Das hier ist eben Afrika", sagt Henning Mankell schulterzuckend. Er meint die Hitze, die feucht und dampfend im spärlich beleuchteten, leeren Zuschauerraum des Teatro Avenida steht. Von der Straße hört man leise das Rauschen des ersten schweren Gusses der Regenzeit, durch den der Nachmittagsverkehr von Maputo flutet. Groß, in einem losen, blauen Leinenhemd und weiten Hosen, sitzt der schwedische Bestseller-Autor auf einem rot-samtenen Theatersessel und gibt - abwechselnd auf Englisch und Deutsch - Auskunft über sein Leben und seine Arbeit in Mosambik. Es ist der Tag der Premiere von Mankells Drei-Frauen-Stück "Noras Töchter". Zwischendurch steckt Manuela Soeiro, die 60jährige Co-Direktorin des Theaters, mit der Mankell das "Teatro Avenida" seit Mitte der 80er Jahre leitet, kurz den Kopf zur Tür herein. Die beiden wechseln ein paar Worte auf Portugiesisch. Aus der Amateur-Gruppe des Theaters haben Soeiro und Mankell eine Profi-Truppe gemacht, die häufig ins Ausland eingeladen wird und stolz ihr 20-Jahr-Jubiläum feiert. "Ein Teil von mir", sagt Mankell und macht eine ausladende Geste über den Bühnenraum hinweg, "wird immer in diesem Theater sein."
Herr Mankell, sie feierten letzten Monat das zwanzigjährige Jubliäum Ihres Teatro Avenida in Maputo. Sind Sie stolz, wenn Sie auf zwei Jahrzehnte Theaterarbeit in Afrika zurückblicken ?
Am meisten erfüllt es mich mit Stolz, dass das Theater immer noch existiert. Ich halte es für ein ziemliches Wunder, dass das Teatro Avenida als professionelle Bühne zwanzig Jahre überlebt hat, ohne auch nur einen Cent von der mosambikanischen Regierung bekommen zu haben. Natürlich hat die Regierung kein Geld. Wir konnten also auch gar nicht mit Unterstützung rechnen. Wir haben überlebt, weil die Leute das, was wir hier tun, mögen. Außerdem haben wir in all diesen Jahren bewiesen, dass auch die Menschen eines sehr armen Landes eine sehr reiche Kultur hervorbringen können. Das ist sehr wichtig. Und dann ist da noch etwas: Wenn ich heute auf die Straße hinausginge und von einem Auto überfahren würde, würde sich hier nicht das Geringste ändern. Auch das macht mich stolz: Ich werde nicht gebraucht, die Theaterarbeit ist nicht von mir abhängig.
Welche Funktion erfüllt ein Theater in einem Land wie Mosambik?
Der Hauptunterschied zwischen einem Theater in Deutschland und dem Teatro Avenida ist, dass in Mosambik vermutlich 75 Prozent des Publikums weder lesen noch schreiben können. Das bedeutet, dass ein lebendiges Theater hier eine der ganz wenigen Möglichkeiten für die Menschen ist, ihr eigenes Leben künstlerisch gestaltet zu sehen. Deshalb können wir es uns auch nicht erlauben, mit formalen Experimenten und Ästhetisierungen zu arbeiten. Wir müssen akzeptieren, dass wir Themen aufgreifen müssen, die für die Menschen wichtig sind. Wir hätten die schauspielerischen und künstlerischen Kapazitäten, "Hamlet" zur Aufführung zu bringen. Aber wir haben uns dagegen entschieden, weil wir vorläufig andere Stücke wichtiger finden.
Das Stück, das Sie zum Jubiläum des Teatro Avenida geschrieben haben, heißt "Noras Töchter". Was ist das Wichtige, das darin erzählt wird?
Es ist ein Stück über drei Frauen. Symbolisch ist es bedeutsam, dass wir uns entschieden haben, das Jubiläum mit einem Stück über und mit Frauen zu begehen. Die Zukunft Mosambiks genauso wie die Zukunft des ganzen afrikanischen Kontinents hängt vor allem auch davon ab, ob es gelingt, die Situation der Frauen zu verbessern. Afrikanische Frauen tragen eine enorme Verantwortung, gleichzeitig besitzen sie wenig Einfluss. Das ist ein krasses Missverhältnis. Das Stück heißt "Noras Töchter", nach der Hauptfigur von Henrik Ibsens Stück "Ein Puppenhaus". Darin treffen sich Noras drei Töchter an ihrem Grab und beginnen dort, über ihre Leben zu sprechen, die sich enorm voneinander unterscheiden.
