Der Eindruck trügt gewaltig. Von einer "Ausweglosigkeit, Resignation dieser Menschen in der sozialistischen Gesellschaft" schrieb ein Stasi-Spitzel 1981 über die Kunstaktion der Gruppe "Clara Mosch" in Gallenthin. Über viele Seiten ist in der Akte aufgelistet, wer dabei war bei der Kunstaktion im kleinen Dorf in Mecklenburg. Es waren Künstler aus der Region Karl-Marx-Stadt: Carlfriedrich Claus, Thomas Ranft, Dagmar Ranft-Schinke, Michael Morgner und Gregor-Torsten Schade-Kozik. Sie hatten die ersten Buchstaben ihrer Nachnamen zum Logo ihrer Vereinigung gefügt.
In dem schon vergilbten Stasi-Bericht stehen auch die Namen Christa und Gerhard Wolf. Die Schriftstellerin hatte in Gallenthin zwei Versionen des Anfangs ihrer Erzählung "Kassandra" zur Diskussion gestellt.
"Die Kunstaktion", sagt Janus-Press-Verleger Gerhard Wolf heute, "war der Höhepunkt der Freundschaft mit den Clara-Mosch-Künstlern, die seitdem nicht abriss." Ab Mitte der 1970er-Jahre knüpften er und seine Frau enge Verbindungen, in vielen Fällen sogar Freundschaften mit jungen Malern, Grafikern und Bildhauer, die sich nicht resignierend dem Diktat des allgemein verbindlichen Sozialistischen Realismus unterwerfen wollten, sich vielmehr mit ihren Werken dagegen auflehnten. Die Wolfs trugen mit Schenkungen der Künstler und "Stützungskäufen" über Jahre eine bedeutende Sammlung zusammen. Unter dem Titel "Im Malstrom subversiver Bilder" ist eine Auswahl der Bilder, Grafiken und Künstlerbücher aus der Protestszene der DDR in der von beiden mitgegründeten Pankower Galerie Forum Amalienpark zu sehen.
Mit einer eigenen unabhängigen Produzentengalerie und spektakulären Performances wagten die Künstler der Clara Mosch von 1977 bis 1982 im damaligen Karl-Marx-Stadt und heutigen Chemnitz den Ausstieg aus dem engen Korsett des Sozialistischen Realismus. Vor allem mit dem Annaberger Grafiker-Philosophen Carlfriedrich Claus verband Gerhard Wolf eine enge Freundschaft. In kaum zu entziffernden Sprachschlangen strichelte Claus mit der Feder Sätze auf Transparentpapier, einen Fluss aus Zeichen, Gedankenstrukturen, grafischen Gebilden. Eine Reihe seiner "Sprachblätter" sind in der Ausstellung zu sehen, etwa "Schweigen - mein Protest zu Prag August 1968". Wie in einem Strudel werden die Buchstabenströme darauf in ein schwarzes Loch eingesogen, werfen davor Wellen, bäumen sich auf
Claus war der Mentor der Clara-Mosch-Gruppe, deren Aktion vor 25 Jahren im Kinderferienlager des VEB Schweinezucht Losten in Gallenthin auch zum Zentrum der Schau wird. Neben erwähnter Stasi-Akte sind Fotos von der Aktion, die von den Künstlern "Pleinair" genannt wurde, zu sehen. So auch Michael Morgners Grafiken nach einer Videoaufzeichnung des "Pleinairs" Unter dem Titel "M. überschreitet den See bei Gallenthin II" lässt Morgner einen Mann - in Rückenansicht und mit ausgebreiteten Armen - sich in einen Fleck hineinwerfen, dass es über den Bildrand hinaus nur so spritzt. Daneben berichten Thomas Ranfts surrealistische Blätter von "Gallenthin 1981".
Neben Berliner und Dresdner Malern wie Manfred Butzmann, Martin Hoffmann und Angela Hampel, die in ihrer Lithografie "Komm, Kassandra" 1984 Christa Wolfs Titelheldin als Punkerin interpretiert, zeigt Wolf Werke der Gruppe "Malstrom": Farbholzschnitte von Ralf Kerbach, Helge Leibergs Illustrationen zu Texten von Bert Papenfuß und Bernd Theilmann und Cornelia Schleimes Selbstporträts. Sie alle hatten an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert, konnten aber mit dem dort vorherrschenden Realismus "nicht Gleichschritt halten", wie Helge Leiberg es ausdrückte. Von 1980 bis 1985 siedelten sie nach und nach von Prenzlauer Berg nach Westberlin über, wo sie 1986 im Haus am Waldsee mit der Ausstellung "Malstrom" für Aufsehen sorgten. Es war ihre Flucht vor der Resignation in der sozialistischen Gesellschaft.
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Die Wolfs und die Kunst
Die Ausstellung "Im Malstrom subversiver Bilder" ist bis 13. Januar in der Galerie Forum Amalienpark, Breite Str. 2, Pankow zu sehen. Di-Fr 14-18.30 Uhr, Sa 11 -16 Uhr.
Parallel dazu zeigt Gerhard Wolf eine Sammlung von Kinderbüchern, Publikationen aus der gemeinsamen Produktion von Autoren und Malern sowie im Eigenverlag hergestellte Zeitschriften im Archiv-Kabinett der Akademie der Künste, Pariser Platz 4. Di-So 11-20 Uhr
Im Literaturforum Brechthaus, Chausseestraße 125, stellt Wolf am 12.Dezember, 20 Uhr, Texte und einen Super-8-Film des Künstlers flanzendörfer vor. Am 13. Januar, 19 Uhr, lesen Thomas Günther und Uwe Warnke im Gartenhaus Amalienpark.
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"Die Bilder sind und bleiben Merk-Mal einer Zeit, die unvermeidbar auf den Herbst 1989 zulief." Gerhard Wolf
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Foto: Helge Leibergs "Toten Tanz Turm", Lithografie von 1994