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Eremit trifft Dichter

Der Zeichner Gerhard Altenbourg würde heute 80

Ingeborg Ruthe

Bibliotheken-Besessenheit; Tage im Lesesaal..." Hinter diesen Notaten in Gerhard Altenbourgs Tagebuchaufzeichnungen nach 1947 zählt der Zeichner alles auf, was seine Linien hintrieb zum Exzessiven und zum Poetischen: Die Dada-Ekstasen Hugo Balls, die gewachsenen Formen Hans Arps, die erotischen Gärten Hans Bellmers, die Schattenpsyche Füßlis, Blakes Eindringen in unbekannte Räume. Und Gottfried Benns "Nervenkalkül", vor allem von diesem beeindruckt, zeichnet Altenbourg seine "Nervenfaserköpfe". Er setzte sie aufs Papier "wie Gänge unter die Haut, Verwandlungen, wo aus Blüten Asche spross und umgekehrt."

Der so schrieb, dazu zeichnete, war einer der eigenwilligsten, wohl auch einsamsten unter den Künstlern der DDR. Die Funktionäre verachteten ihn als "Manieristen". Der thüringische Pastorensohn, geboren in Schnepfenthal bei Friedrichroda, war Eremit, gab sich aber als Bohemian. Seine Exzentrik war Schutzschild - gegen den robusten Sozialistischen Realismus. Klees Bilderkosmos war ihm nahe, die Dadaisten und Expressionisten, nicht der Bitterfelder Weg. Das verschaffte ihm früh eine Sammler-Gemeinde im Westen, darunter der NRW-Museumsmann Armin Zweite und der Berliner Galerist Brusberg.

Letzterer belegt jetzt in einer schönen Ausstellung die Affinität Altenbourgs zu Benn. Neben dessen Versen hängen die Blätter des Thüringers. Man möchte glauben, die beiden hätten zusammengesessen, sich Strophen und Linien, Schraffuren und Farbflecke zugespielt. Zu Benns "Meer-und Wandersagen", 1922 bis 1936 geschrieben, tuschte Altenbourg 1955 auf Japanpapier zwei Göttergestalten mit Masken in arkadischer Landschaft; eine tritt vor, ihr gilt Benns Strophe: "Ich schweige, daß ich Dich höre." Altenbourgs Figurengruppen sind doppeldeutige Verwandlungsszenen. Und selten wird man vor einem Werk stehen, das derart manisch den Kriegsschrecken auf der Spur ist. Altenbourg, der unfreiwillige Wehrmachtssoldat, bekennt sich auf jedem Fetzen Packpapier als ein Versehrter, sein Zeichenstift hinterließ Wunden wie von Messern.

Altenbourg alias Ströch, der sich nach seiner Wahl-Heimatstadt Altenburg benannte, hatte an der Kunsthochschule Weimar studiert, dem einstigen Bauhaus, wo sie ihn wegen seiner erotischen Drucke bald feuerten, schließlich herrschte Stalinismus im Lande. Aber da hatten ihn der Bibliotheks- und der Werkstattrausch längst übermannt, die Lust am Poetischen wie am Handwerk, am zeichnerischen und grafischen Prozess. Jenem widmet sich das Altenburger Lindenau-Museum in seiner Hommage.

Altenbourg, das zeigt sich in beiden Gedenkausstellungen, hatte einen Hang zum Mystischen, zum Religiösen und Philosophisch-Esoterischen. Seine doppeldeutigen Transformationen vom Skurrilen ins Monströse und vom Verletzlichen ins Erotische, diese merkwürdigen Körperverwandlungen bedeuteten dem Künstler die Überwindung von Enge, Angst und Zwang. Das Verwandeln, Durchdringen, Verästeln, die Symbiose und das Wachstum waren seine Themen. Farbteppichhaftes, dann wieder minutiös Gestricheltes oder Splittriges formte sich zu einer Gefühls- und Geisteswelt, die uns Betrachter beunruhigt.

Der Zeichner starb 1989 bei einem Autounfall. Ausgerechnet dann, als er sich endlich hätte frei bewegen, wo er für Stasi-Verhöre, Telefon- und Postüberwachung Rechenschaft hätte verlangen können und echte, nicht heimlich im Kulturministerium erteilte Reisefreiheit für den Devisenbringer.

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Hommagen

Der Zeichner Gerhard Altenbourg, heute vor 80 Jahren in Thüringen geboren, 1989 bei einem Autounfall ums Leben gekommen, zählte zu den Ausnahmekünstlern in der DDR - schon früh hatte er Sammler im Westen.

Die Galerie Brusberg Berlin thematisiert die Wahlverwandtschaft des Zeichners mit dem Dichter Gottfried Benn: "Ich schweige, daß ich Dich höre", Kurfürstendamm 213: bis 20. 1., Di-Fr 10-18.30/Sa 10-14 Uhr.

Das Lindenau-Museum Altenburg zeigt die frühen Lithografien: "Aber die Blume der Romantik", bis 4. 2., Di-Fr 12-18/Sa+So 10-18 Uhr.

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Foto: "Achtung" heißt dieses Aquarell von 1955.