Die Fortsetzung eines Emanzipationsstückes 130 Jahre nach Ibsen?
Genau darum geht es: Dass sich Frauen heute immer noch - vor allem in Afrika - an denselben Problemen abarbeiten, über die Ibsen 1879 geschrieben hat. "Nora oder Ein Puppenhaus" war damals ein riesiger Skandal, weil es eine Frau zeigt, die ihre Familie verlässt, um ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu führen. Es ist ein ungeheuer feministisches Stück. "Noras Töchter" fragt nach der heutigen Situation von Frauen in einem Land wie Mosambik. Vieles, wovon Ibsen sprach, ist immer noch Teil der Gegenwart von Frauenleben in diesem Lande. Ich muss schon zugeben, dass ich manchmal sehr zornig werde, wenn ich über europäische Feministinnen nachdenke. Zwar haben sie in Sachen Frauenrechte in Europa auch noch genug zu tun, aber manchmal könnten sie trotzdem über den Tellerrand schauen und sich für die Bedürfnisse ihrer afrikanischen Schwestern einsetzen. Ich bin in Mosambik in zwanzig Jahren noch keiner einzigen europäischen Feministin begegnet, die hier gearbeitet hätte. Das spricht für sich.
Was muss passieren, um die Position von Frauen in den afrikanischen Gesellschaften nachhaltig zu verbessern?
Man muss viele Dinge gleichzeitig tun. Ein sehr, sehr starker Impuls für Frauen sind Mikro-Kredite. Es gibt so viele Frauen in Afrika, auch hier in Maputo, die vielleicht 200 oder maximal 1000 Dollar bräuchten, um einen kleinen Karren zu kaufen, mit dem sie Gemüse zum Markt transportieren und sich so besser selbst erhalten könnten. Hätten sie diese 1000 Dollar, könnten sie ein Mini-Unternehmen aufbauen, das in weiterer Folge Arbeit für andere brächte. Was sind schon 1000 Dollar? Gingen sie aber zu einer Bank, würde die sagen: Solche Summen verleihen wir nicht. Mikro-Kredite sind also besonders wichtig. Zweitens muss die hohe Analphabetismus-Rate unter Frauen bekämpft und drittens der Kampf gegen die rechtliche Benachteiligung von Frauen in vielen afrikanischen Staaten fortgesetzt werden. Wenn zum Beispiel hier in Mosambik ein Mann stirbt, kann dessen Bruder oder Vater der Frau des Verstorbenen das Haus wegnehmen. Mit diesen Themen muss man sich auseinandersetzen. Wenn ich mich allerdings auf eine einzige Maßnahme als die wichtigste beschränken müsste, würde ich mich für die Mikro-Kredite entscheiden. Deswegen habe ich mich auch so über den diesjährigen Friedensnobelpreisträger gefreut. Das hat große Signalwirkung. Wir alle wissen: Ohne wirtschaftliche Macht ist es besonders für Frauen sehr schwierig, sich in anderen Lebensbereichen zu entwickeln.
Sie weisen oft darauf hin, dass die Stärkung von Frauen vor allem im Kampf gegen AIDS eine große Rolle spielt. Inwiefern?
Das berührt eines der Grundanliegen des Feminismus: das Recht der Frauen auf ihren eigenen Körper. Viele Frauen besitzen dieses Recht nicht und können sich deswegen auch sehr viel schlechter gegen eine Infektion mit HIV schützen. Die Ehemänner gehen zu anderen Frauen und kommen dann nach Hause zu ihren Ehefrauen, die nicht das Recht haben, sich zu verweigern. Normalerweise gesteht man ihnen nicht einmal zu, dass sie ihre Männer auffordern, Kondome zu verwenden. In Mosambik ist es sogar heute noch so, dass jungen Frauen vor der Heirat gesagt wird, die erste Regel fürs Eheleben laute, sich dem Mann jederzeit hinzugeben.
