Ich selber wirken? Nein, ich will verstehen", sagte Hannah Arendt (1906-1975), die politische Schriftstellerin und Philosophin, die als Beruf immer nur "Denkerin" angab.
Im Industrieregal stehen Arendts menschliche Denk-Modelle, wie in einem Lager. Der Berliner Bildhauer Volker März hat sie aus Ton geformt und schrill bemalt. Hunderte Male ist die Frau zu erkennen - der unbändige dunkle Haarschopf, die markante Nase, der breite Mund. Links und rechts, oben und unten Männergestalten, unverkennbar die Gesichter von Benjamin, Jaspers, Heidegger. Heidegger steht im Waschbecken; er trägt grüne Schwimmflossen. Im Regal stehen viele Nazis, und noch mehr Gestalten sogenannter Mitläufer im Dritten Reich. Die, die von nichts gewusst haben wollen. Der Bildhauer hat Arendts Satz von der"Banalität des Bösen" zur abstrusen Figuren-Installation gemacht. Dazu Masken: Das Lachen der Hannah Arendt.
Die alte jüdische Mädchenschule in der Auguststraße Nr. 11-13, die jetzt von 13 Künstlern zum Hannah Arendt-Denkraum gemacht wurde, war nicht ihre Schule. Sie lernte Lesen, Schreiben und Rechnen in Königsberg. Jüdische Kinder aus dem Scheunenviertel saßen bis 1937 in diesen Klassenzimmern. Nach 1949 war das rotbraune Klinkerhaus des Gemeindearchitekten Alexander Beer eine DDR-Schule, die POS Bertolt Brecht. Noch bis 1996 lief der Schulbetrieb. Die Patina der Geschichte hat die morbiden Klassenzimmer und Flure über Jahrzehnte konserviert. Die Jüdische Gemeinde bekam das Haus zurück. Aber es ist schwer mit dem Erbe. Es gibt nicht genügend jüdische Kinder in Osten Berlins. In den Fluren und Klassenzimmern, in der Aula und der Turnhalle hat sich eine fast geisterhafte Atmosphäre erhalten. Ein "auratischer Ort" wurde die Schule von den Kuratoren der vierten Berlin Biennale im Frühjahr genannt.
Abermals hat die Jüdische Gemeinde das Haus für junge Kunst geöffnet. Anlass ist der 100. Geburtstag Arendts am Sonntag. Bekannte Konzeptkünstler sind gekommen, darunter die New Yorkerin Martha Rosler, die Iranerin Parastou Forouhar, der Schweizer Thomas Hirschhorn, der Israeli Ram Katzir. Sie verarbeiten Arendts strenge Denkmodelle zu mal nüchternen, mal dramatischen, traumatischen Rauminstallationen. Es gibt viel zu lesen, zu schreiben, zu hören in dieser Schau. Den Besucher erwarten Leseräume, Schreibräume, Hörspiele, Fernsehräume. Sogar ein Raum, in dem beim Denken geraucht werden darf, was das Zeug hält. Der Berliner Tobias Hauser hat gegen den Qualm einen Abzug eingebaut. Nebenbei belegt er in seiner Rauchkringel-Installation zu Ehren der Kettenraucherin Hannah Arendt, dass Anti-Raucher-Debatten immer dann forciert werden, wenn die Politik von ungelösten Problemen ablenken will.
Man muss auch viel laufen in dieser Schau, nicht nur wegen der Schultreppen. Auf der Monitormeile der Schweizer Gruppe Hofer/ Oettli/Hefti wird der ganze Lese-Marathon 2001 in Zürcher Warenhäusern, Kirchen, Theatern wiederholt, der galt dem Wälzer "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft". Aber wie viele haben dieses Buch wirklich gelesen? Die Künstler empfehlen lakonisch: "Genießen Sie mit uns die Retraite vom Lärm der Vergangenheitsdebatten. Dieses Buch zeigt bis heute keine Wirkung!"
Ansatzpunkt, das sagen die Künstler alle, sei für sie die metapherngewaltige Bildsprache der Jüdin Arendt, in der sie Walter Benjamin so nahe ist. Hirschhorn stellt das in seiner "Hannah-Arendt-Map" heraus, die zeigt das persönliche Bezugs- und das geistige Zeichensystem der ungewöhnlichen Frau, die 1928 bei Karl Jaspers über den Liebesbegriff promovierte.
"Ihre Zitate sind offen, wie für heute geschrieben", sagt die Berlinerin Judith Siegmund. Sie hat in Weißenfels, Sachsen-Anhalt, einer Stadt mit hoher Arbeitslosenrate, mit 80 Leuten über Arendts Texte zur Arbeit gesprochen, die Gespräche gefilmt. Zitate der Frauen und Männer sind nun an den Klassenraumwänden zu lesen. Auf weißen Stehpulten liegen Blätter mit Arendt-Texten zum Begriff Arbeit. 1958 schrieb sie: "Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?" Geradezu physisch gerät der Kontakt des Publikums in der Arbeit Martha Roslers. Viele Zitate aus Arendts Totalitarismus-Buch hängen auf sich leise bewegenden Duschvorhängen von der Decke. Die Sätze verschränken sich auf Deutsch und Englisch; Hannah Arendt hatte gesagt, sie denke in ihrer Muttersprache, aber sie schreibe es auf in der Sprache des Exils.
Und die iranische Immigrantin Parastou Forouhar baute eine Installationen aus Video und rosa Luftballons, auf die sie symmetrische, ornamentale Folterszenen zeichnete. Sie hat sich mit Arendts Begriff "Weltverlust" befasst. Entstanden ist die Arbeit mit dem Titel: "Sag mir, wo die Menschen sind?"
Ehemalige Jüdische Mädchenschule, Auguststraße 11-13, vom 14.10. bis 19.11.,Di+Mi/Fr-So 12-19, Do 12-21Uhr. Die Ausstellung wird kuratiert von Peter Funken und Katharina Kaiser.
Das Rahmenprogramm unter: www. hannaharendt-denkraum.com
------------------------------
Foto: Benjamin-Arendt-Maskerade vor der Installation "Das Lager als Denkraum" von Volker März