Jetzt schieß' ich dich tot", sagt der rote Zwerg zum Publikum. Und das Publikum amüsiert sich. Beißender Spott, wie Zhang Bin ihn sich auf seinen Bildern vom Fortschritt in China leistet, lässt im Fernen Osten die Zensur kalt und bringt den Kunstmarkt im Westen auf Temperatur. Für uns hat solche Kunst trotz der kulturellen Distanz nämlich enorme Eingängigkeit. Und Unterhaltungswert. Wir erkennen unseren Warhol wieder oder unseren Kippenberger. Und das viele verwaschene Rot identifizieren wir auf Anhieb als (post)kommunistisch.
Und so ist diese im Westen heiß begehrte Kunst aus den Alchemisten-Studios von Peking bis Shanghai ein durchaus gültiges Logo für das moderne China. Sie zeichnet sich aus durch aggressive Körperlichkeit, schrill bis zur Aufdringlichkeit, brutal in der Gestik, distanzlos angeschlossen an die Werbung der schönen neuen Konsumwelt im Reich der Mitte.
Der Berlin-Peking-Galerist Alexander Ochs brachte schon etliche Stars der jungen China-Szene, hierher. Fang Lijun etwa setzt schrillbunte Rundköpfe, Rufer, wild Schreiende, Grinsende, Weinende auf seine überdimensionalen Rollbilder. Oder kräftig ausholende Schwimmer, die gegen Strudel und Turbulenzen kämpfen. Andere treiben hilflos im Wasser. Abgehängt. Die Köpfe wirken austauschbar. Typisch für die "modulare" chinesische Gesellschaft.
Auch andere, die schon einen Namen haben, fotografieren oder malen, wie Yue Minjun, Massenansammlungen exakt gleich aussehender Männer, deren Münder zur Grimasse eines sämtliche Zähne präsentierenden Lachens verzogen sind; die Augen bleiben geschlossen. Dieser kollektive Optimismus grinsender Klone gehört zur emblematischen Ausstattung des neuen China. Rotgardisten oder Mao-Köpfe in Pop-Manier, wie Wang Guanyi sie malt, posieren vor Cola- und Nike-Werbung.
Das Versprechen dieser Kunst sprengt alle Maße. Es zieht die Karawane der Sammler, Händler, Kuratoren magisch an, ob nun am Ursprungsort oder auf den Messen und Biennalen der Welt. Dieses Versprechen treibt die Preise in die Höhe. Es verlockt zu Spekulationen. Dabei ist das Phänomen schon gut zehn Jahre alt. Die Ankäufe des Aachener Großsammlers Peter Ludwig um 1990 ließen in der jungen Kunst aus China ein Kraftfeld vermuten, mit dem sich der saturierte Westmarkt nach dem auszehrenden Sich-Jagen der Stile und Trends, der Diskurse und der Todes- wie Wiederauferstehungsfeiern Energien zuführt.
Alexander Ochs indes macht die Entwicklung zunehmend nachdenklicher. Denn die China-Kunst-Hysterie ist auch besorgniserregend. Nicht bloß wegen der Abertausend Epigonen, die jetzt die wenigen Kunstakademien Chinas und die pilzartig wachsenden Szeneviertel Pekings überfluten. Vor allem auch wegen der unterschätzten Rezeption dieser jungen Kunst. "Wegen der Lücke, der natürlichen Grenzen zwischen den Kulturen", sagt Ochs. Wie sehr das auch zu Missverständnissen führen kann, haben er und der seit der Biennale Venedig 1999 weltbekannte Maler Yang Shaobin erst unlängst erlebt. Yang hatte für die evangelische St. Matthäus-Stiftung Berlin Tafeln zu den Zehn Geboten gemalt. Die Gemeinde aber wollte sie nicht um sich haben. Der Chinese hatte tabulos gegenüber (abendländisch) religiösen Gefühlen Sodom und Gomorrha gemalt - ohne zwischen Opfern und Tätern zu differenzieren.
"Das Fehlen jeglicher Spiritualität", sagt Galerist Ochs, "verstörte die freundlichen Gastgeber". Eine Erfahrung, die tief eingehen wird in seine Arbeit. Denn hier stößt junge China-Kunst tatsächlich an Verständigungsschranken.
Yang Shaobin hatte als Kind im maoistischen China viel Gewalt erlebt. Sie wurde sein Thema. Er malt Bilder zum Krieg, zu staatlicher Gewalt, zur Ausbeutung, etwa der "Miners" in den Schächten von Tang Shan, seiner Heimatstadt. Yang lebe heute umtost vom neuen Materialismus, sagt sein Galerist. "In einer Gesellschaft, für die Geld der alles bestimmende Wert ist; in einer Stadt, in der die buddhistischen Tempel zu touristischen Verkaufsstellen verramscht und die wenigen christlichen Kirchen immer verschlossen sind; wo aber bei Beerdigungen Striptease-Tänzerinnen zur Aufwertung der Feier auftreten."
Hinter junger Kunst aus China steht also vor allem eine dramatische, düstere Geschichte, der die Jungen mit schriller Farbe und knalliger Geste beikommen wollen. Das Bildergebnis dieser Reaktion auf den nachwirkenden Maoismus ist oft plakativ bis zur Unerträglichkeit - doch authentisch. Denn es vereint das Martialische und Abgründige der chinesischen Kulturrevolution, das Absurde und Groteske des nahtlosen Übergangs vom primitiven Kommunismus in einen nicht zu stoppenden Turbokapitalismus. Und da hinein mischen sich fürs abendländische Event-Naturell das exotisch Fremde und die grelle Buntheit der modernesüchtigen Jugend. Viele Künstler haben nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 das bürgerbewegte Gespräch über eine neue Gesellschaft abgebrochen - und sich auf einen anderen Stil verlegt: Dieser "Politische Pop" oder "Zynische Realismus" kommt im Westen an. Die in den Bildern durch drastische Symbolik und Klischees dargestellte Allianz von Kommunismus und Kapitalismus ist Markenzeichen.
Auch Uli Sigg, der weltweit größte Sammler junger China-Kunst, sieht die Gefahr, dass der überhitzte Markt die bisher so spannende Entwicklung beschädigt. "Das Besondere", sagt der Schweizer, der seine enorme Sammlung gerade in Hamburg zeigt, "ist doch, dass die figurative Malerei so selbstverständlich vorherrscht. Es gab oder gibt in China nicht diese Analytik, dieses Destillieren der Figur bis zur Abstraktion und zum Verschwinden wie in der westlichen Moderne. Die chinesische Moderne ist anders. Aber sie darf aus lauter Drang nach dem schnellen Geld ihre Fähigkeit nicht verlieren, neue Kunstformen zu finden, ohne zu kopieren." Ein frommer Wunsch.
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China-Ausstellungen
Kunsthalle Hamburg Galerie der Gegenwart: "Mahjong" aus der Sammlung Sigg, bis 18. 2. 2007
Sammlung Essl in Klosterneuburg bei Wien: "China Now", bis 28. 1. 2007
Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim: PhotoChina, bis 7. 1. 2007
Galerie Ochs Berlin: "International Airport Terminal", Bilder von Yin Xiuzhen, Sophienstr. 21, bis 11. 11.
Stiftung Matthäus Berlin, Am Kulturforum: Yang Shaobin: "Andere Zehn Gebote", bis 4. 2. 2007
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Foto (2) :
"Fly", 2004: der Mensch im Reich der Mitte und seine neuen Spiele. Gemälde von Zhang Bin aus Peking.
Qi Zhilong: "o. T.", 1998