Das internationale Bild von Mosambik ist sehr zwiespältig: Einerseits ist es eines der ärmsten Länder der Welt, andererseits wird es in den letzten Jahren immer wieder als Paradebeispiel für den Erfolg von Entwicklungszusammenarbeit genannt und für sein jährliches Wirtschaftswachstum von fast 10 Prozent gelobt. Wie erklärt sich dieser Widerspruch?
Richtiger müsste es heißen: Mosambik ist kein armes Land, sondern wurde während der portugiesischen Kolonialzeit zu einem armen Land gemacht. Das ist ein großer Unterschied. Mosambik hat ungeheure Ressourcen: 2500 Kilometer unberührter Sandstrände, hervorragende Fischgründe, ein gutes Klima, Bodenschätze. Als das Land 1975 die Unabhängigkeit von Portugal erlangte, hatten genau acht Mosambikaner einen Universitätsabschluss. Wenn sich also heute Europäer beschweren, macht mich das zornig: Verstehen sie nicht, dass es ein Wunder ist, dass es überhaupt irgendwie funktioniert? Das Land musste bei Null beginnen. Mosambik kann ein sehr wohlhabendes Land sein - wenn Frieden herrscht, und derzeit scheint mir absolut kein Risiko für einen weiteren Bürgerkrieg zu bestehen. Die Leute haben angefangen, ihre Häuser zu streichen. Ich denke, das bedeutet, dass sie nach 30 Jahren Bürgerkrieg begonnen haben, an den Frieden zu glauben. Andererseits sollten wir nicht zu früh "Hurra!" schreien. In der Zeit, in der sich die Vereinten Nationen in Mosambik besonders engagiert haben, haben sie eine Million Dollar pro Tag ins Land gepumpt. Das zeitigt natürlich Wachstum. Aber davon profitieren nur wenige. Für sie haben die letzten eineinhalb Jahrzehnte seit Ende des Bürgerkriegs einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufstieg gebracht. Die breite Masse hat davon noch nicht viel mitbekommen. Das Geld wird nicht umverteilt. Im Gegenteil: Nur zwei, drei Kilometer von Maputo entfernt hungern Menschen. Man muss also sehr vorsichtig sein, wenn man über den wirtschaftlichen Erfolg von Mosambik spricht.
Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang die internationalen Geber-Länder und die Entwicklungszusammenarbeit?
Es ist wichtig, sich eines vor Augen zu halten: Wir glauben, dass das, was wir geben, ungeheuer viel ist. Das ist es nicht. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Seit dem Fall der Berliner Mauer 1989 hat Westdeutschland ziemlich viel Geld in die frühere DDR gepumpt. Die Summe dieser Gelder ist insgesamt höher als alles, was ganz Europa im selben Zeitraum in alle afrikanischen Länder transferiert hat. Wir müssen verstehen, dass das, was wir damit erreichen können, begrenzt ist, und uns fragen, wie wir es am besten einsetzen. Natürlich soll das Geld, das wir an Afrika geben, dazu dienen, Prozesse wirtschaftlichen Wachstums in Gang zu setzen - genau das, was Mikro-Kredite tun. Außerdem braucht es grundlegende Industrialisierungsmaßnahmen. Es geht darum, die Menschen in Afrika zu ermächtigen, Grundlegendes selbst zu produzieren, anstatt es importieren zu müssen. Außerdem müssen wir in Bildung investieren. Und dann gibt es noch einen wichtigen Punkt: die Korruption. Hier herrscht ungeheure Heuchelei. Wenn man über Korruption spricht, spricht man über zwei Paar Hände - eines, das das Geld nimmt, und eines, das es gibt. Wie viele deutsche, schwedische oder österreichische Firmen sind nicht bereit, Bestechungsgelder anzubieten? Wir reden immer nur über die korrupten Afrikaner. Ja! Viele sind enorm korrupt, in Mosambik ist das Korruptionsproblem zum Beispiel enorm. Aber wir müssen auch darüber sprechen, woher die Bestechungsgelder kommen. Sie kommen von uns.
Was halten Sie von den Aktivitäten der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds?
