Kunst ist nicht nur schön. Kunst ist auch Zumutung - wenn sie einfach zeigt, was ist. Den Körper des Menschen. Fleisch und Blut, Schweiß und Tränen. Innen und Außen, Triebe und Exzesse. Seine Exkremente und Körperflüssigkeiten. Sein Werden und Vergehen.
Ganz dem Körperlichen und seinen natürlichen wie pathologischen Prozessen, dem Banalen wie dem Exzessiven, dem Direkten wie dem Symbolischen widmet sich diese aus dem New Yorker P.S.1 kommende Schau "Into Me/Out of Me". Fast sechzig Jahre internationaler Kunstgeschichte, vornehmlich die der Körperperformance, hat KunstWerke-Gründer Klaus Biesenbach, heute Kurator der Film- und Medienabteilung des New Yorker MoMA, durchforstet und 350 Arbeiten von 130 Künstlern - darunter viel Avantgarde - ausgewählt.
Heute Abend ist Eröffnung, und zuvor sei gesagt, dass alle Warnungen stark übertrieben waren, wenn es hieß, man solle den Rundgang lieber mit nicht mehr als drei Zwieback und einer Tasse Kamillentee im Magen beginnen, wegen der Reizungen. Die Ausstellung ist ganz gut auszuhalten, schließlich wird doch gerade im Berliner Kunstbetrieb, der dem Tierblut-Theater des Wiener Aktionisten Hermann Nitsch bald eine Retrospektive beschert, nach Erlebnistiefe, spirituellem Exzess, Katharsis gerufen.
Freilich sind viele Bilder, Skulpturen, Fotos, Installationen, Videos dieser In-mir/Aus-mir-heraus-Schau bedrängend, beunruhigend, schockierend. Teresa Margolles aus Mexiko etwa arbeitet mit Spuren von Toten: Wasser von Leichenwaschungen, Blutspuren, Fettablagerungen. Und doch wirken ihre Installationen schwerelos. Der Italiener Piero Manzoni hat 1961, noch vor seinem Tod, seinen eigenen Kot in 90 durchnummerierte Blechbüchsen verlötet und gegen Gold aufwiegen lassen. Eine der wenigen "Künstlerscheiße"-Dosen, die noch nicht in ihren Sammlervitrinen explodiert sind, steht jetzt in Berlin. Ganz harmlos und ironisch als Ready-made im Geiste Duchamps.
Aber oben im vierten Stock, in einem Video - da frisst und erbricht der Aktionist Otmar Bauer seinen eigenen Kot, der Film stammt aus dem Jahr 1969. Bis dahin haben die Körperperformer noch richtig ernst gemacht. Da waren Schock, Ekel, gefährliche Selbstverletzung noch interaktiver Teil der Happenings. Marina Abramovic tauscht in "Breathing in/Breathing out" (1977) mit ihrem Partner Ulay Atemluft aus bis zur Ohnmacht, bis aller Sauerstoff aus beiden gewichen ist. Die Nasenlöcher hatten sie vorher mit Zigarettenfiltern verschlossen. So wird das Physische überspitzt bis zum Existenzialistischen, der eigene Körper, der des Partners wird Material.
Später, ab Mitte der Siebziger, geriet das künstlerische Hand-an-sich-Legen dann symbolischer. Blut ist seither meist nur noch Farbe, es sei denn, es geht ums Filmen einer Geburt. Pipilotti Rists Videotape "Blutclip" (1993) verhandelt das Thema Menstruation eher theoretisch - im Zusammenhang mit den feministischen Thesen jener Jahre: Die menstruierende Frau sollte damals im Sinne einer gesellschaftlichen Enttabuisierung eine Aufwertung erfahren - wie weibliche Körperfunktionen und Sexualität generell. Rists groteske Darstellungen des blutenden Frauenkörpers unterwandern die Vorstellung vom Blut als "authentischen Stoff".
