Wer dieser Tage ins Kino geht oder den Fernseher anstellt, wandelt fast unweigerlich auf seinen Spuren. Otto Premingers "Faustrecht der Großstadt" nimmt die moralische Doppelbödigkeit von Martin Scorseses "The Departed" um mehr als ein halbes Jahrhundert vorweg: Beide Filme basieren auf der Spiegelbildlichkeit von Polizist und Verbrecher; in beiden muss ein Cop einen Verdächtigen jagen, von dem nur er weiß, dass er selbst es ist. In Tony Scotts "Déjà Vu" (ab 27.12. im Kino) verliebt sich ein Polizist in ein Mordopfer, so wie es einst Dana Andrews in Premingers "Laura" tat. Und die These, aus der "Boston Legal" Woche für Woche burleskes Kapital schlägt - dass die US-Justiz nur ein Spielfeld von Manipulation und Showtalent ist -, wäre ohne Premingers "Anatomie eines Mordes" unvorstellbar.
Otto Preminger besaß ein sicheres Gespür für originelle und tragfähige Dramaturgien. Seine Filme gingen eine Wette mit der Fortschrittlichkeit ein; sie wagten es, das Unsagbare und Unzeigbare auf die Leinwand zu bringen. Als einer der ersten Hollywoodregisseure setzte sich Preminger mit der Psychoanalyse auseinander ("Whirl Pool", 1949). Mit beispielloser Anschaulichkeit griff er kontroverse Themen auf, etwa die Drogensucht in "Der Mann mit dem goldenen Arm", und in "Bonjour Tristesse" und "Bunny Lake ist verschwunden" untersuchte er inzestuöse Beziehungen. "Carmen Jones" konfrontierte das Publikum 1954 mit einer Liebesgeschichte unter Schwarzen, die von ungekannter Sinnlichkeit war.
Preminger wusste die Zeichen der Zeit zu lesen. Als das Anti-Trust-Gesetz die Hollywoodmajors zwang, sich von ihren Kinoketten zu trennen, sah er das Ende des Studiosystems voraus und fing an, als unabhängiger Produzent zu arbeiten. Die Komödie "Wolken sind überall" war 1953 der erste Film, der ohne ein Siegel der freiwilligen Selbstkontrolle der Filmindustrie in die Kinos kam - die Zensoren hatten den Gebrauch der Worte "Jungfrau" und "schwanger" bemängelt. Als er 1960 darauf bestand, den Namen des Drehbuchautors Dalton Trumbo im Vorspann von "Exodus" zu nennen, läutete Preminger das Ende der Schwarzen Liste ein. Und er kalkulierte mit der Publicity, die ihm diese Tabubrüche einbrachten: In den 1950ern und 6oern war Otto Preminger neben Alfred Hitchcock der einzige Regisseur, dessen Gesicht weltweit bekannt war - nicht zuletzt, weil er in den Vorschauen seiner Filme oft selbst auftrat, um die Zuschauer mit deren brisanter Geschichte vertraut zu machen. Die avantgardistischen Plakate und Vorspanne, die Saul Bass für ihn gestaltete, wurden sein unverwechselbares Markenzeichen. Augenblicklich wusste man, dass einen ein Preminger-Film erwartete.
Otto Preminger hatte als Schauspieler in Wien debütiert, trat dann dem Ensemble Max Reinhards bei, avancierte bald zum Regisseur und leitete später das Theater in der Josefstadt. 1931 inszenierte er einen ersten Kinofilm ("Die große Liebe") und folgte vier Jahre später einer Einladung der 20th Century Fox nach Hollywood. Mit den Melodramen und Thrillern, die er in den 1940ern bei der Fox drehte, fand er zu seiner Handschrift. Betont nüchtern, ohne Hysterie und Emphase, erzählt er von der Inbesitznahme des Individuums durch eine Idee, Obsession, ein Trauma, einen anderen Menschen. Seine Vorliebe für Gerichtsszenen wird gern auf seine Biografie zurückgeführt, denn sein Vater war Staatsanwalt, und er selbst hat Jura studiert.
Premingers Filme beschreiben skeptische Wahrheitssuchen, die er mit staunenswerter Objektivität vorantreibt. Immer wägt er die Gesamtheit der Argumente ab. So ist der Zuschauer gezwungen, seinen eigenen Standpunkt zu überprüfen. Oft münden Premingers Filme im Zweifel und halten sich die Möglichkeit offen, in Berufung zu gehen. Diese Philosophie des erweiterten Blicks führte ihn Ende der 1950er zu einer geradezu systematischen Untersuchung gesellschaftlicher Institutionen: der Justiz ("Anatomie eines Mordes"), der Legislative ("Sturm über Washington"), der Kirche ("Der Kardinal") und des Militärs ("Erster Sieg"). Sein größter Kassenerfolg, "Exodus", schildert die Staatswerdung Israels. Preminger hat diese Filme als intimistische Epen angelegt, mithin als inszenatorischen Balanceakt. In seinen ausgreifenden, akrobatischen Plansequenzen verschieben sich die Perspektiven, ohne dass er die Szenen konventionell in Schuss-Gegenschuss-Folgen auflösen muss. - Schon im Normalformat gelang ihm ein komplexes Zusammenspiel von Figuren und Dekorum. Aber die Einführung des CinemaScope-Formats gestattete es ihm, Konflikte in einer einzigen Einstellung auszutragen - im Nebeneinander von Aktion und Reaktion, in der heiklen Koexistenz individueller Wahrheiten. Seine Inszenierung basiert auf einem funktionierenden System der "Checks and Balances". Otto Preminger war ein demokratischer Regisseur.
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Foto: Der amerikanische Schauspieler, Produzent und Filmregisseur Otto Preminger (geb. 1906 in Wien, gest. 1986 in New York). Dieses Bild ist aus dem Jahr 1979.