Ich stehe beiden sehr, sehr kritisch gegenüber. Die Weltbank hat zum Beispiel die einzige funktionierende Industrie in Mosambik zerstört - die Cashew-Nuss-Industrie. Damals war ich so zornig, dass ich sogar geschrieben habe, dass die Weltbank Menschen umbringt, weil so viele ihre Arbeit verloren haben. Außerdem war die Weltbank der Ansicht, man solle weniger Geld in den öffentlichen Sektor stecken, was bedeutet hat, dass es weniger Krankenschwestern gab, was wiederum hieß, dass mehr Kinder sterben. Ich meine also tatsächlich, dass die Politik der Weltbank und des IWF Menschen getötet hat. Heute scheinen sie ein bisschen besser zu verstehen, worum es eigentlich geht, aber ich bin sehr glücklich, dass ich nie für Weltbank oder IWF gearbeitet habe, denn sehr oft hätte ich mich dafür geschämt. Das sind harte Worte, aber ich stehe zu ihnen.
Ist Ihr Zorn die Inspiration für Ihre Afrika-Romane?
Mankell: Der Zorn ist oft mein Motor. Wir leben in einer schrecklichen Welt. Das ist das einzige, dessen wir uns wirklich sicher sein können, wenn wir am Morgen aufwachen. Und das Schrecklichste an dieser Welt ist, dass viele ihrer Schrecklichkeiten vollkommen unnötig und vermeidbar sind. Es ist eine Schande. Es gibt so viele Probleme und Leiden, die wir schon gestern gelöst haben könnten. Aber wir tun es nicht. Ich gebe Ihnen nur ein Beispiel: In dieser Sekunde stirbt irgendwo, vielleicht sogar hier in Maputo, ein Kind an Malaria. Das muss nicht sein. Wir verfügen über alle Möglichkeiten, das zu vermeiden, aber wir nützen sie nicht. Einfach, weil die großen Pharma-Firmen mit der Malaria-Bekämpfung in Afrika nicht genug Geld verdienen. Wenn man sich das überlegt, dann hinterlässt es einen schlechten Geschmack wie von Zigarettenasche im Mund. Natürlich macht mich das zornig! Und ich hoffe, dass es Sie auch zornig macht! Wir tun nicht alles, was wir tun könnten. Das gilt vor allem für AIDS. Es scheint diesbezüglich zwei Gesetze zu geben: Erstens: Was wir auch gegen AIDS tun, wir tun es immer zu spät. Und zweitens: Was immer wir auch tun, wir könnten immer noch mehr machen. Das fasst die Situation, in der wir uns heute befinden, ziemlich gut zusammen. In Europa sprechen die Leute immer noch von "wir" und "die". Die sterben, wir nicht. Aber wir müssen verstehen, dass es uns auch betrifft. Wenn ich möchte, dass meine Kinder eine bessere Zukunft haben, dann muss ich dafür sorgen, dass afrikanische Kinder eine bessere Zukunft haben. Passiert das nämlich nicht, wird überhaupt niemand eine Zukunft haben.
Glauben Sie, dass Ihre Afrika-Romane den Blick Ihrer europäischen Leser auf Afrika beeinflussen können?
Ich glaube nicht, dass ein Buch, das ich oder irgendjemand anderer schreibt, direkten Einfluss haben könnte. Ich möchte es umdrehen und sagen: Ohne Kultur kann man nichts ändern. So sehe ich es.
Aber Sie nützen Ihren Ruhm dazu, das Scheinwerferlicht auf Afrika zu lenken.
Ja, das tue ich. Und man hört mir zu. Im Januar werde ich zum Beispiel mit dem deutschen Bundespräsidenten Köhler nach Ghana reisen. Er hat mich zu einem Meeting mit dem südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki und UNO-Generalsekretär Kofi Annan eingeladen. Ich finde also Zuhörer, wenn ich spreche. Und sprechen werde ich, solange ich die Kraft dazu habe.
Sie sind ein reicher Mann, der sehr viel Geld verdient. Was ist der Impetus Ihres Engagements für die Armen Afrikas?
