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Die Unerwünschten

Ein slowenisches Dorf vertreibt seine Roma-Familie. Niemand im Land will sie aufnehmen

Norbert Mappes-Niediek

AMBRUS. Die Bürger von Ambrus sind keine Hinterwäldler. "Wir wissen natürlich, wie heikel das Roma-Problem ist und dass ganz Europa sich schwer damit tut", sagt Branko Hocevar, einer ihrer Wortführer. "Aber wir haben uns das Problem nun mal nicht ausgesucht." Und warten, bis die große Welt es löst, konnten sie wirklich nicht. Seit sie ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben, sind die Bürger von Ambrus weit über die Grenzen Sloweniens bekannt geworden. In der Neuen Zürcher Zeitung, im Wiener Standard, selbst in den New York Times waren Artikel über sie zu lesen.

Am 28. Oktober ist die versammelte Bürgerschaft des idyllisch gelegenen Dörfchens erregt und, wie ein neutraler Augenzeuge berichtet, auch erkennbar alkoholisiert zum Anwesen der Familie Strojan gezogen, um sie zu vertreiben. Angerückte Polizei hat die 31 oder 32 Menschen, die dort wohnten, daraufhin in Sicherheit gebracht.

Seit einem Monat nun versuchen die Behörden, für die vier Männer, dreizehn Frauen und vierzehn oder fünfzehn Kinder irgendwo in Slowenien eine neue Bleibe zu finden. Niemand will sie haben. Überall bilden sich spontan "Bürgerwehren", vor denen die Lokalpolitiker dann zurückweichen. Jeden Abend ist das Problem im Fernsehen - in Nachrichten, Reportagen, Diskussionsrunden. Der Premier und zwei seiner Minister sind mit der Angelegenheit befasst.

Am Wochenende wagte eine alte Frau mit einigen Kindern die Rückkehr. Der Rest der Familie Strojan ist im Flüchtlingszentrum der Stadt Postojna untergekommen - einem verkommenen, fast leeren Kasernenbau, eine gute Autostunde von hier, und wartet, dass die Republik Slowenien eine Lösung für die Famlie findet.

Hütten ohne Strom und Wasser

Das Problem, mit dem die Bürger von Ambrus ein für allemal fertig werden wollten, ist offensichtlich wirklich eines. Kommt man mit dem Auto von Ljubljana, tauchen kurz vor dem Dorf, noch im Wald, zur Linken ein paar verlassene Hütten auf, primitive Unterstände ohne Strom und fließendes Wasser, teils schief gemauert, teils von Hand zusammengezimmert. Noch hundert Meter ringsum liegt Abfall verstreut, frischer und vermoderter - leere Flaschen, Kleidung, Autoteile, ein Herd.

"Das ist noch sozusagen der aufgeräumte Zustand", sagt bitter Milan Muhic, ein eleganter Herr aus dem Dorf Ambrus, ein anderer Wortführer. "Jedes Jahr muss die Gemeinde hier Autowracks entsorgen." Die Strojans beschäftigen sich mit Altmetallhandel, sagt ihr Sprecher Mirko (30). Die Hütten, die ohne Baugenehmigung errichtet wurden und für die es seit Jahren einen Abrissbescheid gibt, stehen "genau auf der Quelle, die ganz Ambrus mit Wasser versorgt", sagt der Rentner Muhic. Er zeigt Fotos von einer Müllhalde, seitenlange Eingaben, behördliche Bescheide. "Nichts ist passiert."

"Alle hier hatten Angst vor den Strojans", kann man in Ambrus immer wieder hören. Drei Männer der Familie sitzen zurzeit im Gefängnis. Milan Muhic hat unter seinen Papieren auch einen Bescheid des Jugendgerichts, aus dem das Sündenregister des erst 15-jährigen Bogdan hervorgeht - eine lange Liste von Straftaten, vom Kartoffeldiebstahl bis zum Raub.

Am Nachmittag des 22. Oktober schließlich wollte der 57-jährige Joze Sinkovec aus Ambrus von Ljubljana mit dem Auto nach Hause fahren. Auf der Straße bei dem Roma-Anwesen erwartete ihn eine Barrikade aus Ästen. Sein Sohn, der mit im Auto saß, flüchtete. Joze Sinkovec fand man später schwer verletzt durch eine Prügelei. Er liegt bis heute in der Uni-Klinik von Ljubljana und hat noch kein Wort gesprochen. Ein Mann wurde wegen des Überfalls verhaftet - kein Mitglied der Familie Strojan, sondern ein Slowene, der aber "mit ihnen lebte", wie man hier wissen will. Der Zwischenfall mit dem halbtoten Joze Sinkovec war schon der sechste schwere, sagt Milan Muhic. Auch zu einer Vergewaltigung sei es schon gekommen.

Regional bekannt sind die Zustände in Ambrus schon seit Jahren. Anfangs war es die Linksregierung, die untätig blieb. Das passte den Rechten in den Kram: Premierminister Janez Jansa, damals noch Oppositionsführer, brachte in der Hauptstadt Ljubljana eine Demonstration auf die Beine. Seit er selbst die Macht hat, hat er allerdings nichts unternommen. "Niemand übernimmt hier die Verantwortung", sagt Milan Muhic: "Jeder schiebt es auf den anderen: die Gemeinde auf die Bauaufsicht, die Polizei auf das Gericht."

Populisten nutzen den Fall

Seit dem Marsch vom 28. Oktober ist das Problem der Bürger von Ambrus endgültig große Politik. Das tut ihm nicht gut. Aus dem Strojan-Problem wurde das Roma-Problem. Dem populistischen Premier, meinen seine Gegner, kommt der Fall der Familie Strojan gelegen; er will ihn nicht lösen, sondern nützen. Seine Beschwörungen stehen gegen Appelle zu ethnischer Toleranz. Auf Anfrage, wie es weiter gehen soll, lässt Bildungsminister Milan Zver ausrichten, nun müsse erstmal der Winter abgewartet werden. Später werde man dann schon eine Lösung finden - "im Konsens mit der örtlichen Bevölkerung".

International Alarm geschlagen hat im Fall Ambrus einer von links: Sloweniens Ombudsmann Matjaz Hanzek. Er bemerkte zu Recht, dass es keine "kriminelle Familie" und auch keine kollektiven Sippenstrafen in einem Rechtsstaat geben kann. Aber was jetzt mit der Familie Strojan und ihren Hütten im Wald geschehen soll, weiß Hanzek auch nicht zu sagen. "Das ist nicht mein Problem."

Ambrus ist ein funktionierendes Dorf. Es gibt sogar ein kleines Kulturhaus, und wenn einer stirbt, kommen alle zur Beerdigung. Einen Bürgermeister oder Ortsvorsteher gibt es aber nicht. Für Lösungen waren immer Auswärtige zuständig - die Gemeinde in Ivancna Gora oder gleich die Regierung in der Hauptstadt Ljubljana. "Die Behörden", sagt Milan Muhic, "waren einfach untätig." Alles, was die Bürger von Ambrus tun konnten, war Eingaben schreiben. Jeder hat getan, was ihm zukam. Bis es knallte.

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"Jeder hier schiebt die Verantwortung auf den anderen: die Gemeinde auf die Bauaufsicht, die Polizei auf das Gericht."

Milan Muhic, Dorfbewohner

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Foto: Polizei-Großeinsatz im Dorf Ambrus. Hunderte Einwohner des Ortes hatten die Straße blockiert, um eine Rückkehr der Roma-Familie zu verhindern.