einzelschau "yesterday today tomorrow etc." in Berlin, der Stadt, wo er seit 1999 lebt. Von Berlin sagt er, es sei groß und gleichzeitig klein und Pankow gibt er den Vorzug. Er denkt sich seine "Kunst-über Kunst"-Arbeiten aus in einer Wohnung, in der sich bis unter die Decke Bücher über Kunst reihen, vor allem über Minimal Art. Und Konzeptkunst der sechziger, siebziger Jahre. Über die weiß Monk alles. Sie ist sein Spielzeug und Produktionsgegenstand. Sie nimmt er auseinander und guckt in ihre Bruchstücke hinein, ehe er was Neues daraus formt. Sein Prinzip ist die Dekonstruktion, und der Grund dafür der Autonomie- und Reinheits-Anspruch jenes Kunststils.
Von diesem produziert Monk komische Nachahmungen und Entsprechungen. Aber nein, er klaut keine bekannten Motive, vielmehr liegt er mit seiner Umdeutung so haarscharf daneben, dass die Altvorderen wundersam beleuchtet werden. Wir erinnern uns ihrer gleich und sofort. So variiert Monk Ed Ruschas berühmte Los-Angeles-Architektur-Fotoserie "Every Building on Sunset Strip", in dem er, entgegen Ruschas Konzept, Häuserlücken, öde Grünflächen, Straßenschäden, die hässlichen Leerstellen des legendären Ortes in körnigem Schwarzweiß fotografierte und "None of the Buildings on Sunset Strip" nennt. Aus Richard Serras autark-strengem Eisenquader macht er einen Spiegelwürfel, in dem die Galeriebesucher ihre Hosenbeine, Rocksäume und Schuhe sehen. So wandelt, ja, konterkariert er den meditativen, fast schon sakralen Anspruch der längst musealisierten Minimal Art zu profanen "laufenden" Bildern. Und wie Kinder in ihrer Neugier alles umkrempeln, so stülpt Monk den berühmten, von innen verspiegelten "Schwarzen Kubus" des Italieners Michelangelo Pistoletto dreist um und lässt diese Minimal-Ikone fortan die Außenwelt reflektieren. Lapidar lehnt er - freche Hommage an Sol Le Witt - an die Treppengeländer weißlackierte Holzgestänge-Skulpturen, diese scheinbar perfekten Geometrien aber orientieren sich nicht an einer "höheren" Ordnung, sie haben, ganz banal, exakt Monks Körpermaße: 1,66 Meter und einen halben Zentimeter misst er vom Scheitel bis zur Sohle. Und eine Alu-Bodenplatte - ähnlich denen, wie man sie von Serra-Platten in Museen kennt - heißt bei Monk ironisch "Me Naked in the Kitchen". Das Gewicht der Platte gibt er an mit 74,95 Kilogramm, das entspricht seinem eigenen Körpergewicht.
"Der Raum über meinem Kopf" heißt eine Arbeit von 2004. Schwarze Kugelkopf-Nadeln stecken voodoomäßig in den Augen anonymer Gesichter auf Fotografien. Die Bilder stammen vom Flohmarkt; Monk hat sie in Höhe seiner eigenen Augen angepinnt. Schon beginnt das dreidimensionale Seherlebnis. Mit der kleinsten Änderung unseres Blickwinkels "bewegen" sich die "Black eyes". Mehr braucht künstlerischer Hintersinn nicht, um auch Reflexionen über Fotografie anzustoßen.
Liebevoll-frech macht Monk sich zu schaffen an der minimalistischen Strenge, am verbissenen Ernst von Mondrian, Ed Ruscha, Lawrence Weiner, Robert Barry, Alighieri Boetti. Und nicht einmal der vergleichsweise viel lockerere Bruce Nauman entkommt ihm. Auf dem Großfoto eines sonnenbeschienenen Canyons im mittleren Westen der USA - es könnten aber genauso die karstigen Gebirge Afghanistans sein - schwebt am unteren Bildrand Naumans unverzichtbarer Cowboy-Hut, ein so minimalistischer wie surrealistischer Verweis. Etwa auf ein fiktives Treffen mit dem Weltstar der heutigen Konzeptkunst? Der Ausgang des Experiments bleibt offen. So offen und fiktiv wie die in Lettern und Zahlen auf die Galeriewände geschriebenen Einladungen zum Treffen auf der New Yorker Freiheitsstatue im Februar 2012, vor dem Löwenkäfig im Londoner Zoo im Mai 2014 oder in Kürze auf der Berliner Siegessäule. Seherisch und wertend fällt die Farbwahl aus: Blau für New York, Orange für London, Grau für Berlin.
Offensichtlich beherrscht Monk so ziemlich alle Rollen, in denen er den kanonisierten Kunststil der späten Moderne seinen eigenen spielerischen Intentionen und persönlichem Umfeld anverwandelt, immer in wechselnder Gestalt, leichthändig, satirisch listig, irgendwie so, wie im Märchen vom "Hasen und Igel". Er ist natürlich der Igel. Und die berühmten Minimalisten und Konzeptkünstler sind die Hasen. In seinem Spiel mit der jüngeren Kunstgeschichte dreht Monk den Lauf der Zeit um: Er ist immer schon vor ihnen da in seiner Steckrüben-Feldfurche, lacht entspannt. Und hat gewonnen. Wieso? Die Antwort überlässt er ganz einfach und auch ganz konsequent dem Betrachter.
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Kollegiale Hommagen
Ausstellung "yesterday today tomorrow etc." Haus am Waldsee, Zehlendorf, Argentinische Allee 30, Kuratorin ist Katja Blomberg. Bis 18. Februar, täglich 10-18 Uhr, montags freier Eintritt.
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Foto: Monk geht für seinen erweiterten Kunstbegriff schon mal auf Bäume.
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Foto: Rad mit Flügel: Jonathan Monk grüßt Marcel Duchamp.