Ich verdiene sehr viel Geld. Das ist wahr - und es ist gut so. Auf diese Weise kann ich viel davon weggeben. Es ist kein Geheimnis, dass ich viel Geld ins Teatro Avenida und andere Theater, Projekte und Menschen stecke. Ich finde es besser, dass ich es bin, der so viel Geld verdient und nicht andere Leute, die sich dafür einen Maserati kaufen. Ich gebe mein Geld weg. Ich lebe ein einfaches Leben - besonders hier in Maputo. Im Moment suche ich eine neue Wohnung, ein einfaches Drei-Zimmer-Apartment im Zentrum. Wenn man in einem armen Land lebt, sollte man ein anständiges, einfaches Leben führen. Ich möchte nicht, dass meine mosambikanischen Freunde, nachdem sie bei mir zu Gast waren, sich schämen, mich in ihre Wohnungen einzuladen.
Haben Sie immer so gedacht wie heute?
Ich bin im Norden Schwedens aufgewachsen. Ende der 50er Jahre, als ich ungefähr zehn Jahre alt war, gab es dort noch eine ziemlich sichtbare Armut. Daran erinnere ich mich sehr gut. Außerdem bin ich ein Kind der 68-er Generation. Ich halte noch immer an deren Prinzip der Solidarität als bestmöglichem politischem Prinzip fest. Daran werde ich festhalten, bis ich sterbe. Ich glaube heute immer noch, wovon ich schon als junger Mann überzeugt war.
Warum steht gerade Afrika im Zentrum Ihres Engagements?
Als sehr junger Autor hatte ich das Bedürfnis, die Welt von außerhalb eines eurozentrischen Blickwinkels zu sehen. Das hätte mich genauso gut nach Südamerika oder Südostasien bringen können, aber es hat mich immer nach Afrika gezogen. Vielleicht, weil hier die Wurzeln der menschlichen Rasse liegen. Vor langer Zeit waren wir alle Afrikaner, unser aller Urahnen waren irgendwann schwarz. Es hat mich interessiert, zur Wiege der Menschheit zu gehen, auf den afrikanischen Kontinent. Eine andere Antwort habe ich nicht. Ich bin hergekommen und geblieben.
Wie hat Sie die afrikanische Erfahrung beeinflusst?
Da ist einmal die Art, Geschichten zu erzählen. Die europäische Tradition des Geschichten-Erzählens führt chronologisch vom Anfang zum Ende. In Afrika werden Geschichten auf vielerlei Weise erzählt: Eine Geschichte kann mit ihrem Ende beginnen, von dort zu einem Traum springen und zurück in die Wirklichkeit. Das hat mich sehr geprägt.
In Ihrem Schreiben?
Ja, aber auch in meinem generellen Blick auf Literatur und Kunst. Auf einer viel persönlicheren Ebene hat mich Afrika gelehrt, dass wir alle gleich sind. Wir sind eine Familie. Wir reagieren auf die gleichen Impulse. Es gibt allerdings bestimmte Aspekte afrikanischer Kultur, die wir im Westen verloren haben. Dazu gehört der Zugang zum Tod. Wir glauben, dass der Tod etwas fürs Krankenhaus ist und nichts mit dem Leben zu tun hat. Afrikaner haben Respekt vor dem Leben, weil sie den Tod akzeptieren. Damit einher geht ihr Respekt vor älteren Menschen. Dass dieser in Europa verloren gegangen ist, ist eine schreckliche Sache.
In Ihrem neuen Afrika-Buch "Die flüsternden Seelen", das im Februar erscheint, setzen Sie viele der erwähnten Erfahrungen um.
Es erzählt von Dingen, zu denen ich hier in Afrika zurückgefunden habe. Etwas, das Afrika mir gegeben hat, ist, dass ich keine Angst mehr vorm Sterben habe. Lange Zeit in meinem Leben habe ich sehr stark unter dieser Angst gelitten. Nach all den Jahren in Afrika ist sie plötzlich verschwunden. Ich betrachte es inzwischen als akzeptable Alternative, nach meinem Tod ein Geist zu werden. Ich glaube nicht an Wiedergeburt oder ein Leben nach dem Tod. Ein Geist zu sein bedeutet nichts anderes, als in den Gedanken anderer Menschen weiterzuleben. Mein Geist wird immer in diesem Theater sein. Das ist ein großer persönlicher Gewinn, den ich Afrika zu verdanken habe.