Echten Stoff hat Warhol eingesetzt für sein "Oxidation Painting" (1978). Der Pop-Art-Rebell befreite sich so von der stilistischen Bevormundung; er "malte" eine Variation der Dripp-Paintings Pollocks, dem Säulenheiligen der Zeit. Statt des Pinsels, mit dem Pollock Farbe auf Leinwände tröpfeln ließ oder wild verspritzte, nutzte Warhol seinen Urinstrahl. Die Harnsäure fraß den Pollock-Ejakulationen ähnliche Strukturen, nur anrüchiger.
Die Ausstellung hat so ziemlich alles dabei, real und als Fiktion, was den Körper durchwandert, in ihn eindringt, aus ihm austritt oder ihn verletzt: Blut, Sperma, Erbrochenes, Kot. Aber auch Liebe, Leidenschaft. Es geht um Aggression und Autoaggression, Rituale und Kulte, Reproduktion. Alles, was da so anschaulich abgeht, ist allerdings Teil eines streng diskursiven Konzepts über reale oder fiktive, meist metaphorische Interaktionen. Es geht um Lust, Sex und Gewalt, um Grenzüberschreitungen, um Leben und Tod, Nehmen und Geben. Und um Kontrolle. Im Blickpunkt steht auch der Künstler, der seinen eigenen Körper einem Selbstversuch unterzieht, ihn kasteit.
Das sind Grenzerfahrungen, auch für das Publikum. Dem österreichischen Aktionisten Rudolph Schwarzkogler war bei einer Selbstkastration die Selbstkontrolle entglitten - er verblutete. Auf den Schwarz-Weiß-Fotos seiner extremen Aktionen indes sieht es immer nur so aus, als ob er sich was täte.
Beuys "Jungfrau" von 1952 ist "nur" Symbolik: Auf einem Kissen unter Glas, nichts als ein wenig Verbandstoff und Wachs. Für den Rest sorgt die Fantasie. Das Sexuelle steckt noch im scheinbar Abstraktesten. Als prägnantes Symbol weiblicher Sexualität ist die Vagina ohnehin präsent: Carolee Schneemann etwa liest in ihrer Performance "Interior Scroll" von 1975 einen Text vor, den sie aus ihrer Scheide zieht wie eine Nabelschnur.
Kenneth Anger etwa war 17 Jahre alt, als er seinen Trancefilm "Firework" drehte. Anger selbst spielt den Träumer, der zu Beginn des Films erwacht und durch eine Tür geht, auf der in großen Lettern "Gents" geschrieben steht. Es folgt eine homosexuelle Fantasie, in der Anger auf mehrere Matrosen trifft, die ihn foltern. Gleichzeitig werden Symbole abendländischer Feiertage entweiht: Einer der Matrosen trägt einen geschmückten Weihnachtsbaum mit sich herum, ein anderer steckt einen Feuerwerkskörper als Phallussymbol in seine Hose. Der Anger-Film kombiniert die Lieblingsthemen jener Jahre: Das Scheitern des Protagonisten bei der Suche nach Erfüllung seiner Leidenschaften, das Abdriften in Gewalt, Terror, Symbolismus. Anger beschreibt seinen Träumer als Menschen auf der Suche nach Licht.
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KunstWerke Berlin, Auguststr. 69, Vernissage am 25. November, 17-21 Uhr, bis 28. Januar, Di-So 12-19/Do bis 21 Uhr. Das von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Ausstellungsprojekt ist eine Kooperation mit dem P.S.1 Contemporary Art Center, New York.
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Die Ausstellung hat so ziemlich alles dabei, real und als Fiktion, was den Körper durchwandert, was ein- und ausdringt.
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Foto: Tintenblut: Der Schweizer Thomas Hirschhorn vermischt in seinem Tableau "Dessin Jaloux-Sara", 2006, die aufdringliche Bildprache der Sexindustrie mit Zeichen und Merkmalen von Verletzung und körperlicher Deformation.