Ist es angesichts solcher Erfahrungen nicht überraschend, dass Sie ausgerechnet hier in Afrika eine Krimi-Reihe rund um einen schwedischen Kommissar namens Kurt Wallander erfunden haben?
Genauso schreibe ich afrikanische Geschichten in Schweden. Ich wollte immer auf einem möglichst breiten Feld arbeiten. Deshalb erzähle ich viele Arten von Geschichten und schreibe auch noch alle möglichen journalistischen Texte. Ich schreibe für deutsche Zeitungen, für den britischen "Guardian" und habe eine Kolumne in einer norwegischen Zeitung. Ich spiele mit diesen verschiedenen Arten des Schreibens. Sie arbeiten einander in die Hände. Alle meine Bücher haben für mich denselben Wert, keines behandle ich stiefmütterlich.
Es gibt für Sie also keinen Unterschied zwischen dem Schreiben eines Schweden-Krimis und dem Schreiben eines Afrika-Romans?
Nein, ich habe bei beidem dieselben Schwierigkeiten, ich brauche für beides dieselbe Konzentration. Außerdem geht es natürlich auch in meinen Krimis um gesellschaftliche Fragen. Man könnte sagen, dass ich in meinen Büchern in Wirklichkeit immer und immer wieder dieselbe Geschichte erzähle: Ich spreche von der Gesellschaft, die ich mir anders wünsche.
Fällt Ihnen das Schreiben leicht?
Bisher hatte ich noch nie eine ernste Schaffenskrise. Sollte eine solche aber einmal über mich hereinbrechen, werde ich um mein Leben fürchten, weil Kreativität der rote Faden meiner Existenz ist. Es gibt irgendwo einen kleinen Vogel, einen Kolibri, der mir als Symbol dient. Vom ersten Tag seines Lebens an muss er fliegen und in der Luft bleiben. Setzt er sich auf einen Ast, dann stirbt er. Ich fühle mich wie dieser Vogel. Meine Kreativität dient mir als Flügel, und ich fliege und fliege, bis ich mich eines Tages hinsetze. Dann wird es vorbei sein.
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Henning Mankell
Foto: Geboren 1948 im nordschwedischen Härjedalen, begann er seine Karriere als Theaterregisseur und -autor.
Die erste Afrikareise, der viele folgten, unternahm Mankell im Jahr 1972.
Mit der Figur des kratzbürstigen südschwedischen Kommissars Kurt Wallander schuf Mankell einen der international erfolgreichsten und beliebtesten Krimi-Serien-Helden aller Zeiten. Die neun Wallander-Romane und eine Reihe weiterer sozialkritischer Krimis und Thriller ("Die Rückkehr des Tanzlehrers", 2002, "Vor dem Frost", 2003), von denen einige bereits verfilmt worden sind, bescherten Mankell ab den 1990er-Jahren ein Millionenpublikum.
In seinen letzten Büchern - u. a. "Kennedys Hirn" (2006), "Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt" (2004) - widmet sich Mankell der Kultur und Geschichte seiner Wahlheimat Afrika und dem Kampf gegen AIDS, Armut und politische Willkür. Sein nächster Afrika-Roman, "Die flüsternden Seelen", wird Anfang Februar nächsten Jahres im Wiener Zsolnay Verlag auf Deutsch erscheinen.
Mankell, der in dritter Ehe mit Eva Bergman, der Tochter von Ingmar Bergman, verheiratet ist, lebt abwechselnd in Schweden und in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo, wo er seit Mitte der 1980er-Jahre am Aufbau des "Teatro Avenida" beteiligt ist. Dieser Tage feiert das Theater mit Mankells Emanzipationsstück "Noras Töchter" sein Zwanzigjahr-Jubiläum.
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Foto: Henning Mankell in Mosambik. Er lebt abwechselnd in Maputo und in Schweden.
Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell über seine Theaterarbeit in Mosambik, die Rolle von Frauen in der afrikanischen Gesellschaft, Zorn als Motor seines Schreibens und die Frage, wie Afrika sein Leben und Arbeiten beeinflusst hat